«Die US-Wahl war ein Krieg. Einsamer Rächer gegen Eigentümer»

Für den kommunistischen französischen Philosophen Alain Badiou enthüllen die US-Wahlen die amerikanische Misere.

«Die Frage, wie sich Menschen kleiden, ist nun wirklich nicht vorrangig», sagt Alain Badiou. Foto: Reto Oeschger

«Die Frage, wie sich Menschen kleiden, ist nun wirklich nicht vorrangig», sagt Alain Badiou. Foto: Reto Oeschger

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Sie waren während der Wahlen in den USA. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?
Ich kenne vor allem Leute aus dem intellektuellen und studentischen Milieu. Fast alle waren Anhänger von Bernie Sanders. Die erste Enttäuschung erlebten diese Leute, als Hillary Clinton als Kandidatin der Demokraten nominiert wurde. Sie haben dann nur deshalb für sie gestimmt, um Donald Trump Steine in den Weg zu legen. Das hat allerdings auch nicht funktioniert! Am Ende erlitten sie eine Art Schock. Auf mich wirkten sie niedergeschlagen und verzweifelt. Ich war an Konferenzen eingeladen und habe erklärt, man müsse versuchen, eine Erklärung für das Resultat zu finden.

Was ist die Erklärung?
Ich denke, der wahre Gegensatz dieser Wahl bestand zwischen Bernie Sanders und Donald Trump. Sanders war der Outsider für die Demokraten, Trump für die Republikaner. Das Establishment wurde von den beiden Seiten überrollt, in Trumps Fall von einem amerikanischen Abenteurer, einem Mann des Geschäfts, der sogar seinen Wahlkampf selber bezahlen kann. Dagegen hat Bernie Sanders einige für die politische Welt der USA sehr linke Vorschläge gemacht. Seine Kampagne war finanziert von vielen kleinen Spenden, sogar die Wahlkampffinanzierung war also völlig gegensätzlich. Und im Gegensatz Trump/Sanders war Hillary Clinton dann tatsächlich die Kandidatin des Establishments. Dazu haben beide Parteien unterschätzt, wie unzufrieden die Leute sind. Die Wahlen enthüllen ein grosses amerikanisches Malaise.

Warum profitiert derzeit die politische Rechte von diesem Unmut?
Weil die Leute nicht einsehen, was die Programme der traditionellen Linken ändern sollen. Die Linke macht keine gewagten Vorschläge mehr. Auch wenn Clinton in den USA mehr Stimmen gemacht hat als Trump: Bernie Sanders hätte einen Teil der Wähler um sich sammeln können, die nun praktisch alle für Trump gestimmt haben – übrigens traditionell Wähler der Demokratischen Partei. Mit ihm wären die Wahlen eine Auseinandersetzung zwischen zwei völlig konträren Visionen der USA gewesen. Stattdessen war es ein Krieg des Establishments gegen den Aussenseiter. Wie im Western: ein einsamer Rächer gegen die Eigentümer.

Wieso stimmen die Menschen immer wieder für Politiker, die sich nicht für ihre Interessen einsetzen werden?
Das ist das grosse Problem. Ich denke, heute glauben die Menschen nicht mehr an eine Hypothese, die sich die Welt anders ausmalt als so, wie sie sie kennen. Man schenkt den kommunistischen und den radikalen Ideen kein Gehör mehr. Also ziehen sich die Leute auf nationalistische und identitäre Modelle zurück. Trump hat sie mit der Idee verführt, den USA den weissen, machtvollen, isolationistischen Glanz von einst zurückzugeben. Er hat sie glauben gemacht, die Situation sei deswegen so schlecht, weil man diese Ideen aufgegeben habe. Das ist eine alte Idee der amerikanischen Rechten, aber er wird sie nicht umsetzen. Die USA werden sich nicht aus dem Weltmarkt zurückziehen.

«Es wäre normaler, Banker zu kontrollieren als Musliminnen.»

Trump, Brexit, Rechtspopulismus: Man hat derzeit das Gefühl, alles sei Politik. Leben wir in einer Zeit des permanenten Ereignisses?
Im Gegenteil, wir erleben eher die Folgen einer Situation, die sich für viele Menschen verschlechtert hat, nicht zuletzt seit der Finanzkrise von 2008. Ein paar junge Leute suchen nach neuen Orientierungen, aber die meisten sind desorientiert und finden, die Lage sei schlecht, weshalb man sich rückwärts bewegen müsse. Die Ergebnisse vieler Wahlen sind dann so, dass Leute hochgeschwemmt werden, die noch rechter sind als die Rechte. Sie vertreten identitäre Phantasmen ohne jegliche Bedeutung in der gegenwärtigen Welt.

