Wie Donald Trump versucht, die Realität zu besiegen

Der US-Präsident hat mit Lügen und Halbwahrheiten eine Alternativwelt geschaffen. Gefährlich ist, dass das kaum mehr stört.

US-Präsident Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Florida: Der Selbstbetrug greift nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Unterstützern um sich. (Foto: AFP)

US-Präsident Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Florida: Der Selbstbetrug greift nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Unterstützern um sich. (Foto: AFP)

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«Merkt euch: Was ihr seht und lest, passiert nicht wirklich.» Der Satz stammt aus dem Mund von Donald Trump, er hat ihn Ende Juli in einer Rede vor Kriegsveteranen in Kansas City gesagt. «Glaubt einfach uns», lautete die Lösung des US-Präsidenten. Uns, also Trump und den Republikanern. Nicht den Demokraten, nicht den Wissenschaftlern, nicht den Medien.

Die Alternativwelt des 45. US-Präsidenten ist nach dem 20. Januar 2017, dem Tag seiner Amtseinführung, erstmals deutlich in Erscheinung getreten. Donald Trump behauptet hinterher, die Menschenmenge bei seiner Vereidigung sei grösser als die seines Vorgängers Barack Obama gewesen. Sie sei überhaupt die grösste Ansammlung von Menschen, die je einer Amtseinführung eines US-Präsidenten beigewohnt hätte.

Luftaufnahmen zeigen deutlich, dass die Strassen Washingtons bei Trump deutlich leerer als bei seinem Vorgänger sind. Sein damaliger Sprecher Sean Spicer beharrt trotzdem darauf, dass der US-Präsident die Wahrheit sagt. Die Amerikaner haben Trump als Politiker im Wahlkampf kennengelernt. Doch nun, im Weissen Haus, erscheint sein Verhalten absurd. Ein Präsident, der offensichtliche Tatsachen verdreht? Mancher reibt sich lachend die Augen. Noch.

18 Monate und 4229 Lügen später ist klar, dass Trump in seiner eigenen, aus den Bedürfnissen seines Egos konstruierten Welt lebt. Objektive Wahrheiten, die seiner Weltsicht widersprechen, bekämpft Trump wie einst die Baufirmen, die vom Immobilien-Unternehmer ihre Honorare forderten. Weshalb er kritische Medien unter anderem als «Fake News» und «die grössten Feinde unseres Landes» bezeichnet hat. Attacken auf die Presse wiederholt er laufend auf Twitter und bei fast jeder öffentlichen Rede. Seine Unwahrheiten verteidigt er mit Verve und Vehemenz.

Trump lügt durchschnittlich 7,6 Mal am Tag

Die Fakten-Checker der Washington Post, deren Bedeutung und Überstunden unter Trump gewachsen sind, stellten fest, dass die Zahl seiner «falschen und in die Irre führenden Behauptungen» sich in den vergangenen sechs Monaten fast verdoppelt hat. Durchschnittlich lügt Trump demnach 7,6 Mal am Tag. Zu Beginn seiner Präsidentschaft waren es nur 4,9 Unwahrheiten.

Manche Lügen wiederholt er immer und immer wieder. Besonders, wenn sie den Kern seiner politischen Agenda betreffen. Wenn es etwa um den Welthandel, die Zölle, die Einwanderung oder darum geht, dass die Europäer mehr Geld zur Nato beisteuern sollen.

Unter Trump sind Lügen nicht nur alltäglich geworden, sie gehören zu seiner Marke wie Twitter-Gewitter und Grossspurigkeit. Und seine Anhänger verehren ihn auch dafür.

Wobei das natürlich zusammenhängt: Würde Trump nicht lügen, könnte er sich nicht als alleiniger Retter der USA inszenieren. Wäre er für seine Anhänger nicht der Retter der USA, würden sie ihm nicht zu Füssen liegen. Und Trumps Anhänger müssen inzwischen schon deshalb seinen Behauptungen zumindest halbwegs glauben, weil der Umkehrschluss unbequem wäre: die Erkenntnis, einem Schwindler aufgesessen zu sein.

Orwells «1984» wird heute oft zitiert

Um die eigenen Ansichten als Wahrheit erscheinen zu lassen, ist es für Trump unabdingbar, Medien wie die New York Times, die Washington Post oder den Nachrichtensender CNN regelmässig zu verteufeln. In Kansas sagte er: «Glaubt nicht den Mist, den ihr von diesen Leuten seht».

