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Zeitenwende in Lateinamerika

An der Spitze des grössten Baukonzerns Südamerikas erkaufte sich Marcelo Odebrecht Aufträge. Nun legte die Firmenspitze den Korruptionssumpf offen. Es droht ein politisches Beben.

Im Juni 2015 wurde Marcelo Odebrecht (M. v.) im Zuge der Petrobras-Ermittlungen verhaftet. Foto: Rodolfo Buhrer (Reuters)
Im Juni 2015 wurde Marcelo Odebrecht (M. v.) im Zuge der Petrobras-Ermittlungen verhaftet. Foto: Rodolfo Buhrer (Reuters)

Als die Polizisten klingelten, trug der Mann, der die Welt untergehen lassen kann, nur Badehosen. Marcelo Odebrecht, Ausdauersportler und Asket, wollte auch an jenem Wintermorgen sein Tagespensum kraulen, als ihm die Beamten eröffneten, er sei verhaftet.

Verhaftet? Er?

Gut anderthalb Jahre nach jenem 19. Juni 2015 sitzt der einst mächtigste Bauunternehmer Südamerikas immer noch in der südbrasilianischen Stadt Curitiba im Gefängnis, verurteilt zu 19 Jahren und vier Monaten Haft wegen der systematischen Bestechung von Politikern. Nun haben er und 76 weitere Manager der Firma ausgepackt und das grösste bislang bekannte Schmiergeldnetz offengelegt. 1064 Seiten beträgt die umfassendste Kronzeugenaussage der Weltgeschichte. Sie beschreibt 256 Rechtsverstösse und benennt die Schmiergeldempfänger in Brasilien und in elf weiteren Ländern. Die Namen könnten in den kommenden Wochen publik werden. Und in Brasilien und quer über den Kontinent politische Erdbeben auslösen.

Auf den Fotos seiner Verhaftung trägt der schlanke, schüttere Odebrecht auf der Nase eine feinrandige Metallbrille, auf dem Rücken die Hände in Handschellen und auf den Lippen das Lächeln eines Mannes, der glaubt, im falschen Film zu sein.

Codename «Viagra»

Doch tatsächlich war das bereits der Abspann der Erfolgssaga eines Managers, der mit 40 die Familienfirma übernahm und diese binnen sechs Jahren zum mächtigsten Baukonzern Lateinamerikas machte. Odebrecht modernisierte und betreibt nun Rios Maracanã-Stadion, baute und reparierte das Olympia-stadion und gehörte zu den Konsortien, die olympisches Dorf, Olympiazentrum, Olympia-U-Bahn und die Modernisierung des alten Hafens übernahmen.

Der Konzern errichtete Staudämme in Angola, Brücken in Venezuela, Gas­leitungen in Argentinien und den Airport von Miami. Seine mehr als 18?000 An­gestellten waren in 26 Ländern tätig, in den Bereichen Öl, Gas, Biosprit, Chemie, Luft- und Raumfahrt und Umwelttechnologie. 2010 hatte die Schweizer Management-Schule IMD Odebrecht zum «besten Familienunternehmen der Welt» gekürt.

Doch das dürften in dem Lausanner Elite-Institut wohl einige bereuen. Denn heute ist erwiesen, wie das Konglomerat seinen Erfolg erkaufte und ergaunerte: in bar, mit Geldkoffern, via windige Wechselstuben. Über die Filiale der Meinl-Bank im Offshore-Paradies Antigua, die der Konzern über Strohmänner übernahm. Mittels einer doppelten Buchführung, abgewickelt über ein paralleles und abgesichertes Intranet, das von einer Firmenabteilung namens «Strukturierte Operationen» betrieben wurde und dessen Begünstigte allesamt Codenamen trugen wie «Viagra», «Torwart» oder «Total hässlich».

Insgesamt 788 Millionen Dollar verteilte die Firma zwischen 2001 und 2015 an Politiker und deren Strohmänner aus Brasilien, neun weiteren lateinamerikanischen Ländern sowie aus Angola und Moçambique. Diese Zahlen veröffentlichte ein Gericht in New York, das kurz vor Weihnachten mit Odebrecht und deren Chemietochter Braskem eine freiwillige Strafzahlung von 3,5 Milliarden Dollar vereinbarte. Noch nie hatte eine Firma wegen eines Verstosses gegen den «US Foreign Corrupt Practices Act» von 1977 auch nur annähernd so viel bezahlen müssen. «Odebrechts Vorgehen ist beispiellos», sagt Gil Castello Branco vom brasilianischen Anti-Korruptions-NGO Contas Abertas.

