Die offene Gesellschaft ist verletzlich

Wie wird sich unsere Gesellschaft nach den Attentaten und «Je suis Charlie» verändern? Überwachung wollen wir nicht, aber absolute Sicherheit.

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Erst war da der Schock über die Attentate mitten in Paris, dann die Welle der Solidarität mit den Opfern: Millionen versammelten sich unter dem Motto «Je suis Charlie». Ein gutes Zeichen, weil sich die Emotion den richtigen Weg nach aussen gesucht hatte – gemeinsame Trauer in Würde und Gefasstheit – und nicht den falschen, den der hastigen Suche nach Schuldigen, der Ausgrenzung, des Hasses. Auf wen auch? Die Täter sind tot. Ihre Nachfolger kennen wir noch nicht.

«Dem Terror die Stirn geboten» hätten die Millionen Demonstranten, hiess es in Kommentaren. Was für ein Unsinn! Der Terror war ja nicht da, an der Place de la République. Wer das Unglück hat, in ein Attentat zu geraten, kann, wenn er grosses Glück hat, sich unter einen Tisch oder in den Kühlraum flüchten. Mut ist da keine Kategorie.

Wie wird die Reaktion sein, wenn die nächsten Schüsse fallen, die nächste Bombe hochgeht – in der U-Bahn, einem Vorortszug, auf einem Markt, in einem Einkaufszentrum? Die belgische und die deutsche Polizei haben offenbar neue Anschläge gerade noch verhindert. Unsere offene Gesellschaft ist äusserst verletzlich; einem Gegner, dem auch das eigene Leben egal ist, bietet sie überall Blössen und offene Flanken. Die Zivilgesellschaft ist gewissermassen ein einziges grosses «weiches Ziel».

Die nächste Mordtat kommt

Absolute Sicherheit gibt es nicht: Mantraartig ist dieser Satz jetzt von Politikern und Sicherheitsorganen zu hören. Noch nickt man verständig dazu. Noch überwiegen die Appelle zur Gelassenheit, noch überwiegen die Stimmen, die auf die Friedfertigkeit der Muslime hinweisen, vor ihrer Verunglimpfung warnen. Aber die anderen sind ebenfalls da, und sie werden stärker werden.

Die Attentate von Paris konnten Experten nicht überraschen – und alle gut informierten Bürger auch nicht. Seit längerem gibt es begründete Warnungen vor Rückkehrern aus den nahöstlichen Kampfgebieten, vor IS- oder Al-Qaida-Zellen im Westen, vor Schläfern, vor Einzeltätern, radikalisiert durch fanatische Imame oder durchs Internet. Die nächste Mordtat ist nur eine Frage der Zeit – und des Ortes; auch die Schweiz ist keine Alpenfestung.

Das wird dann die Nagelprobe der offenen Gesellschaft. Denn diese will nicht nur absolute Freiheit, sondern auch Schutz vor Unbill jeglicher Art. Wir sind eine Vollkasko-Gesellschaft geworden, eine, die mit ihren Steuern und Wahlzetteln im Gegenzug die Gewähr auf vollkommene Sicherheit beansprucht. Der Firnis der Gelassenheit ist dünn, schon beim nächsten – oder übernächsten, oder überübernächsten – Anschlag kann er aufplatzen.

Dass wir im Westen nicht nur Wohlstand haben, sondern auch eine komfortable Sicherheitslage: Das ist uns längst selbstverständlich geworden, es scheint uns zuzustehen (den Menschen im Irak, in Somalia, in Nigeria, im Jemen, in Pakistan offenbar nicht, wo täglich mehr Opfer zu zählen sind als an diesem einen 7. Januar in Paris). Das Gefühl, hier könne und dürfe einem nichts geschehen, ist natürlich trügerisch. Denn dass wir morgen unters Auto kommen oder mit einem Hirntumor aufwachen können, ist uns nicht bewusst, obwohl es wahrscheinlicher ist als jede terroristische Bedrohung. Es ist nur Letztere, die bei entsprechender (und nicht ausbleibender!) medialer Verstärkung eine besondere gesellschaftliche Wucht entwickelt.

