Wie eine Journalistin den Job der Justiz machte

Julie Brown, Reporterin beim «Miami Herald», hat den Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein aufgedeckt.

Julie Brown hat den Opfern eine Stimme gegeben. Foto: EPA

Julie Brown hat den Opfern eine Stimme gegeben. Foto: EPA

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Als Julie Brown vor etwas mehr als zwei Jahren entschied, sich den Fall Jeffrey Epstein genauer anzuschauen, war dieser eigentlich längst abgeschlossen. Für Epstein selbst, der nach einer geringen Haftstrafe bereits wieder zwischen seinen Anwesen in New York, Paris und auf seiner karibischen Insel hin und her flog. Für die Staatsanwaltschaft, die mit dem Multimillionär einen Vergleich abgeschlossen hatte, der die schweren Missbrauchsvorwürfe Dutzender junger Opfer gegen ihn faktisch begrub. Und für die meisten US-Medien, die dem gut vernetzten Epstein stets sehr schonungsvoll begegnet waren. Für Brown aber, die seit 19 Jahren als Journalistin bei der Zeitung «Miami Herald» arbeitet, begann die Arbeit erst.

Eineinhalb Jahre verbrachte Brown damit, Epsteins Opfern nachzuspüren, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zu überreden, ihr von den Übergriffen zu erzählen. Sie sprach mit Polizisten, die gegen den Financier ermittelt hatten, aber von ihren Vorgesetzten ausgebremst wurden. Sie wühlte sich durch Berge von Akten, flog von Florida nach New York, um vor Gericht Einsicht in Dokumente zu erkämpfen, und bezahlte manche ihrer Reisen aus der eigenen Tasche. Das Resultat: eine im November 2018 publizierte Serie von Artikeln, in der für alle nachzulesen war, wie Epstein sich bis zu dreimal am Tag an minderjährigen Mädchen verging, von denen einige erst 14 Jahre alt waren, und wie er sie dafür bezahlte, andere Mädchen für ihn zu rekrutieren.

Kurz gesagt: Eine Journalistin machte im Alleingang den Job, den die amerikanische Justiz nicht getan hatte. Das ist eine erfreuliche Nachricht in Zeiten, in denen im Weissen Haus einer sitzt, der Journalisten als «Volksfeinde» bezeichnet. Als die New Yorker Staatsanwaltschaft letzte Woche ihre Anklage gegen Ep­stein verkündete, verwies sie auf den «herausragenden investigativen Journalismus», der in dem Fall geleistet wurde – und meinte die Arbeit von Brown.

Beharrliche Recherchen

Es war die verdiente Anerkennung für die Frau, die als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen war und mit 16 Jahren ausziehen musste, um sich als Kellnerin und Fabrikarbeiterin das Geld zu verdienen, das sie für ihr Journalismusstudium brauchte. Beim «Miami Herald» gewann Brown über die Jahre mehrere Preise für ihre Artikel über Missstände im Justizwesen, die sie aufgedeckt hatte, beharrlich und oft gegen Widerstände.

Die wahren Helden

Dem Radiosender WNYC ­erzählte die 57-Jährige, was sie bei ihren Recherchen antrieb: der Wunsch, den mehr als 80 mutmasslichen Opfern Epsteins eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die von der Justiz zum Schweigen gebracht wurde, als diese sich mit Jeffrey Epsteins Anwälten auf eine geheime Vereinbarung einliess, für welche die Opfer nie angehört wurden.

«Sie liessen Epstein laufen», sagte Brown, «und sie vertuschten die Sache auch noch.» Man wisse ja von der katholischen Kirche, dass sie die Priester gedeckt habe, die Kinder missbraucht hätten. «Aber in diesem Fall war es unsere eigene Regierung, die Epstein beschützte.»

Für den Mann, der 2008 für die US-Regierung als Staatsanwalt für den Deal verantwortlich war, hatten Browns Artikel bereits Konsequenzen: Alexander Acosta, Arbeitsminister von Präsident Donald Trump, trat am Freitag zurück. Womöglich wird der Fall bald weitere Leute erfassen. Brown entdeckte Hinweise auf Bekannte Epsteins, die sich von ihm Mädchen vermitteln liessen. Noch sind ihre Namen nicht bekannt, doch Epstein könnte sie im Verlauf des Prozesses preisgeben.

Von ihren Berufskollegen wird Brown nun mit Lob überschüttet. Lieber wäre ihr, man würde an all die Opfer denken, die den Mut aufbrachten, ihr gegen alle Ängste ihre Geschichten zu erzählen, schrieb sie bei Twitter: «Sie sind die wahren Heldinnen.»

Erstellt: 14.07.2019, 20:50 Uhr

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