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Wird das Obamas «Katrina»?

Die Ölpest im Golf von Mexiko weckt auch politische Fragen. Zuerst wurde beschwichtigt, dann Alarm geschlagen. Die Katastrophe könnte Barack Obamas Ansehen beschädigen.

Angekommen: Die Stahlbetonglocke wird mit Hilfe eines Krans an der Stelle der gesunkenen Ölbohrinsel in Position gebracht.
Angekommen: Die Stahlbetonglocke wird mit Hilfe eines Krans an der Stelle der gesunkenen Ölbohrinsel in Position gebracht.
Keystone
Tiefe Nacht: Die Stahlbetonglocke soll über die offene Ölquelle in 1500 Meter Tiefe gestülpt werden und so das Leck abdecken.
Tiefe Nacht: Die Stahlbetonglocke soll über die offene Ölquelle in 1500 Meter Tiefe gestülpt werden und so das Leck abdecken.
Keystone
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Tagelang versicherte BP, der wachsende Ölteppich im Golf von Mexiko sei beherrschbar, keine Katastrophe. Die Bundesbehörden beliessen es dabei, den Ölmulti selbst mit dem Schlamassel fertig werden zu lassen und die Sache im Auge zu behalten. Doch dann stellten Wissenschaftler fest, dass fünf Mal so viel Öl austrat, wie man sie hatte glauben lassen. Schlagartig änderte sich die Lage. Statt beruhigender Worte hiess jetzt die Parole: Notfall, alle Mann ran.

Nun dürften Fragen gestellt werden, über das Vertrauen darauf, dass ein Industrieunternehmen sein Missgeschick schon im Griff haben werde - selbst als es sich zu einer Gefahr für die Umwelt und die Lebensgrundlagen von Florida bis Texas auswuchs. Der Wendepunkt kam am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz von Experten eines Ölforschungszentrums in Louisiana. Da erfuhr die Öffentlichkeit, dass die anfänglichen Annahmen nach dem Unglück auf der Bohrinsel «Deepwater Horizon» weit danebenlagen und dass ein drittes Leck entdeckt wurde.

Tags darauf machte Präsident Barack Obama die Bundesbehörden in noch grösserem Umfang mobil. Es versprach, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, und setzte die Führungskräfte von Katastrophen- und Umweltschutz persönlich in Marsch. Hatte der Küstenschutz wenige Tage zuvor noch abgewiegelt, es sei «reichlich Zeit», die Küste gegebenenfalls vor anschwemmendem Öl zu schützen, herrschte plötzlich Alarm.

Erinnerungen an «Katrina»

«Ich fürchte für das Land, für die Umwelt», sagte nun der stellvertretende Leiter des Amtes für Meeres- und Atmosphärenschutz (NOAA), David Kennedy. «Das ist eine ganz, ganz grosse Sache. Und es ist einfach irre, was man dagegen wird alles unternehmen müssen.»

Die politische Bedeutung der drohenden Umweltkatastrophe wurde deutlich: Wird das Obamas «Katrina» werden, der Wirbelsturm, der das Ansehen seines Vorgängers George W. Bush so angekratzt hatte? Hätten die Bundes- und Landesbehörden mehr tun und vor allem früher etwas unternehmen müssen? Haben sie nach «Katrina» ihre Lektion gelernt?

Das Unheil nahm am 20. April mit einer heftigen Explosion auf der Bohrinsel 60 Kilometer vor der Küste Louisianas ihren Lauf. Befürchtungen über Umweltschäden wurden zunächst von der Sorge um elf vermisste Arbeiter in den Hintergrund gedrängt, bis für die Männer keine Hoffnung mehr bestand.

Konteradmiral Mary Landry, die Chefin der Küstenwacht in der Region, erklärte zunächst, das meiste Öl verbrenne und hinterlasse nur mässige Schlieren auf dem Wasser. Experten der Industrie und der Küstenwache seien im Einsatz, ein Team von Technikern beider Seiten kümmere sich darum, die Lage stabil zu halten.

Verantwortung bei BP

Zwei Tage später ging die «Deepwater Horizon» unter, und auf der Wasseroberfläche schwamm ein dunkler Fleck. Obama wurde erstmals über das Unglück unterrichtet. Landry erklärte am nächsten Tag, weder scheine Öl aus der Bohrstelle auf dem Meeresgrund auszutreten, noch sei an der Oberfläche austretendes Öl festzustellen. Im Weissen Haus sagte Obamas Sprecher Robert Gibbs, Unfälle geschähen eben manchmal. Das Unglück sei kein Grund, von der jüngsten Entscheidung des Präsidenten für eine Ausweitung der Ölbohrungen auf See abzurücken.

Wenn es darum ging, was an der Unglücksstelle unternommen wird und wie die Fortschritte stehen, verwies die Regierung noch bis in diese Woche hinein auf BP. Die Küstenwacht machte sich nicht selbst ein Bild von der Lage auf dem Meeresgrund. Landry betonte wiederholt, BP sei verantwortlich, trage die Kosten und übernehme die Organisation der Aufräumungarbeiten. Die Küstenwacht überwachte das Geschehen und die am Einsatz beteiligten Schiffe.

Am Montag beschwichtigte Landry Befürchtungen, die Küste am Golf sei in Gefahr. «Es ist reichlich Zeit, gefährdete Gegenden zu schützen und Säuberungen vorzubereiten, falls das Öl in diese Gegend vordringen sollte.» Die BP-Leute auf See «tun ihr Bestes».

Ölbohrpläne werden überprüft

Am Mittwochabend gab sie die Erkenntnisse der amtlichen Experten bekannt: Danach treten an der Bohrstelle bis zu 5.000 Barrel Öl am Tag aus. BP hatte die Menge zunächst nur auf 1.000 Barrel geschätzt. Zudem teilte das Unternehmen mit, dass ein drittes Leck entdeckt wurde. Obama, der auf dem Rückflug aus dem Mittleren Westen war, wurde noch an Bord der Air Force One über die Entwicklung unterrichtet.

Bis Donnerstagnachmittag hatte die Regierung ein Team aus Spitzenleuten zusammengestellt, um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, eine Umweltkatastrophe abzuwenden. Und Sprecher Gibbs räumte ein, dass Obamas Vorschläge zu künftigen Ölbohrungen in Einzelheiten noch einmal überprüft werden könnten - abhängig davon, was bei der Untersuchung des Unglücks auf der «Deepwater Horizon» herauskommt.

Die Umstände haben sich geändert, so wie ein Hurrikan manchmal seinen Kurs ändert.

ddp/Calvin Woodward/bru

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