Tatsächlich wirkt das System Odebrecht wie die Synthese aus südamerikanischer Korruptionskultur und deutscher Gründlichkeit. Denn Odebrecht – Familie und Firma – pries sich stets voller Stolz ihrer germanischen Wurzeln. Emil Odebrecht hiess der Urahn, der sich 1856 aus Pommern aufmachte in den Süden Brasiliens. Der Landvermesser und Kartograf gründete den Theater- und den Schützenverein im Städtchen Blumenau. Vor allem aber zeugte er 15 Kinder, die 77 Enkel hervorbrachten. Zu den bedeutendsten Nachfahren gehörte der Urenkel Norberto, der 1944 in Salvador de Bahía die Baufirma gründete, die 1998 von Sohn Emílio übernommen und 2009 an den Enkel Marcelo weitergegeben wurde.

Lulas Schicksal

Dem Firmengründer hing der Ruf eines detailversessenen Ingenieurs an. Sohn Emílio war umgänglicher und wurde zum Freund von Lula da Silva. Lula war von der Drehbank in den Präsidenten­palast aufgestiegen und hatte 30 Millionen Menschen aus der Armut in die Mittelklasse gehoben. Ob Lula als Säulenheiliger oder als Straftäter in die Geschichte eingehen wird, hängt vor allem von der Aussage des wichtigsten Unternehmers seiner Ära ab: Marcelo Odebrecht.

Brasiliens Nachrichtenmagazine, die gerne den Exzessen der Eliten nachforschen, hatten über den heutigen Häftling wenig Saftiges zu berichten. Hochintelligent, top ausgebildet, ein Work­aholic, der Staatschefs empfing und Lula im Firmenjet zur Geschäftsanbahnung ins Ausland mitnahm. Bekannt sind drei Töchter und eine Ehefrau. Aber keine Affären, Aufrisse, Abstürze. Der junge CEO war, so berichteten einstige Geschäftspartner, getrieben von enormem Ehrgeiz, kurz entschlossen, ungeduldig und arrogant.

Nach seiner Verhaftung war er vor allem patzig. Er wollte nicht wahrhaben, dass der oberste Gerichtshof ihn nicht sofort wieder rausholen wollte. Marcelo Odebrecht brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass sich die Zeiten geändert haben in Brasiliens Justiz. Genauer gesagt, er brauchte bis zum 8. März 2016, als ihn der Richter Sérgio Moro verurteilte. Er verhängte gegen Odebrecht die bislang höchste Strafe im Zusammenhang mit dem gigantischen Schmiergeldsumpf beim halb staatlichen Ölriesen Petrobras.

Diese Ermittlung ist eine Zeitenwende für Brasilien und für ganz Südamerika, vergleichbar höchstens mit «mani pulite», der Aufarbeitung der Mes­alliance zwischen Italiens Nachkriegspolitik und der Mafia. Mithilfe der in Brasilien erst seit wenigen Jahren gültigen Kronzeugenregelung entwirrte der Ermittlungsleiter Sérgio Moro das Geflecht aus Unternehmern, Petrobras-­Managern und Politikern. Marcelo Odebrecht erwischte es im 14. Ermittlungsschritt.

Lange schwieg er. Erst seine Verurteilung und die Blockierung der Firmenkonten brachten den Hochfahrenden zur Vernunft. Nachdem die Ermittler die gesamte Schmiergeld-Sonderabteilung aufdeckten, verkündete der Konzern im April, voll mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Das Resultat nennen Brasiliens Medien «Weltuntergangsbekenntnis».

Odebrechts paralleles Zahlungs-Universum bedachte Empfänger aus über 20 brasilianischen Parteien sowie die Kunden im Ausland. Mindestens 130 brasilianische Abgeordnete und Senatoren werden in den 77 Aussagen genannt, dazu 20 aktuelle oder ehemalige Gouverneure und Bürgermeister, auch mehrere aktuelle Minister – und offenbar auch Staatschef Michel Temer. Er soll 3 Millionen Euro für den Wahlkampf 2014 erschnorrt haben.

Rätselhafter Flugzeugabsturz

Während nun Justizbehörden in halb Südamerika ermitteln, wurde die Offenbarung vorigen Montag vom obersten Bundesgericht akzeptiert und dem Generalbundesanwalt übergeben. Zuvor hatte es Mitte Januar eine mysteriöse Panne gegeben. Der Richter Teori Zavascki, der beim höchsten Justizorgan seit 2014 für Petrobras und Odebrecht zuständig war, starb bei einem Flugzeugabsturz im Badeort Paraty. War der starke Regen schuld? Der heftige Wind? Oder gibt es andere Gründe? Die Blackbox zeige keine Anormalitäten, gaben die Ermittler bekannt.

Vergangene Woche wurde per Los der Nachfolger Zavasckis bestimmt. Edson Fachin gilt, wie sein toter Vorgänger, als technischer Jurist, distanziert von den politischen Parteien. Brasiliens Kommentatoren sehen darin ein Hoffnungszeichen und prophezeien, die Namen der Korrupten könnten bald publik werden. «Ich hoffe, dass Brasilien das überlebt», sagte der Petrobras-Aufklärer Sérgio Moro. Er wird auch an sein eigenes Wohl denken müssen.

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