Denken Sie, nun könnte eine linke Gegenbewegung Auftrieb haben?
Ich weiss nicht, es ist möglich. Aber im Moment schlittern wir durch eine vollkommen widersprüchliche Welt. Einerseits der global dominante Kapitalismus, anderseits die nationalistische Reaktion, als Einkapselung.

Im Gegensatz zu vielen linken Philosophen war es Ihnen nie sehr wichtig, die Kämpfe von Minderheiten, die Differenzen zwischen den Leuten in der Art, wie sie leben, sich kleiden, Sex haben, zu thematisieren. Hat sich die Linke zu lange auf Identitätspolitik verlassen?
Ich finde, die Politik muss heute diese Differenzen zu integrieren wissen, ohne sie zu einem riesigen Problem zu machen. Letztlich ist die Frage, wie sich die Menschen kleiden, beim heutigen Zustand der Welt wirklich nicht vorrangig. In Frankreich herrscht dazu aber eine derartige Aufregung, dass sie der extremen Rechten nur in die Hände spielen kann. Wenn man zu sagen beginnt: Diese Leute kleiden sich anders als wir, sie denken anders und stammen aus einer anderen Zivilisation – dann schlägt man einen extrem gefährlichen Weg ein.

Hat eine Politik, die zwecks Emanzipation den Unterschied betont, dazu beigetragen?
Das schwerwiegende Problem, das die Linke in Frankreich hatte, war die Arbeitslosigkeit. Dagegen hat sie nichts getan. Dafür hat sie Gesetze gemacht gegen die Tatsache, dass es Frauen gibt, die einen Schleier tragen. Als hätten wir Probleme wegen der Araber. Wir haben Probleme wegen der allgemeinen Wirtschaftspolitik, die verantwortet wird von wechselnden Regierungen und einer Finanzoligarchie. Es wäre sehr viel normaler, Bestimmungen für Banker ins Leben zu rufen als für Musliminnen!

Heute ist die Weltpolitik von obskuren Kriegen bestimmt. In Europa herrscht enorme Arbeitslosigkeit.

Soll die Linke die Identitätspolitik beerdigen?
Vielleicht wird sie wieder einmal wichtiger, aber derzeit ist sie schlicht nicht zentral. Heute ist die Weltpolitik von obskuren Kriegen bestimmt. In Europa herrscht enorme Arbeitslosigkeit. Man muss sich die Frage stellen, wie man die Wirtschaft wieder beleben will. Viele europäische Länder haben akzeptiert, dass ihre Industrien zerschlagen und nach China verlegt worden sind. Das sind die wahren gesellschaftlichen Probleme. Natürlich gibt es auch Hürden hinsichtlich der sexuellen Identität, aber das gesetzgeberische Arsenal ist da schon ziemlich entwickelt. Wie ich meinen homosexuellen Freunden gern sage: Ihr könnt die Ehe gerne haben, sie bedeutet ja eh kaum noch etwas! (lacht)

Sie haben die Abwanderung der Industriejobs erwähnt: Weshalb hat die linke Globalisierungskritik, die es ja auch gibt, gegen die rechte keine Chance?
Man muss zwischen der Globalisierungskritik von links und der Abschottungsposition eines Donald Trump unterscheiden. Die linken Altermondialisten forderten eine Regulierung der weltweiten Spekulation, etwa eine Steuer auf internationale Transaktionen. Es ging nicht darum, Globalisierung zu verhindern, sondern sie zu kontrollieren und einen Teil der Profite zuhanden der Bevölkerung umzuverteilen. Dagegen sagt Trump: Die USA haben zu oft äusseren Mächten nachgegeben, weshalb man nun von chinesischen Produkten überschwemmt werde. Das ist die alte Idee des amerikanischen Isolationismus. Nur ist es ein Witz, dass er die Produkte wieder in den USA herstellen lassen will. Warum wird heute ein Grossteil der Konsumprodukte in China hergestellt? Weil man dort Arbeiter für ein Butterbrot kaufen kann. Das ist Materialismus!

Beunruhigt Sie die nationalistische Reaktion in den USA und in Europa?
Ja. Nach dem Brexit gab es vom rechten und vom linken politischen Rand in Frankreich verhängnisvoll übereinstimmende Rufe, aus der EU auszu­treten. Aber wenn man das tut, bereitet man der extremen Rechte den Boden. Sicher, die EU ist unperfekt und folgt dem Gesetz des globalisierten Kapitalismus. Aber ihr den Rücken kehren? Ich sehe nicht, was das nützen soll. Was soll Frankreich ganz allein tun in seiner Ecke? Ich finde das noch irrationaler als die Lösungen, die Trump anbietet. In der Polemik gegen die EU wird sogar von einer Verschwörung des internationalen Kapitalismus gegen die französische Bevölkerung geredet. Aber die Grösse der «Bevölkerung», das ist eine Abstraktion. In Wahrheit ist Frankreich vollständig eingeklinkt in die Realität des Kapitalismus und der EU. Heute finden selbst einige meiner Freunde, man müsse die Souveränität wiedererlangen, man müsse zurück zur alten Währung. Das hat keine Zukunft.

