Zug ins Niemandsland

Ein gescheitertes Bahnprojekt in Kalifornien trifft die Demokraten im ganzen Land.

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Kaum als Gouverneur von Kalifornien vereidigt, hat Gavin Newsom diese Woche angekündigt, dass er den Bau eines Hochgeschwindigkeitszuges zwischen San Francisco und Los Angeles abbrechen möchte. Seit Jahren wurde daran gebaut, ohne allzu beeindruckende Fortschritte zu machen. Zwar hatte sich der frische, überaus gut aussehende Demokrat schon vor Jahren als Skeptiker dieses Projekts erwiesen, doch aus parteipolitischen Gründen wohl traute er sich lange nicht, zu seiner Meinung zu stehen: Zu prestigereich, zu heilig war den kalifornischen Demokraten dieser Zug, in dem sie einen unverzichtbaren Beitrag an den Kampf gegen den Klimawandel sahen. Wer Zweifel äusserte, galt als schlechter Mensch – oder Republikaner, was auf das Gleiche hinauslief. Insbesondere Newsoms Vorgänger, der ewige Gouverneur Jerry Brown, der erst vor kurzem, 80-jährig, abgetreten ist, liebte diesen Zug von ganzem Herzen, und wann immer eine neue schlechte Nachricht von der Baustelle eintraf, war es Brown, der dafür sorgte, dass es trotzdem weiterging.

Schlechte Nachrichten kamen tatsächlich zuhauf: Die Wahl der Strecke stellte sich als schwierig heraus, die Enteignung der Landeigentümer als brutal, kostspielig oder hoffnungslos, was ironischerweise auch daran lag, dass Kalifornien, ein inzwischen ausgeprägt linker Staat, über die schärfsten Umweltgesetze der USA verfügt. Wem ein Eingriff in die Natur nicht passt, kann die Gerichte jahrelang damit beschäftigen. Vor allem wurde das Projekt Jahr für Jahr teurer, in einem Ausmass, das selbst im Land der gigantischen Zahlen, Amerika, Aufsehen erregte. War dem Wähler 2008 versprochen worden, die Bahn für 33 Milliarden Dollar zu errichten, stand der jüngste Kostenvoranschlag inzwischen bei 77 Milliarden – mit viel Steigerungspotenzial nach oben. Nichtsdestotrotz gaben die Demokraten noch im Dezember Durchhalteparolen aus – bis zu diesem Zeitpunkt waren zwar ein paar Brücken und Trassees entstanden, nirgendwo aber auch nur ein Meter Schiene verlegt worden. Insgesamt misst die Strecke rund 840 Kilometer.

Newsoms Entscheid traf die Demokraten im ganzen Land – und er traf sie hart. Denn erst vor wenigen Tagen hatte ihr neuer Superstar Alexandria Ocasio-Cortez, eine junge, ebenso gut aussehende New Yorkerin, ihren Green New Deal vorgestellt – ein ausserordentlich ehrgeiziges Programm, das den CO2–Ausstoss der USA innert zehn Jahren auf null herunterfahren will. Um dieses Ziel zu erreichen, soll unter anderem die gesamte Stromproduktion des Landes auf erneuerbare Energien umgestellt werden oder – und das betrifft das kalifornische Fiasko – das Flugzeug obsolet gemacht werden, indem man ganz Amerika mit Hochgeschwindigkeitszügen versorgt. Ehrgeizig? Wohl eher unmöglich, wenn nicht verantwortungslos. Zurzeit generieren die USA ihren Strom zu 32 Prozent mit Gas, 30 Prozent mit Kohle und 20 Prozent mit Atomkraft, während bloss 8 Prozent aus Solar- und Windkraftwerken stammen. Wie kann ein Land 62 Prozent seiner Stromproduktion in so kurzer Zeit ersetzen? Abgesehen davon, dass der Wind nicht immer bläst und die Sonne nicht jeden Tag scheint, sodass Gas- oder Atomkraftwerke, die dann einspringen, unerlässlich bleiben. Und wenn nicht einmal Kalifornien, ein reicher, von den Demokraten nach Belieben beherrschter Staat, es fertigbringt, einen einzigen Hochgeschwindigkeitszug zu bauen – wie soll das im ganzen Land möglich werden?

Dass Ocasio-Cortez, wenn wir schon dabei sind, auch das Fleischessen abschaffen und allen Amerikanern einen Lohn bezahlen wollte, selbst wenn sie sich weigerten zu arbeiten, machte die Sache für die Demokraten nicht einfacher. Zwar hat die Kongressabgeordnete diese Ideen, die in einem Begleitpapier standen, das sie den Medien ausgehändigt hatte, wieder zurückgezogen. Beim Papier habe es sich um einen Entwurf gehandelt, der aus Versehen veröffentlicht worden sei, liess sie mitteilen, nachdem sie zuerst behauptet hatte, es sei eine Fälschung. Wie dem auch sei, die junge Frau, die sich als «demokratische Sozialistin» bezeichnet, könnte sich bald als die gefährlichste Demokratin herausstellen – für die Demokraten. Weil sie so entschlossen nach links zieht, weil sie Utopien verkündet, die selbst Utopisten für utopisch halten. Am Ende gelten die Demokraten insgesamt als unwählbar.

Damit nicht alles für die Katz gewesen ist, hat Newsom übrigens versprochen, ein Teilstück der Bahn fertigzustellen. Von Bakersfield nach Merced, zwei Städte im Niemandsland, die keiner besuchen will. Die Fahrt dauert 45 Minuten.

Erstellt: 17.02.2019, 10:08 Uhr

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