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Zumindest gut erfunden

Der Journalist Michael Wolff mischt das Weisse Haus auf.

MeinungMichèle Binswanger
Michael Wolff nimmt am 50-Jahr-Jubiläum des «New York Magazine» teil. Bild: John Lamparski/WireImage
Michael Wolff nimmt am 50-Jahr-Jubiläum des «New York Magazine» teil. Bild: John Lamparski/WireImage

Er ist der Journalist der Stunde: Als Autor von «Fire and Fury – Inside the Trump White House» verspricht Michael Wolff das erste «Tell All»-Porträt des Weissen Hauses unter Präsident Donald Trump. Besonders vorteilhaft wird dieser Bericht gemäss ersten Meldungen nicht ausfallen. Trotzdem wird wohl Trump persönlich dafür sorgen, dass niemand das heute Freitag erscheinende Buch ignorieren kann. So wird in einer Vorabmeldung zum Buch unter anderem der ehemalige Berater Trumps, Steve Bannon, zitiert. Dieser soll die Verbindungen von Trumps Kampagnenteam und insbesondere dessen Sohnes zu russischen Offiziellen als «verräterisch» und «unpatriotisch» gebrandmarkt haben. Trump reagierte in typischer Manier auf Twitter: Bannon habe wohl den Verstand verloren. Solche Werbung macht aus Büchern Bestseller.

Für Wolff ist das nichts Neues. Seine lange Karriere als Autor ist gepflastert mit Auszeichnungen und Kontroversen. Der Sohn einer Reporterin und eines Werbers startete seine Berufslaufbahn in den späten Siebzigerjahren als Medienunternehmer, half Techmagazinen wie «Wired» beim Start und machte sich als Berater von Medienunternehmen und Newsorganisationen einen Namen. 1991 gründete der heute 65-Jährige dafür eigens eine Firma, sechs Jahre später ging diese in Konkurs. Was er als Unternehmer über das Medien- und Techbusiness gelernt hatte, verarbeitete er fortan als Autor von Büchern und Kolumnen.

Auf Schadenfreude und Geld fixiert

Mit einem guten Auge für Details und psychologischem Feingefühl nahm er im «New York Magazine» die Grössen des Medienbusiness aufs Korn. Wolff brachte das auf Papier, was jeder wusste, aber niemand zu schreiben wagte. Das tat er eleganter und unterhaltsamer, als jeder andere hätte schreiben können. So schuf er sich schnell eine Fanbasis – und viele Feinde. Insbesondere seine Journalistenkollegen zeigten ein gespaltenes Verhältnis zum Starautor. Wolff ignoriere gewöhnliche Journalisten und sei auf Erfolg, Schadenfreude und Geld fixiert, sagten sie. Ausserdem frisiere er gern Zitate. Und wo er keine Zitate bekomme, erfinde er sie eben. Trotzdem wurde Wolff zweimal mit dem National Magazine Award ausgezeichnet.

Ab Mitte der Nullerjahre wechselte der überzeugte Liberale ins politische Fach, wo er ähnliche Kontroversen auslöste. Er kenne sich in der Politszene zu wenig aus, hiess es, er berichte über Banalitäten. Gelesen wurde Wolff trotzdem.

Sein neues Trump-Buch beruhe auf über 200 Interviews mit Regierungsmitgliedern, ausserdem habe er Wochen im Weissen Haus zugebracht, schreiben Wolffs Verleger. Doch bereits hat der Milliardär Thomas Barrack Jr. bestritten, jemals gesagt zu haben, was Wolff ihm in den Mund legt: «Trump ist nicht nur verrückt, er ist auch dumm.» Wenn es nicht wahr ist, dann wenigstens gut erfunden.

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