Glace mit Biden, Fotos mit Warren, Tacos mit Harris

Der Wahlkampf in Iowa entscheidet, wer gegen Trump antreten kann. Das braucht Stehvermögen – und einen Schweinemagen.

Eine ungefährliche Wahl: Präsidentschaftsbewerber Joe Biden isst eine Stängelglace, da kann nicht viel schiefgehen. Foto: Eric Thayer (Reuters)

Eine ungefährliche Wahl: Präsidentschaftsbewerber Joe Biden isst eine Stängelglace, da kann nicht viel schiefgehen. Foto: Eric Thayer (Reuters)

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Den viel zu grossen Corn-Dog? Das triefende Kotelett? Oder doch den frittierten Käseklumpen? Joe Biden ist erst gerade an der traditionellen Iowa State Fair angekommen, als er bereits vor einer der schwierigsten Entscheidungen steht, die ein Präsidentschaftsbewerber hier treffen muss: Was nur soll er essen? Möglichst fettig ist gut, das suggeriert Volksnähe, doch zugleich sollte sich das Ganze eben auch so verzehren lassen, dass es auf den unweigerlichen Bildern nicht aussieht, als täte man das zum ersten Mal. Biden weiss das natürlich alles, es ist schon seine dritte Bewerbung für die Präsidentschaft, und vielleicht trifft er deshalb eine ungefährliche Wahl: eine Stängelglace. Da kann man nicht viel falsch machen.

Als Biden also in seine Glace beisst, sieht Faye Sieck ihre Chance. Sie ist mit ihrem Mann an der State Fair unterwegs und steht jetzt zufällig in der Nähe des Eisstandes. Ist er das? Er ist es! Sieck drängelt sich durch die Reporter und Mitarbeiter Bidens, sie schafft es bis zu ihm durch, es gibt ein Foto, einen Händedruck, ein paar warme Worte. «Ich werde ihn wählen», sagt Sieck danach: «Joe ist einfach ein Guter.» Sie bleibt auch für die Rede, die Biden anschliessend auf einem Stück Gras hält, im Polohemd und mit Fliegersonnenbrille. Die Lokalzeitung «Des Moines Register» hat dafür wie immer einen Platz auf dem Messegelände reserviert. Fast alle der 24 demokratischen Präsidentschaftsbewerber kommen in diesen Tagen hierher, um eine Ansprache zu halten – und danach auch gleich den Rest des Staates mit Auftritten zu überziehen.

Königsmacher und Henker

Die Pilgerfahrt nach Iowa im August gehört fix in den politischen Kalender. Im Bauernstaat im Mittleren Westen starten Anfang Februar die Vorwahlen, in denen die Demokraten den Herausforderer von Präsident Donald Trump bestimmen. Das ist zwar erst in einem halben Jahr, doch trotzdem stecken die Kandidaten bereits jetzt viel Zeit und Geld in den Wahlkampf vor Ort, stellen Dutzende Mitarbeiter an und umwerben lokale Parteigrössen. Wer in Iowa gewinnt oder zumindest gut abschneidet, erhält Schwung für die folgenden Vorwahlen. Das war etwa bei Barack Obama so, der 2008 überraschend in Iowa gewann. Wer hier dagegen durchfällt, für den ist die Kampagne womöglich bereits zu Ende, weil die Spenden ausbleiben, weil der Eindruck entsteht: Er oder sie packt es nicht. So erging es Biden bei seiner letzten Bewerbung vor elf Jahren. Die Wähler von Iowa als Königsmacher – und als Henker.

Dabei ist Iowa für Amerika alles andere als repräsentativ. Der Staat ist sehr ländlich, die Bevölkerung weisser und älter als anderswo. Dass hier jeweils zuerst gewählt wird, hat historische Gründe, die auch mit dem komplizierten Wahlsystem zu tun haben. In Iowa werfen die Leute nicht einfach einen Wahlzettel in die Urne, sondern sie treffen sich zu einer Wahlversammlung in ihrer Nachbarschaft, einem sogenannten Caucus. In Schulhäusern und Turnhallen debattieren sie dann über mehrere Stunden die Vor- und Nachteile einzelner Kandidaten, bevor sie sich schliesslich entscheiden. Auf diesen Prozess sind die Menschen in Iowa stolz. Wohl nirgendwo sonst in den USA verfolgen die Wähler die Politik so genau wie hier.

Die State Fair lockt eine Million Besucher an, und es gibt sie seit 1854, als Iowa noch Prärie war.

Es hat daher eine gewisse Logik, dass die Politik auch an der State Fair eine wichtige Rolle spielt. Eine Million Besucher lockt der Anlass in der Hauptstadt Des Moines jeweils an, er ist eine Mischung aus Jahrmarkt und Landwirtschaftsmesse, und es gibt ihn schon seit 1854, als Iowa vor allem aus Prärie bestand. Die beliebteste Sehenswürdigkeit ist eine lebensgrosse Kuh aus Butter, die in einem gekühlten Raum steht. Doch viele Leute kommen einfach, um sich den Magen vollzuschlagen. Mit Corn-Dogs, natürlich, frittierten Würsten in Maispanade, die auf einem Holzspiess stecken, so wie überhaupt alles hier frittiert und auf einen Holzspiess gesteckt wird. Aber manche zieht es eben auch an die Fair, weil sie sich anhören wollen, was die Politiker zu erzählen haben, die um ihre Stimme werben.

