«Seine Falschaussagen sind einfach zu leicht zu widerlegen»

77 Falschaussagen an einem Tag: Donald Trump bringt die Faktenchecker der «Washington Post» an die Grenzen. Leiter Glenn Kessler langweilt sich trotzdem.

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Glenn Kessler, 58, ist so etwas wie der Gottvater aller Faktenchecker. Er verantwortet den Fact-Checker-Blog der Washington Post und überprüft darin für die US-amerikanische Hauptstadtzeitung Politikeraussagen auf ihren Wahrheitsgehalt. Er und seine Leute führen penibel Buch über die Falschaussagen von US-Präsident Donald Trump. Inzwischen sind es mehr als 3200 seit seinem Amtsantritt im Januar 2017.

Kürzlich hat Trump auch über Deutschland falsche Zahlen verbreitet, etwa die, wonach die Kriminalität in Deutschland um zehn Prozent angewachsen sei. Es gibt allerdings keine Statistik, aus der sich das herauslesen liesse. Zu behaupten, die Washington Post habe den Fact-Checker-Blog nur eingeführt, um Trump zu schaden, wäre übrigens ebenfalls glatt gelogen. Es gibt ihn seit 2007, als ersten seiner Art.

Herr Kessler, wie ist es, jeden Morgen mit dem Gedanken aufzuwachen, welche Lügen Donald Trump heute wohl wieder erzählen könnte?
Glenn Kessler: Ich muss direkt widersprechen. Wir benutzen das Wort Lüge nicht. Wir sprechen von Falschaussagen.

Warum?
Zunächst mal ist das die Sprachregelung, die vom Chefredakteur der Zeitung aufgestellt wurde. Aber ich habe mich auch nie wirklich wohlgefühlt mit dem Wort «Lüge». Und ich denke, dass Trump sehr oft tatsächlich glaubt, was er sagt.

Ist Trump also kein notorischer Lügner?
Trump agiert sehr situationsbezogen. Er glaubt an das, was er in einem bestimmten Moment sagt – selbst wenn es 24 Stunden später komplett widerlegt wird. Und sogar dann, wenn es von dem abweicht, was er eine Woche vorher selbst gesagt hat.

Hat sich die Qualität seiner Falschaussagen während seiner Präsidentschaft verändert?
Es ist vor allem immer schlimmer geworden. Er hat vergangene Woche – lassen Sie mich eben die Zahlen raussuchen, wir habe das gerade auf den neuesten Stand gebracht -, hier: Am 20. Juni hat er 77 falsche Aussagen gemacht.

An einem Tag?
Ja. An einem einzigen Tag 77 falsche Aussagen (er lacht, als könnte er es selbst nicht glauben). Es ist tatsächlich deprimierend zuweilen. Wir müssen alles nachlesen, was er sagt. Jeden Tweet, jede Rede, jedes Interview. Manchmal ist das niederschmetternd.

Was machen Sie, um Ihre geistige Gesundheit zu erhalten?
Ich trinke sehr viel.

Oh.
War ein Scherz. Ich fahre jetzt in den Urlaub. Nach Tahiti. So weit weg von allem, wie es geht.

Wie gross ist die tägliche Herausforderung, Trumps Aussagen zu überprüfen.
Das ist ehrlich gesagt ziemlich langweilig. Seine Falschaussagen sind einfach zu leicht zu widerlegen. Barack Obama oder Hillary Clinton eine falsche oder auch nur eine irreführende Aussage nachzuweisen, das war eine Herausforderung. Sie haben sich sehr trickreich um die Wahrheit gedrückt. Trump versucht das nicht mal. Er ist da ein offenes Buch.

Ich kenne einige, die sagen, sie können sich Trumps Reden nicht mehr antun, es verletzt ihre Seele. Wie geht es Ihnen damit?
So schlimm ist es nicht. Ich mache meinen Job gerne. Faktenchecker zu sein, ist eine unparteiische Aufgabe. Wir versuchen, die irreführenden und Falschaussagen aller Politiker zu identifizieren und öffentlich zu machen. Das grosse Problem mit Trump ist, dass es so überwältigend viele sind. Wir finden kaum noch Zeit, uns um andere Politiker zu kümmern.

Gab es unter Trumps Falschaussagen eine, die Sie überrascht hat, die Sie nicht erwartet haben?
Das passiert eigentlich ständig. Aber gerade vergangene Woche, da hat er behauptet, die Wirtschaft sei im Keller gewesen, als er das Amt übernommen hatte. Tatsächlich aber hat er mit die beste Wirtschaftslage übernommen, die einem neuen US-Präsidenten je von seinem Vorgänger hinterlassen wurde.

Wie erklären Sie sich das?
Nun, dass es der Wirtschaft angeblich so schlecht geht, das war ja Teil seiner Wahlkampf-Rhetorik. Dann kam er ins Amt und hat sich erstmals mit den tatsächlich sehr guten Wirtschaftsdaten befasst. Er dachte dann wohl, hey, das war ich! Ein anderes Beispiel: Als Kandidat hatte er behauptet, die wahre Arbeitslosenquote betrage 42 Prozent. Dann wurde Donald Trump Präsident. Und er begann damit zu prahlen, dass die Arbeitslosenquote nur noch vier Prozent betragen würde. Tatsächlich war die Zahl vor der Wahl aber kaum anders.

Steckt dahinter vielleicht eine Art geniale Strategie?
Ich würde das nicht als genial bezeichnen. Aber seine Technik ist, dass er seinen Unterstützern genau das sagt, was die ohnehin schon glauben. Völlig unabhängig von der Frage, ob es wahr ist. Die glauben zum Beispiel, dass die USA gerade von einer Flüchtlingswelle überschwemmt werden. Trump verstärkt diesen Glauben. Weshalb er für seine Unterstützer wie einer klingt, der die Wahrheit sagt. Die Daten aber zeigen, dass die Zuwanderungszahlen massiv heruntergegangen sind in den vergangenen zehn Jahren.

Gibt es eine Chance, seine Wähler davon zu überzeugen, dass sie vielleicht falsch liegen könnten?
Schwere Frage. Die Menschen stehen Positionen und Fakten immer dann offener gegenüber, wenn die Behauptungen das unterstützen, was sie ohnehin schon annehmen. Vor der Wahl hat eine Mehrheit der Republikaner geglaubt, die Wirtschaft liege darnieder. Und direkt nach der Wahl hat eine Mehrheit der Republikaner geglaubt, der Wirtschaft gehe es prächtig. Die Wirtschaft aber hat sich nicht so schnell verändert. Verändert hat sich das Gefühl. Dazu kommt, dass die Medienlandschaft derart gespalten ist. Wer nur Fox News schaut, der bekommt ein völlig anderes Bild vom Land, als der, der nur CNN oder MSNBC sieht.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit als Fact Checker Trump-Unterstützer überhaupt erreichen können?
Ich hoffe es. Aber ich bin nur derjenige, der die Informationen veröffentlicht. Was die Leute damit machen oder nicht, das ist dann ihre Sache.

Erstellt: 02.07.2018, 11:41 Uhr

Glenn Kessler führt seit 2011 den Blog The Fact Checker. Die Idee, Politikeraussagen auf Lügen zu prüfen, ist nicht unumstritten. Kritiker halten sie für Meinungsmache unter dem Deckmantel der Objektivität. (Foto: Washington Post)

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