Die Spur nach Jemen und zurück

Der jemenitische Ableger der al-Qaida hat sich zum Anschlag auf «Charlie Hebdo» bekannt. Fest zu stehen scheint jedoch nur, dass die Gebrüder Kouachi im Jemen ein Terrortraining durchlaufen haben.

Undatierte Aufnahme von Terrorprediger Anwar al-Awlaki: Der Spiritus Rector der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel wurde 2011 bei einem Drohnenangriff getötet. Foto: AFP

Undatierte Aufnahme von Terrorprediger Anwar al-Awlaki: Der Spiritus Rector der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel wurde 2011 bei einem Drohnenangriff getötet. Foto: AFP

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Jemens Präsident Abd Rabbuh Mansur al-Hadi sah sich zu einer Klarstellung genötigt. Sein Land sei kein Exporteur von Terrorismus, versicherte er dem französischen Botschafter in Sanaa. Es sei vielmehr selbst Opfer des Terrorismus. Als Beleg führte er das Selbstmordattentat auf die Polizeiakademie in der Hauptstadt an. Dabei waren nur wenige Stunden vor dem Angriff auf «Charlie Hebdo» 37 Menschen getötet worden. Hinter der Attacke, nur die jüngste einer ganzen Serie, vermuten die Behörden al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, auch bekannt als Aqap.

Es ist diese aktivste Filiale des Terrornetzwerks, bei der offenbar Said Kouachi und auch sein Bruder Chérif den Umgang mit der Waffe erlernt haben. In einer schriftlichen Botschaft hat die Gruppe erklärt, der Angriff sei von der Aqap-Führung gesteuert worden. Am Mittwoch legte sie mit einem Bekennervideo nach, laut dem Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahri persönlich das Ziel ausgewählt haben soll. Es sei ein inniger Wunsch Osama Bin Ladens gewesen. Al-Zawahri habe den Plan gefasst und das Attentat finanziert.

Der Inhalt dieser Statements ist bisher nicht bestätigt. Die Aqap könnte, ohne eine aktive Rolle gespielt zu haben, den Anschlag für sich in Anspruch nehmen, um im Wettstreit um die Führung im internationalen Jihadismus verlorenes Terrain gegenüber dem Islamischen Staat (IS) gutzumachen. Spezifisches Wissen, das auf eine Beteiligung an der Planung des Attentats schliessen liesse, enthalten die Botschaften aber nicht.

Das Ausmass an Steuerung durch die Jihadisten im Jemen untersuchen die Geheimdienste noch. Sie halten es für möglich, dass der Auftrag für den Mord an den Karikaturisten von dort kam. Eindeutige Indizien dafür gibt es allerdings bisher nicht. Klarer ist inzwischen, dass offenbar die Kouachi-Brüder Mitte 2011 über Oman nach dem Jemen gereist waren und in einem Al-Qaida-Lager im Wadi Adiba bei Marib trainiert wurden, 100 Kilometer östlich von Sanaa. Laut jemenitischen Sicherheitskreisen reisten sie am 25. Juli nach Oman ein, wurden über die Grenze geschmuggelt und kehrten am 15. August nach Frankreich zurück.

US-Terrorist hat bezahlt

Damals hatten die Jihadisten im Jemen das Machtvakuum genutzt, das im Zuge der Proteste gegen Präsident Ali Abdullah Saleh entstand. Die Terroristen brachten Gebiete im Süden des Landes unter ihre Kontrolle. Im Gouvernement Abyan riefen sie ein Islamisches Emirat aus. Westliche Geheimdienste schliessen nicht aus, dass die Kouachis an Terroroperationen teilgenommen haben.

Sicherheitskreise in Jemen sind sich zudem ziemlich sicher, dass zumindest Said, der ältere der beiden Kouachi-Brüder, Anwar al-Awlaki kannte. Der Terrorprediger wurde in den USA geboren und war deshalb Amerikaner. Said traf ihn im benachbarten Gouvernement Shabwa, der Heimat von dessen jemenitischer Familie. Auch Chérif Kouachi hatte während der Flucht in einem Telefonat mit einem französischen TV-Sender von einem Treffen mit dem Prediger gesprochen: «Scheich Anwar al-Awlaki hat meine Reise finanziert!»

Der eloquente Spiritus Rector der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und wohl erfolgreichste Rekrutierer des Terrornetzwerks hatte die Gruppe mit seinen Videoauftritten ins Youtube-Zeitalter katapultiert. Damit vervielfachte er die Anziehungskraft der Aqap für ausländische Kämpfer. Zusammen mit seinem Adlatus Samir Khan begründete er das englischsprachige Magazin «Inspire», in dessen erster Ausgabe bereits dazu aufgerufen wurde, Karikaturisten zu töten, die den Propheten Mohammed lächerlich machten. Die beiden Männer wurden im September 2011 durch einen US-Drohnenangriff getötet. Anfang 2013 rief ihre Jihadisten-Postille dann namentlich zum Mord an «Charlie Hebdo»-Chef Stéphane Charbonnier auf.

