Digital-Angriff «Operation Charlie Hebdo» auf den IS

Auf Youtube kündigen Hacker an, Web-Attacken gegen den Islamischen Staat zu lancieren. Was die lose Gruppe Anonymous genau plant.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die französische Nationalversammlung hat verkündet, man werde die Luftangriffe auf den Islamischen Staat (IS) auch nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» fortsetzen. In den sozialen Netzwerken bricht die Solidarität mit den Opfern des Angriffs nicht ab. #Jesuischarlie heisst es immer noch überall. Doch das ist nicht alles.

Tiefer im Netz findet ein weiterer Kampf statt. Ein Krieg von empörten Internet-Aktivisten und Hackern, der sich gegen Islamisten richtet. Die lose organisierte Hacktivisten-Gruppe Anonymous hat am 10. Januar, drei Tage nach den Anschlägen in Paris, die «Operation Charlie Hebdo» respektive #opcharliehebdo via Youtube und den Textdienst Pastebin angekündigt. In der Mitteilung schreiben sie: «Es ist offensichtlich, dass einige Leute in dieser freien Welt nicht wollen, dass man frei seine Meinung äussern darf. Erwartet eine massive Reaktion von uns. Wir haben immer für diese Freiheit gekämpft.»

In der Nacht auf den 14. Januar hat Anonymous damit begonnen, mehrere Webseiten, die nach ihrer Auffassung im Zusammenhang mit dem IS und anderen islamistischen Gruppierungen stehen, anzugreifen. Gemäss Dokumenten auf Pastebin wurden bisher zahlreiche islamische Websites anvisiert. Die Gruppe betonte mehrfach, es gehe dabei aber nicht um Angriffe auf den Islam an sich, sondern darum, ob die anvisierten Websites durch Terrornähe auffallen würden. «Das ist keine rassistisch motivierte Operation», sagen die Organisatoren gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

«Wir haben einige Leute, die nach Websites suchen, und andere, die die gefundenen Seiten analysieren und nach Propagandamaterial durchforsten. Danach entscheiden wir, ob wir sie angreifen», erklären sie. Offiziell wollte Anonymous keine Angaben zu den Zielen machen. Es handle sich um eine «riesige Liste». Auf Twitter kursieren allerdings Daten zu möglichen Zielen, darunter beispielsweise die englischsprachige Nachrichtensite «Shahamat: Die Stimme des Jihad», aber auch der Online-Bücherladen al-Islam.

Im Gegenzug zu früheren Attacken sei das Ziel dieses Mal nicht das Überlasten von Servern, sondern das Schlagen von Datenlecks. «Wir liefern sensible Daten an die jeweiligen Behörden und versuchen, Identitäten von Terroristen offenzulegen», erklären die Organisatoren. Nach eigenen Angaben haben die Hacker schon «grosse Mengen» an Daten gesammelt.

Keine Neulinge im Internet

Anonymous ist als Internetaktivistengruppe das erste Mal Anfang 2008 in Erscheinung getreten. Im Zuge des sogenannten Project Chanology hatte das Kollektiv damals über das anonyme Internetforum 4chan koordinierte Angriffe auf die Church of Scientology durchgeführt. Grund dafür war damals der Versuch seitens Scientology, ein ins Internet gelangtes Video von Tom Cruise von Youtube zu entfernen. Im Zuge der Angriffe wurden auch reale Demonstrationen und Kundgebungen in verschiedensten Städten der Welt durchgeführt, so auch in Zürich.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Anonymous 2010 mit Angriffen auf das Online-Bezahlsystem Paypal sowie auf Visa, Mastercard und Postfinance, nachdem diese Konten von Wikileaks-Gründer Julian Assange eingefroren hatten. Seither habe sich Anonymous gespalten, erzählt ein Insider gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Die Community, die sich an den Angriffen auf Paypal beteiligt hat, operiert jetzt selbstständig. Die heutige Anonymous-Gruppe besteht vor allem aus Leuten, die sich für das Recht auf freie Meinungsäusserung einsetzen wollen», erklärt der User über einen offiziellen IRC-Chat-Kanal.

Erstellt: 17.01.2015, 09:37 Uhr

Kritik an der Hackergruppe

Im Internet ist Anonymous keineswegs unumstritten.

Im Internet hat Anonymous seit den Angriffen auf Paypal und die Postfinance einen zweifelhaften Ruf. Die Gruppierung ist führerlos und wird ohne zentralisierte Struktur organisiert. Zu sagen habe etwas, wer sich eine «Reputation» erarbeitet, erklärt der Insider. Auch die bisher angewandten Methoden sorgen in einschlägigen Netzgemeinden für Skepsis. Bei früheren Angriffen wurde eine in mehreren Ländern illegale Software verwendet, die es selbst einem Computerneuling leicht erlaubt, einen Server zusammen mit anderen Benutzern zu überlasten – ein sogenannter Distributed-Denial-of-Service-Angriff (DDoS). Grundsätzlich konnte so jeder bei Anonymous-Operationen mitmachen, der wollte. Diese niedrige Eintrittsbarriere hat Anonymous neben der auffälligen Selbstinszenierung samt dramatischen Videos den Ruf einer Organisation für Möchtegern-Hacker eingebracht.

Anfänger sind auch dieses Mal willkommen: «Sie helfen uns nur schon, wenn sie uns unterstützen», sagen die Organisatoren. Wie genau Anonymous bei «Operation Charlie Hebdo» vorgeht und was in den höheren Rängen passiert, lässt die Gruppe offen.

Artikel zum Thema

Nordkorea im Visier von Anonymous

Das Hackerkollektiv Anonymous soll die offiziellen Kanäle der nordkoreanischen Führung in mehreren sozialen Netzwerken geknackt haben. Mehr...

FBI hebt berüchtigte Hackergruppen aus

Schlag gegen die Hackerszene: Die Bundesstaatsanwaltschaft von Manhattan hat Anklage gegen fünf mutmassliche Mitglieder der Gruppierungen Anonymous, LulzSec und AntiSec erhoben. Mehr...

Türkei sperrt Seiten, die neues «Charlie Hebdo» zeigen

Wer im Internet die Titelseite des jüngsten «Charlie Hebdo» zeigt, wird in der Türkei blockiert. Eine Zeitung überlistet die Justiz aber. Die Darstellung des Propheten stellt im Islam einen doppelten Tabubruch dar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...