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«Wir haben die Grossmutter!»

Mit seinem Einreiseverbot für Muslime hat Donald Trump jene getroffen, die offensichtlich am wenigsten mit Terrorismus zu tun haben.

Hunderte Demonstranten protestierten am Samstag am Flughafen von Los Angeles gegen die Einreiseverbote der Trump-Regierung. Foto: Ryan Kang (AP, Keystone)
Hunderte Demonstranten protestierten am Samstag am Flughafen von Los Angeles gegen die Einreiseverbote der Trump-Regierung. Foto: Ryan Kang (AP, Keystone)

Hunderte sassen am Wochenende an Flughäfen fest, in den USA und dem Nahen Osten, in Europa und Afrika. Sie alle waren Opfer der Einreisebeschränkungen, die US-Präsident Donald Trump für Bürger von sieben vorwiegend muslimischen Ländern abrupt verhängt hatte. Viele sassen im Flugzeug, während das Dekret in Kraft trat, und landeten in den USA unter völlig veränderten Umständen. Andere versuchten vergeblich, der Schliessung der Grenzen noch zuvorzukommen.

Alle hatten eines gemeinsam: Sie waren keineswegs illegale Migranten. Sie hatten gültige Visa, für die sie teilweise jahrelange Antragsverfahren hinter sich hatten. Viele hatten sogar eine der begehrten Greencards, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für die USA. Und auf alle warteten in den USA verzweifelte Angehörige, die ratlos an Flughäfen standen und von den Grenzbehörden meist rüde abgewiesen wurden. Hier sind einige ihrer Erfahrungen.

Der irakische Übersetzer

Seine Geschichte ging um die Welt, nachdem die «New York Times» berichtet hatte: Hameed Khalid Darweesh hatte mehr als zehn Jahre lang für die US-Besatzungstruppen im Irak gearbeitet – als Übersetzer, als Ingenieur, als Lieferant vor Ort. Zwei Jahre hatte er Interviews und Sicherheitsprüfungen über sich ergehen lassen müssen, bis ihm eines jener begehrten Visa erteilt wurde, mit denen die USA örtliche Mitarbeiter für ihren Einsatz belohnen. Und dann wurde der 53-Jährige am J. F. Kennedy Airport in New York festgenommen.

«Es ist eine Schande, irakische Übersetzer festzunehmen, die ihr Leben riskiert haben, um Soldaten wir mir im Irak zu helfen», empörte sich Jon Scholtz, Vorsitzender eines Vereins für amerikanische Irak-Veteranen. «Dieser Typ war vollkommen furchtlos», sagte Leutnant Brandon Friedman, der mit Darweesh im Irak gearbeitet hatte. «Wir haben ihn alle geliebt. Er gehörte zu uns.»

Anwälte wurden mobilisiert, um Darweesh zu unterstützen, die Menschenrechtsorganisation Aclu reichte einen dringenden Antrag beim Gericht ein. Der führte zu einem ausschlaggebenden Entscheid in New York: Reisende mit gültigen Visa dürften nicht aufgehalten oder gar zurückgeschickt werden, verfügte Richterin Ann M. Donnelly. Das Urteil erlöste Dutzende überall in den USA aus der Flughafenhaft. Hameed Khalid Darweesh konnte nach 18 Stunden der Unsicherheit US-Boden betreten.

Der Fünfjährige ohne Eltern

Sein Name ist nicht bekannt, seine Mutter wollte nicht mit der Presse sprechen. Doch Fernsehbilder des fünfjährigen Buben, der mit einem Familienmitglied aus dem Iran zurück zu seinen Eltern in den US-Bundesstaat Maryland flog, wurden überall gezeigt. «Wir hatten die Behörden informiert, dass dieses Kind auf dem Weg sei», schrieb der demokratische Senator Chris van Hollen auf Facebook. «Doch als ich später anrief, weigerten sie sich, mir zu sagen, ob das Kind noch festgehalten wurde.» Dabei war der Junge ein US-Bürger, es gab keine rechtliche Grundlage dafür, ihn an der Einreise zu hindern.

Vier Stunden warteten seine Mutter und andere Familienmitglieder am Dulles International Airport bei Washington D.C. auf den Knaben; Kontakt mit dem Kind wurde ihnen verweigert. Als er endlich freigelassen wurde, überschütteten sie ihn mit Küssen, schenkten ihm Luftballons und sangen «Happy Birthday».