Awlaki soll Inspiration und Anleitung für eine Reihe von Attentaten gegen westliche Ziele gegeben haben. Ihm zugeschrieben wird der Versuch, im Ok­tober 2010 mit Sprengstoff präparierte Laserdrucker-Kartuschen an Bord von Frachtflugzeugen über den USA zu zünden. Eine Messerattacke auf einen britischen Abgeordneten soll er ebenfalls angeregt haben. Auch der Unterhosenbomber Umar Farouk Abdelmutallab, der am Weihnachtstag 2009 versucht hatte, ein Passagierflugzeug der North-west Airlines auf dem Weg nach Detroit mit in seiner Wäsche eingenähtem Sprengstoff zum Absturz zu bringen, hatte ihn mehrmals getroffen. Später erzählte er dem FBI, Awlaki habe das Attentat angeleitet. Ein jemenitischer Journalist, der Abdelmutallabs Leben in Sanaa recherchiert hat, behauptet, Said Kouachi habe mit dem Attentäter bei einem Aufenthalt in Sanaa 2009 die Unterkunft geteilt. Gemeinsam hätten sie eine Sprachschule besucht, die als Treffpunkt militanter Islamisten galt.

Die Geheimdienste versuchen nun herauszufinden, ob die Kouachi-Brüder einen konkreten Auftrag aus ihrer Zeit in Jemen hatten und als Schläfer stillhielten, bis die französischen Behörden sie vom Radar liessen. Oder ob sie doch aus eigenem Antrieb handelten. Dass Awlaki über seinen Tod hinaus Terroristen als Inspiration diente, zeigte sich beim Anschlag auf den Boston-Marathon im April 2013: Die Tsarnajew-Brüder hatten ihre Kochtopfbomben nach einer Anleitung aus dem «Inspire»-Magazin gebaut.

Ob allerdings die alten Terrorstrukturen im Jemen zumindest in Teilen weiterhin bestehen, ist hingegen nicht sicher. Jemens Sicherheitsdienste haben nach eigenen Angaben keine Kommunikation mehr zwischen den Kouachi-Brüdern und der Aqap registriert, seitdem diese den Jemen 2011 verlassen hatten. Unklar bleibt daher, wen oder was die Kouachis genau meinten, als sie sich bei ihren Taten auf die al-Qaida im Jemen beriefen.

Kaum Absprache mit dem IS

Die al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, 2009 aus dem Zusammenschluss der Zweige in Saudiarabien und dem Jemen entstanden, war nach einer Offensive der jemenitischen Regierung und einer Serie von US-Drohnenangriffen 2012 unter Druck geraten. Dennoch verübte die Aqap weiterhin schwere Anschläge im Land. 2014 verzeichnete die Aqap nach dem Vorrücken schiitischer Huthi-Milizen neuen Zulauf und wird von einigen sunnitischen Stämmen in deren Gebieten geduldet. Seit die Huthis im September die Hauptstadt überrannten, verübten die sunnitischen Extremisten mehr als 150 Attacken.

Für Experten wie Bill Roggio vom «Long War Journal», einem Internetportal, das Aktivitäten islamistischer Terrorgruppen dokumentiert, steigt mit den militärischen Erfolgen der al-Qaida im Jemen auch die Bedrohung für den Westen. Die Aqap mache wie schon 2011 Geländegewinne. Solche Erfolge würden wieder mehr ausländische Kämpfer anziehen, sagt Roggio. Die lokale Bevölkerung biete den Kämpfern Rückzugsgebiete. Das sei die Vorbedingung für Anschläge jenseits der Grenzen.

In der jüngsten «Inspire»-Ausgabe wird zum Jihad gegen Amerika und zu neuen Attentaten auf Flugzeuge westlicher Airlines aufgerufen. Ausdrücklich werden Attacken sogenannter einsamer Wölfe gefordert. Das sind Militante, die in ihre Heimatländer im Westen zurückgekehrt sind, so wie die Kouachi-Brüder in Frankreich.

Anzeichen für eine gemeinsame Planung der Anschläge von Paris zwischen der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und der konkurrierenden Terrormiliz IS sehen die Geheimdienste bislang nicht. Ebenso wenig eine Allianz zwischen ihnen. Spekulationen darüber hatte der dritte Attentäter von Paris, Amedy Coulibaly, ausgelöst, der sich in einem für authentisch erachteten Video zum selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi bekannte. Die persönlichen Verbindungen zwischen den Attentätern reichen allerdings in eine Zeit zurück, in der die beiden Organisationen noch nicht in offener Konkurrenz zueinander gestanden haben.

Die Ermittler halten es für wahrscheinlich, dass es zwar Absprachen zwischen den Tätern gab, nicht aber zwischen den Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlten. Auch das nun aufgetauchte Bekennervideo spricht für diese Version: Coulibaly wird darin als «Bruder Mujahid» bezeichnet, die al-Qaida nimmt seine Taten aber nicht für sich in Anspruch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2015, 23:04 Uhr

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