Es muss etwas geschehen!, wird es dann heissen, wie in Heinrich Bölls schöner Kurzgeschichte, auch wenn nicht viel geschehen kann, was sinn- und wirkungsvoll wäre. In der Schweiz werden die geplanten Nachrichten- und Überwachungsgesetze nun auf wenig Widerstand stossen. Ob sie wirklich helfen gegen immer raffiniertere Attentäter, ist fraglich. Deutschland will das sogenannte Schily-Paket von 2002 noch einmal verschärfen – und die Strafbarkeit noch mehr ins Vorfeld, die Planung, die Idee der Tat verlagern, was laut kundigen Kommentatoren rechtlich heikel ist.

Die Vorratsdatenspeicherung wird nun als Allheilmittel gepriesen – Frankreich hat sie schon, und geholfen hat es nicht. Die USA haben nach 2001 ihren Patriot Act verabschiedet, Bürgerrechte massiv beschnitten und das Land regelrecht hysterisiert. Die Bomben von Bos­ton hat das nicht verhindert. Seltsam auch die Begeisterung, mit der jetzt mehr Einblick in «sensible Daten», mehr präventive Ausspähung gefordert und zweifellos bewilligt wird. Die NSA, vor kurzem noch die bösen Überwachungskrake – hat man nicht, wenigstens im Geiste, «je suis Snowden» gerufen? –, ist plötzlich wieder höchst willkommen als Lieferant von «Terrorhinweisen».

Mehr Sicherheit kostet; die lückenlose Kontrolle eines einzigen verdächtigen Syrienrückkehrers braucht 25 Polizisten, rechnen Experten vor. Nun, die Stasi der DDR beschäftigte noch mehr Leute, bei geringerer Gefährdungslage. Paranoide Systeme scheuen keine Kosten, ihre Ängste zu bekämpfen. Auch wenn es nichts nützt. Im halbdemokratischen Russland kommt es immer wieder zu Attentaten, sogar der Polizeistaat China ist nicht davor gefeit.

Und selbst wenn man alle Jihadisten vorsorglich einsperrte – wer bewahrt uns vor dem Bankangestellten, der plötzlich durchdreht? Oder vor einem Anders Breivik, der nun kein Islamist war, sondern genau das Gegenteil? Wir rüsten unsere Schulen ja auch nicht zu Hochsicherheitstrakten um, bloss weil keiner weiss, in welcher Klasse der nächste Amok­läufer sitzt.

Gefahren sind, eben weil das Befürchtete noch nicht eingetreten ist, nicht mess-, sondern nur fühlbar, und Sicherheit ist vor allem ein Gefühl. Ein Gefühl, das medial und politisch steuerbar, ja manipulierbar ist. Auch die politischen Akteure können schnell unter Druck geraten, unter den Druck «der Öffentlichkeit», also von Medien, die diese Öffentlichkeit zu spiegeln meinen, statt vernunftgeleitet und mässigend auf sie einzuwirken. Ulrich Beck hat in seinen Büchern über die «Risikogesellschaft» gezeigt, wie die Zukunft, das mögliche Eintreten von Ereignissen, die Gegenwart schon deformiert.

«Fraternité» kommt zu kurz

Dass die schöne Solidarität des «Je suis Charlie» anhält, ist also eher unwahrscheinlich. Es könnte ungemütlicher werden in unserer Gesellschaft. Da wäre es sinnvoll, sich genau zu fragen, was das ist, was wir mit «Freiheit» benennen. Zu fragen, ob nicht unter dem Primat der «liberté» die «fraternité» längst zu kurz kommt. Ob wir nicht zu schnell von Versagern und Losern reden, statt sie «mitzunehmen», wie es in der Schulpädagogik heisst. Ob es zu viel Ausgrenzung und Vernachlässigung gibt. Ob die Vorteile, die wir aus der Globalisierung ziehen, nicht im Gegenzug zu mehr Integrationsanstrengungen führen sollten.

Vor allem müssen wir lernen, dass die komfortable Sicherheitslage vielleicht nicht zu halten ist – und wie wir mit einer weniger komfortablen zurechtkommen. Im Zweiten Weltkrieg, als die Bomben auf London fielen, konnten die Engländer nicht viel dagegen tun. Sie entschieden sich dafür, sich nicht beirren zu lassen. Elias Canetti hat das in «Party im Blitz» eindrucksvoll geschildert. «Keep calm and carry on»: eine gute Devise für ungemütliche Zeiten. Der Preis, den wir für Wohlstand und Freiheit zahlen mussten, war bisher niedrig. Er könnte künftig höher ausfallen. Aber eine hochgerüstete Verdachtsgesellschaft: Dieser Preis wäre zu hoch.

Erstellt: 16.01.2015, 23:43 Uhr

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