Wie soll Europa mit Russland umgehen?
Nun, historisch gehört Russland ja zu Europa. Im Kalten Krieg wurde der Kontinent aber als Apparat gegen die Sowjetunion eingesetzt, unterstützt von den USA. Heute wirft man Russland diktatorische Anwandlungen vor, dabei hat Ungarn eine Regierung, die mindestens so reaktionär agiert. Ich denke, Europa müsste mit Russland mit Entschiedenheit verhandeln. Es wäre für die EU interessanter, eine Einheit mit Russland zu bilden, so schwach diese auch immer wäre. Heftige Spannungen mit Russland aufrechtzuerhalten, scheint mir derzeit keine gute Idee. Auch wenn ich keinerlei Sympathien für Putin hege.

Was hat er im Sinn?
Er hat beschlossen, Russland auf der Weltbühne wieder eine gewisse Präsenz zu geben. Er teilt uns mit, dass mit Russland noch immer zu rechnen ist. Ein Staatschef tut solche Dinge, und Putin tut es in der autoritären russischen Tradition. Man muss ­sehen, dass die Ukraine seit dem Mittelalter Teil ist von Russland. Dass Putin nun zu diesen Dingen ­zurückkehrt, war unausweichlich.

Die Annexion der Krim war unausweichlich?
Hören Sie, die Krim ist seit je russisch. Man spricht dort Russisch, die Soldaten, die dort gekämpft haben, waren Russen. Odessa ist Teil der Geschichte der Russischen Revolution, erinnern Sie sich nur an «Panzerkreuzer Potemkin» von Sergei Eisenstein! Bei den baltischen Staaten sieht die Situation anders aus, klar. Aber wenn es um die Krim und um die Ukraine geht: Sie sind seit Jahrhunderten Teil der russischen Identität.

Reden wir da gerade über François Fillon, den konservativen Präsidentschaftskandidaten in Frankreich. Ist er ein Russlandfreund?
Nicht unbedingt. Er scheint vielmehr zu denken, dass es nicht im Interesse von Frankreich sein kann, die Beziehung zu Russland zu erhitzen. Und das ist nun wirklich der einzige seiner Standpunkte, mit dem ich einverstanden bin. (lacht)

Wie schätzen Sie ihn ein?
Er ist ein abscheulicher Revanchist. Ein Repräsentant der katholischen Bourgeoise aus der Provinz, die der Stadt und den Banlieues misstraut, sich gegen soziale Absicherung stellt, gegen die Einmischung des Staates, gegen die Errungenschaften seit dem Zweiten Weltkrieg. Fillon will den ausgeglichenen Staatshaushalt in die Verfassung schreiben. Man soll keinen Rappen mehr ausgeben dürfen als das, was man hat. Der Mann ist besessen von Steuern. Dass er gewählt wird, ist nicht unmöglich.

Viele politische Diskussionen laufen derzeit hochideologisch ab, und gleichzeitig scheint niemand mehr von Ideologie zu reden. Warum ist das so?
Es stimmt, der Begriff hat sich ein wenig entleert. Das ist schade, weil ich finde, dass man den Kampf der Ideologien wiederherstellen müsste. Die Sache mit der Ideologie ist die, dass sie immer im Gegensatz zu einer anderen Ideologie funktioniert. Heute haben wir eine dominante Ideologie, nur ist sie schwach, weil sie über gar nichts dominiert! Sie ist nicht mehr Teil der Gesamtheit eines echten Widerspruchs, also erübrigt sich das Wort langsam. Das hat auch damit zu tun, dass sich heute die herrschende Klasse im Leeren bewegt. Ideologie ist ja immer auch etwas Kämpferisches. Aber man kann nicht behaupten, dass die sozialistische Regierung in Frankreich eine Ideologie vertritt, die sich von der herrschenden deutlich unterscheiden würde.

Weshalb auch jene Leute die ärgsten kapitalistischen Aussagen machen können, die von sich sagen, sie seien unideologisch.
Absolut. Die Rede vom Ende der Ideologien kam dann auf, als der Kapitalismus gesiegt hatte. Sagt also jemand, dass es keine Ideologien mehr gebe, weiss man sofort, dass er für die herrschenden ­Verhältnisse eintritt.

Erstellt: 17.12.2016, 11:47 Uhr

Alain Badiou Philosoph
Der französische Philosoph und Mathematiker, der im Januar 80 wird, tritt weiter unermüdlich für die kommunistische Idee ein. Letzte Bücher: «Was tun?» und «Philosophie des wahren Glücks», beide im Passagen-Verlag. Morgen um 11 Uhr ist er zu Gast in «Sternstunde Philosophie» auf SRF 1.

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