Attentäter zwangen Mitarbeiterin, Sicherheitscode einzugeben

Wie die Angreifer von Paris ins Gebäude von «Charlie Hebdo» gelangten und was Augenzeugen vom Anschlag berichten.

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Eine Salve von Schüssen zerreisst um 11.30 Uhr die Stille der kleinen Rue Nicolas Appert mitten im Zentrum von Paris. Zwei schwarz gekleidete, vermummte Männer rennen durch die Strasse und schreien «Allah Akbar» (Gott ist gross) vor dem Sitz der Satire-Zeitung «Charlie Hebdo». Die mit Kalaschnikows bewaffneten Angreifer rufen auch: «Wir haben den Propheten gerächt!» Dann flüchten sie. Zwölf Menschen sterben bei diesem tödlichsten Terroranschlag in Frankreich seit Jahrzehnten. In Paris herrscht seither Ausnahmezustand: Die höchste Terrorwarnstufe wurde ausgerufen.

«Sie waren vermummt, mit Kalaschnikow oder M16», erzählt ein Nachbar schockiert. Die Angreifer seien «todernst» gewesen, sodass er an Sondereinheiten der Polizei habe denken müssen, die Drogenhändler verfolgen. «Man kam sich vor wie bei einem Filmdreh.» Andere erzählen, wie sie gerade die Strasse entlang kamen oder aus der U-Bahn und fast in die Schiesserei gerieten. Der 56-jährige Jean-Paul Chevalier, der in einem Kindergarten arbeitet, kam mit einigen Kleinen dort vorbei: «Leute lehnten sich aus dem Fenster und schrieen mir zu, vom Bürgersteig zu verschwinden. Die Leute waren in Panik, und ich hörte Schüsse.»

So flüchteten die Attentäter durch Paris: Smartphone-User: Für die interaktive Grafik klicken Sie bitte auf diesen Link.

Die in schwarz gekleideten und mit Maschinengewehren bewaffneten Angreifer zwangen eine Mitarbeiterin der Zeitung, die zusammen mit ihrer kleinen Tochter am Bürogebäude eintraf, die Tür mit einem Sicherheitscode zu öffnen. Die Belegschaft hielt gerade eine Konferenz ab. Die Bewaffneten hätten zuerst Chefredakteur Stéphane Charbonnier und dessen Polizei-Leibwächter getötet, sagte ein Sprecher der Polizeigewerkschaft, Christophe Crepin.

Die Karikaturistin Corinne Rey, die nach eigenen Angaben dazu gezwungen wurde, die Angreifer in das Gebäude zu lassen, sagte, die Männer hätten fliessendes Französisch gesprochen und behauptet, vom Terrornetzwerk al-Qaida zu sein. Rey sagte der Zeitung «L'Humanité», die gesamte Schiesserei habe möglicherweise fünf Minuten gedauert.

Präsident Hollande versuchte zwar, mit dem Hinweis zu beruhigen, dass in den vergangenen Wochen bereits mehrere Anschlagsversuche vereitelt worden seien. Dass die - mutmasslich islamistischen - Täter nun aber im Stadtzentrum der Hauptstadt zuschlagen konnten, schockierte die Franzosen. Eine Frau in der Nähe des Anschlagsortes drückte das aus, was viele denken: «Das ist Irrsinn - mitten im Herzen von Paris.»

Spur verloren

Stunden nach dem blutigen Anschlag, bei dem auch mindestens sieben Menschen verletzt wurden, vier von ihnen sehr schwer, waren die Täter noch nicht gefasst. Mit welcher Kaltblütigkeit die Angreifer vorgingen, zeigt ihre Flucht: Während ihrer Fahrt vom 11. Arrondissement zwischen dem Platz der Bastille und dem Platz der Republik stiegen sie aus ihrem Auto noch einmal aus und töteten einen Polizisten per Kopfschuss. In der Nähe der Porte de Pantin in Richtung nordöstlichem Stadtrand überfielen sie einen Autofahrer und überfuhren einen Passanten. Seither verliert sich die Spur.

In den Redaktionsräumen von «Charlie Hebdo», dem Satiremagazin, das seit Jahren wegen seiner provokanten Mohammed-Karikaturen im Visier von Islamisten ist, richteten die Täter ein wahres Blutbad an. Der langjährige Chef der renommierten Satire-Zeitung starb in dem Kugelhagel ebenso wie drei seiner Kollegen, die Zeichner Wolinski, Cabu und Tignous. Ein Journalist, der in Räumen gegenüber von «Charlie Hebdo» arbeitet, berichtete von fürchterlichen Szenen: «Leichen am Boden, Blutlachen, sehr schwer Verletzte».

Höchste Alarmstufe

Die sozialistische Regierung in Paris verhängte umgehend die höchste Terrorwarnstufe für den Grossraum Paris - ein Schritt, der ungewöhnliche Sicherheitsmassnahmen und Einschränkungen für die Bevölkerung zulässt. So wurde nicht nur der Schutz von Medienhäusern, grossen Kaufhäusern, Kirchen und im öffentlichen Nahverkehr erhöht. Für Schulen wurden alle Ausflüge untersagt, Parken vor Schulen wurde verboten.

Ein sichtlich erschütterter Staatschef François Hollande sprach am Tatort von einem «Terroranschlag», daran gebe es keinen Zweifel. «Frankreich steht heute unter Schock.» Ziel des Attentats sei eine Zeitung gewesen, die schon mehrfach bedroht worden sei. Die Täter dieser «aussergewöhnlich barbarischen Tat» würden verfolgt und vor Gericht gestellt, versprach er.

Schon seit Monaten sorgen Terrordrohungen insbesondere der in Syrien und im Irak kämpfenden Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Frankreich für Unruhe. Die Sicherheitsdienste hatten gewarnt, dass es nicht mehr eine Frage sei, ob ein Anschlag stattfinde, sondern nur noch wann und wo. (AFP)

Erstellt: 08.01.2015, 10:38 Uhr

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