«Gott sei Dank, dass eine Richterin das Recht aufrechterhalten und die Umsetzung von Trumps Deportationsbefehl verhindert hat», schrieb Senator van Hollen. «Sie sollten sich schämen, Donald Trump!» Trump-Sprecher Sean Spicer jedoch verteidigte das Vorgehen der Zollbeamten. Auch ein Kind, sagte er, könne gefährlich sein.

Bei der Einreise festgehalten: Die Iranerin und ihr Sohn sind endlich wiedervereint. (30. Januar 2017) Video: Tamedia/AFP

Die Familie von Auswanderern

Fuad Sharef hat in seiner Heimatstadt Arbil im Norden des Irak alles aufgegeben: den Job bei einem Pharmaunternehmen gekündigt, Haus und Auto verkauft, die drei Kinder aus der Schule genommen. Er hatte jahrelang für die Amerikaner gearbeitet. Es war gefährliche Arbeit: Todesdrohungen waren alltäglich, Kollegen wurden als angeb­liche Kollaborateure ermordet.

Zwei Jahre lang wurde sein Antrag auf Einreise in die USA geprüft, dann bewilligt. Diese Woche wollte Familie Sharef ein neues Leben in Nashville im Bundesstaat Tennessee beginnen. Sharef hat drei Hochschulabschlüsse, darunter einen MBA. Er war sich sicher, dass er in den USA Erfolg haben würde. «Ich arbeite hart. Das war unser Traum», erzählte er der «Washington Post».

Doch in Kairo endete sein Traum. Kaum hatten Sharef, seine Frau und die drei Kinder den Flughafen betreten, wurden sie beiseitegenommen, mussten ihre Pässe abgeben. Der Weiterflug in die USA wurde ihnen untersagt. Sharef war nicht völlig überrascht. Er hatte von Trumps Plänen, die Grenzen dicht zu machen, gehört und den Abflug seiner Familie um einige Tage vorverlegt, in der Hoffnung, Amerika noch rechtzeitig zu erreichen. Vergeblich.

Am Sonntag mussten die Sharefs zurück nach Arbil fliegen – wo sie nichts mehr haben. «Trump hat mein Leben zerstört», sagte Sharef. «Wie kann er das Leuten wir mir antun, die ihr Leben riskiert haben, um Amerika zu helfen?»

Die Grossmutter im Rollstuhl

Marzieh Moosavizadeh ist 75 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und spricht kaum Englisch. Trotzdem besucht die Iranerin ihren Sohn in Arizona fast jedes Jahr: Sie hat eine Greencard, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Weil sie in grossen Flughäfen ­alleine nicht zurechtkommt, trifft ein Familienmitglied sie immer am Flughafen von Los Angeles und begleitet sie dann auf dem Weiterflug nach ­Phoenix in Arizona. Doch am Wochenende war das nicht möglich: Moosavizadeh wurde nach der ­Landung eine ganze Nacht lang in Los Angeles festgehalten.

«Einfach nur so viele Stunden zu sitzen, ist für mich sehr schmerzhaft», erzählte sie später der «Los Angeles Times». Immerhin gab es einen Betreuer, der sich um die Frau im Rollstuhl kümmerte – und ihr erlaubte, mit ihrem Sohn zu telefonieren. Sie und andere Reisende aus den betroffenen Ländern wurden zwar mit Wasser versorgt, Essen gab es jedoch nicht. «Ein Glück, dass ich mir ein paar Mandeln eingesteckt hatte», erzählte sie.

Am Samstag ist Donald Trump 100 Tage im Amt.
Am Samstag ist Donald Trump 100 Tage im Amt.
Carolyn Kaster, Keystone
Ernster Blick, miese Umfragewerte: Die Unzufriedenheit über die Regierungsarbeit des US-Präsidenten wächst. Donald Trump am 19. März 2017 in Washington D.C.
Ernster Blick, miese Umfragewerte: Die Unzufriedenheit über die Regierungsarbeit des US-Präsidenten wächst. Donald Trump am 19. März 2017 in Washington D.C.
AP Photo/Alex Brandon
Nach Trumps Willen soll Mexiko die gigantische Anlage an der 3200 Kilometer langen Grenze finanzieren. Die mexikanische Regierung lehnt dies jedoch strikt ab: Blick auf den Grenzzaun in Tijuana.
Nach Trumps Willen soll Mexiko die gigantische Anlage an der 3200 Kilometer langen Grenze finanzieren. Die mexikanische Regierung lehnt dies jedoch strikt ab: Blick auf den Grenzzaun in Tijuana.
Guillermo Arias, AFP
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Auch in Los Angeles versuchten Rechtsanwälte unter Zeitdruck, ein Gerichtsurteil zu erwirken, um die Ausschaffung der Festgehaltenen zu verhindern. Gleichzeitig versammelten sich Hunderte Demonstranten, um gegen die Einreiseverordnung der Trump-Regierung zu protestieren.