Für viele seiner politischen Gegner hört sich das nach George Orwell an. Die meistzitierten Sätze aus dessen dystopischem Roman «1984» lauten dieser Tage: «Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren nicht zu trauen. Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot.» Und weiter: «Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ginge die Lüge in die Geschichte ein und würde zur Wahrheit.»

Dem konservativen Sender Fox News, Lieblingskanal des Präsidenten, kommt dabei die Rolle des Chronisten zu, der die Echtzeit-Geschichtsfälschung zur Wahrheit erklärt. Mehr noch: Er bestätigt nicht nur die Existenz der Trump-Welt, sondern dient dem dauerfernsehenden Staatsoberhaupt auch als Inspiration und Ideenquelle. Mit dem Fox-News-Journalisten Sean Hannity telefoniert Trump regelmässig, um sich Ratschläge zu holen.

Angesichts der Kritik, die von vielen Seiten auf das Weisse Haus einprasselt, scheint es schwer möglich, kognitiven Dissonanzen zu entgehen. Der US-Präsident jedoch versucht, sich von unbequemen Ansichten zu isolieren. So hat der 72-Jährige inzwischen nicht nur Ja-Sager um sich herum versammelt, sondern verbietet seiner Ehefrau Melania dem Vernehmen nach sogar, im Präsidentenflugzeug CNN zu gucken.

Propaganda nutzt die Leichtgläubigkeit der Menschen aus

Trump, der im direkten Gespräch oft konfliktscheu ist, vermeidet die direkte Konfrontation mit Andersdenkenden. Sportteams wie die Basketball-Mannschaft Golden State Warriors lud er aus dem Weissen Haus aus, nachdem sich Spieler kritisch geäussert hatten. Als an der Grenze illegale Einwanderer von ihren Kindern getrennt wurden, sagte er ein traditionelles Picknick mit Demokraten und Republikanern im Weissen Haus ab. Der Verdacht liegt nahe, dass er nicht mit demokratischen Abgeordneten und deren Meinung konfrontiert werden wollte.

Inzwischen hat Trump die Realität besiegt, zumindest an der eigenen Basis. Einer aktuellen Umfrage der Quinnipiac University zufolge vertrauen drei Viertel der Republikaner dem Präsidenten mehr als den Nachrichtenmedien.

Die Antwort, warum Menschen ihm Glauben schenken, ist nach einer neuen Studie der Yale University ganz simpel: die Wiederholung macht es. Je häufiger ein Mensch falsche Behauptungen liest oder hört, desto eher glaubt er sie. Das Phänomen nennen die Forscher «illusorischen Wahrheitseffekt».

Propaganda nutzt die Leichtgläubigkeit der Menschen aus und provoziert mit möglichst intensiven Reizen. Die kursierenden Verschwörungstheorien, die immer häufiger in den konservativen Mainstream schwappen, belegen das Potenzial solcher «alternativer Realitäten». Dass Trump seinen politischen Durchbruch mit der Theorie von Barack Obamas falscher Staatsbürgerschaft feierte, passt dazu.

Trumps permanente Diskreditierung der Presse, die ihm tatsächlich oft nicht wohlgesonnen ist, tut ihr Übriges. Erst kürzlich beschimpften Trump-Anhänger bei einem seiner Auftritte in Florida CNN-Mann Jim Acosta aufs Übelste. Als dieser später von Pressesprecherin Huckabee-Sanders forderte, sie solle sagen, dass die Medien nicht «der Feind des Volkes» seien, antwortete sie: «Der Präsident hat seine Meinung klar gemacht.»

In der Welt der eigenen Basis läuft es also grossartig für den Trumpismus. Die Immunisierung der Konservativen gegen die Wahrheit funktioniert. In ihrer Welt war Trump die richtige Wahl. Schliesslich schafft er Jobs, senkt Steuern, greift bei der illegalen Einwanderung durch und macht, so steht es auf seinen Baseballkappen, Amerika wieder grossartig. Jeder, der etwas anderes behauptet, versucht nur, diesen grossartigen Präsidenten zu untergraben.

Erstellt: 13.08.2018, 21:04 Uhr

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