Einer von ihnen ist Sojabauer Larry Miller. Seine Farm ist seit mehr als 120 Jahren in der Familie, doch so schwierig wie in den vergangenen Monaten war die Lage schon lange nicht mehr. Wegen Trumps Handelskrieg gegen China hat er viele Kunden verloren. Die Regierung entschädigt ihn dafür zwar vorerst mit Subventionen, doch das Problem werde damit nicht behoben: «Unsere Kunden werden jetzt von den Brasilianern beliefert, die kommen nicht mehr zurück.» Trump unterstützte er – im Gegensatz zu vielen anderen Bauern – schon beim letzten Mal nicht, nun will er erst recht einen Demokraten wählen, bloss welchen? Sicher ist er sich nicht, aber er tendiert zu Biden. «Er ist gemässigter als die anderen. Wir können nicht in einem Land leben, in dem wir allen alles schenken.» Er meint damit zum Beispiel das Versprechen einiger Demokraten, den Zugang zu einer College-Ausbildung kostenlos zu machen. Die Demokraten müssten jemanden aufstellen, der auch für Unabhängige wählbar sei – und das sei bei Biden der Fall.

Fotos mit Liz, Tacos mit Kamala

Begeisterung löst Biden bei Miller allerdings keine aus – und nicht nur bei ihm nicht. Der 76-Jährige führt zwar die Umfragen in Iowa an. Doch die Stimmung unter den Leuten, die in diesen Tagen seine Wahlkampfanlässe besuchen, ist eher verhalten. Anders bei den Auftritten seiner vielleicht grössten Rivalin.

Ein Hochzeitssaal in Council Bluffs, zwei Stunden ausserhalb von Des Moines. Ein paar Hundert Leute sind an diesem Abend gekommen, um sich Elizabeth Warren anzuhören, die Senatorin aus Massachusetts. Der Empfang ist tosend, das Publikum begleitet ihre Rede mit Applaus und Zurufen. Warren erzählt, wie sie es trotz einer Jugend in ärmlichen Verhältnissen bis zur Harvard-Professorin schaffte – weil sozialer Aufstieg in Amerika früher einfacher möglich war. Heute funktioniere die Wirtschaft nur noch für die Reichsten.

«Sie hat recht», sagt Lorinda Johnson, die den Auftritt verfolgt hat. Die Rentnerin lebt in Nebraska und hatte ihren Mann überredet, sich mit ihr für einige Stunden ins Auto zu setzen, um Warren zu sehen. Warren sei unglaublich smart, sagt Johnson, und was sie über die Wirtschaft sage, habe Hand und Fuss. «Sie hat in ihrer Karriere bewiesen, dass sie auf der Seite der kleinen Leute steht.» Sheila Ryan, Ausbildnerin für Pflegepersonal, glaubt, dass Warren die nötige Energie habe, um gegen Trump auch auf einer Debattenbühne zu bestehen: «Sie würde ihn auseinandernehmen.» Ein gewisses Stehvermögen beweist Warren zumindest schon mal, indem sie sich nach der Ansprache Zeit nimmt, um sich mit einem Anhänger nach dem anderen für Fotos hinzustellen – es sind Dutzende.

Lange Tage also für die Demokraten, auch für Kamala Harris, die in vielen Umfragen auf Platz 3 liegt. Anders als Warren war die Senatorin aus Kalifornien bisher noch nicht oft in Iowa unterwegs. Sie versucht nun, ihren Rückstand mit einer fünftägigen Bustour durch den Bundesstaat wettzumachen. An diesem Mittag hält ihr Bus im Ort Storm Lake, wo sie ein kleines mexikanisches Restaurant besucht. Harris, in Jeans und weissen Turnschuhen, begrüsst die Gäste an den Tischen, nimmt aufmunternde Worte entgegen und bestellt dann mit ein paar eingestreuten Brocken Spanisch Tacos – «ohne rohe Zwiebeln!» Manche Leute essen gerade zu Mittag und scheinen es nicht zu wissen, andere sind extra wegen Harris gekommen. Der Besuch ist auf die Minute durchgetaktet, junge Mitarbeiter scheuchen die mitreisenden Journalisten vor sich her: «Leute, ihr wisst, dass wir zu spät dran sind!»

Nach dem Besuch beim Mexikaner geht Harris mit einer Lehrerin aus dem Ort zurück zum Bus, sie reden über den Klimawandel und über die öffentlichen Schulen, die mehr Geld brauchen. Dann steigt die Senatorin in den Bus, die Reporter hinterher, der Tross zieht weiter. In Storm Lake kehrt wieder Ruhe ein. Beim Mexikaner sitzt immer noch Dan Loving, er war gekommen, um Harris persönlich zu sehen. «Wir sind hier in Iowa sehr privilegiert, was diese Besuche angeht», sagt der 60-Jährige.

Loving wählt nicht immer demokratisch, aber was Trump angehe, sei der Fall klar: «Er muss weg.» Also geht er mit System vor: «Ich schaue mir so viele Kandidaten an wie möglich und prüfe sie.» Loving findet viele der Demokraten sympathisch, aber ganz überzeugt hat ihn noch niemand. Ob jemand deutlich links stehe oder eher in der Mitte, sei dabei zweitrangig: «Wir brauchen einfach jemanden, der gegen Trump bestehen kann.» Lange habe er geglaubt, dass dies Biden am ehesten gelingen könne, aber inzwischen habe er Zweifel: «Er ist halt schon ziemlich alt.» Also sucht Loving weiter. Sechs Monate bleiben bis zu den Vorwahlen – Zeit genug für viele Politikerbesuche in Iowa.


Entscheidung 2020 - der Podcast zu den Wahlen in den USA

Die Sendung ist zu hören auf Spotify oder direkt hier:

Erstellt: 12.08.2019, 20:05 Uhr

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