Die Geschichte der Grossmutter im Rollstuhl sprach sich schnell herum. Als sie endlich durchgelassen wurde, jubelten Hunderte: «Wir haben die Grossmutter!»

Der Ingenieur und seine Tochter, die Ärztin

Askar Sahebjam hatte vier Jahre gewartet, vier Jahre lang Anträge ausgefüllt und Fragen beantwortet. Dann bekam er die Zusage: die Aufenthalts­genehmigung für sich und seine Frau, Roghayeh Hashemy Soodmand. Sie durften zu ihrer Tochter Solza nach Tampa im Bundesstaat Florida auswandern. Der 73-jährige Ingenieur, der in Paris promoviert hatte, kaufte einfache Tickets für sich und seine 52-jährige Frau, und alles schien in Ordnung – bis sie in Orlando in Texas landeten. Sie wurden festgenommen, neun Stunden lang verhört, ihre Handys durchsucht.

Erst nach Stunden durfte Sahebjam mit seiner Tochter telefonieren – und auch das nur mit angeschaltetem Lautsprecher und auf Englisch. «Sie haben uns wie Verbrecher, wie Spione behandelt», erzählte Solza Sahebjam der «New York Times». «Ein Zollbeamter fragte mich, was ich in den USA mache. Ich sagte, ich sei Ärztin. Ich behandele Gehirntumore. Ich arbeite hart für dieses Land. Meine ­Eltern sind keine Terroristen.»

Es half alles nichts. Die Einreisegenehmigung der Eltern wurde annulliert, sie wurden nach Teheran zurückgeschickt – und mussten 3000 Dollar für den Rückflug bezahlen. Der richterliche Beschluss aus New York, der ihnen die Einreise ermöglicht hätte, kam zu spät. «Sie waren wütend und empört», sagte die Ärztin. «Es war alles schrecklich erniedrigend.»

Der Vater auf dem Weg zu seinem Sohn

Ali Vayeghan hat seinen Sohn seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen. Vor vier Monaten war seine Frau von Teheran nach Los Angeles geflogen, nun war er ebenfalls auf dem Weg dorthin. Doch er schaffte es nicht, den Flughafen zu verlassen. «Wir dachten, es würde alles ganz einfach sein», sagte seine Nichte Marjan Vayeghan der «Los Angeles Times». «Wir würden ihn abholen, gemeinsam essen, Ausflüge machen, uns unterhalten.» Stattdessen sassen die Angehörigen eine Nacht lang auf dem Flughafen und warteten – vergeblich.

Anwälte der Aclu hatten sich in Vayeghans ­Namen dringend an ein Gericht gewandt und versucht, die Deportierung des Iraners zu verhindern. Den Anwälten und Angehörigen wurde jeder ­Kontakt mit dem Reisenden verweigert.

Die gerichtliche Intervention war erfolgreich: Eine Richterin ordnete an, dass Vayeghan ins Land gelassen werden sollte, wie es sein gültiges Visum vorsah. Doch die Anordnung kam etwa 45 Minuten zu spät. Ali Vayeghan befand sich schon auf dem Rückflug nach Dubai und von dort nach Teheran.

Als die zuständige Richterin davon hörte, ordnete sie eine in den USA sehr ungewöhnliche Massnahme an: Die US-Regierung muss Ali Vaye­ghan auf Kosten des Staates zurück in die USA holen, bevor sein Visum im Februar die Gültigkeit verliert. Ob das allerdings passieren wird, ist noch völlig unklar.

«Wäre er doch nur ein paar Tage früher gekommen, dann wäre alles in Ordnung», sagte seine Nichte. «Wir konnten noch mit ihm telefonieren, als er wieder in Dubai war. Er hat nur geweint.»

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