Die Nummer 2 der Farc will den Krieg zurückholen

Iván Márquez greift wieder zu den Waffen – aus Enttäuschung über den Frieden in Kolumbien.

Ruft ehemalige Farc-Rebellen dazu auf, gegen die kolumbianische Regierung Widerstand zu leisten. Foto: Alejandro Ernesto (Keystone)

Ruft ehemalige Farc-Rebellen dazu auf, gegen die kolumbianische Regierung Widerstand zu leisten. Foto: Alejandro Ernesto (Keystone)

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Bis vorgestern galt Iván Márquez als Friedensbringer. 2016 hatte er den Friedensvertrag zwischen den Farc-Rebellen und der kolumbianischen Regierung mit ausgehandelt. Doch seit Donnerstag ist alles anders. Márquez will den Krieg zurückholen.

Ein Video zeigt ihn, wie er, umrahmt von rund 20 Schwerbewaffneten, eine halbstündige Botschaft vorliest. Darin ruft er die ehemaligen Farc-Rebellen auf, wieder zu den Waffen zu greifen. Der Staat habe das Friedensabkommen verraten. In den letzten zwei Jahren seien 500 Aktivisten und 150 frühere Guerillakämpfer umgebracht worden. Die Regierung unternehme nichts dagegen. Die neue Farc werde sich vor allem defensiv verhalten und Angriffe abwehren, sagte Márquez. Auf Kidnapping wolle man verzichten.

Der Staat habe das Friedensabkommen verraten.

Iván Márquez, der in Wirklichkeit Luciano Marín Arango heisst, diente lange Zeit als Nummer zwei in der Farc. Die marxistisch-leninistische Rebellenarmee überzog Kolumbien mit einem 52-jährigen Bürgerkrieg, seit 1964 starben rund 265'000 Menschen, über 7 Millionen wurden vertrieben. Der 64-Jährige hat fast sein ganzes Leben im Dschungel verbracht, uniformiert, in ständiger Kampfbereitschaft. 1977 war er der Farc beigetreten, wo er rasch Karriere machte, 1990 stieg er ins Oberkommando auf, dabei galt er als ideologischer Hardliner.

Nur Frieden solange der Staat mitspielt

Nach dem Friedensvertrag wandelte sich die Farc zur politischen Partei. Márquez erhielt einen ihrer fünf Sitze im nationalen Parlament. Diesen trat er im letzten Sommer aber nicht an. Aus Protest gegen die Verhaftung eines früheren Farc-Kollegen verschwand er aus der Öffentlichkeit.

Im Januar versandte er eine erste Videobotschaft. Die Umsetzung des Abkommens entmutige ihn, sagte er damals, bekannte sich aber weiterhin zum friedlichen Weg. Damit ist es nun vorbei. Der Umschwung hat Kommentatoren nicht wirklich erstaunt. Márquez habe immer betont, dass der Frieden nur gelte, solange der Staat seine Versprechen streng einhalte.

Mehrere Splittergruppen der Farc weigerten sich schon 2016, die Waffen abzugeben. Unter Márquez, so die Vermutung, könnten sich diese Gruppen vereinigen. Gemäss Schätzungen dürften so 1500 Kämpfer zusammenkommen. Zur alten Grösse von 2016, als die Farc über 7000 Bewaffnete zählte, wird es aber kaum reichen. Rodrigo Londoño, der frühere Oberkommandant und Chef von Iván Márquez, sagte, dass sich die grosse Mehrheit der ehemaligen Guerillas weiterhin ans Abkommen halte, «trotz aller Schwierigkeiten und Gefahren».

Im Krieg mit dem Staat, wie bisher

Der konservative kolumbianische Präsident Iván Duque schimpfte Márquez und seine Mitstreiter «eine Bande von Kriminellen und Drogenhändlern», die er mit aller Macht des Staates bekämpfen werde. Duque beschuldigte Nicolas Maduro, den autoritären Präsidenten des Nachbarstaates Venezuela, den Farc-Leuten Unterschlupf zu bieten auf venezolanischem Boden. Das Wiedererstarken der Militanten verstärkt die Spannungen zwischen den zwei Ländern.

Laut der Videobotschaft befindet sich Iván Márquez nicht in Venezuela, sondern in einer Grenzregion. So oder so ist Márquez zurück im Dschungel, uniformiert, im Krieg mit dem Staat – so wie er sein bisheriges Erwachsenenleben verbracht hat.

Erstellt: 31.08.2019, 11:15 Uhr

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