Ein Attentat auf die Fraternité

Die Terrorangst der Franzosen bewahrheitet sich:  In Paris haben drei Terroristen die Redaktion der Satirezeitung «Charlie Hebdo» gestürmt und 12 Menschen hingerichtet – um Mohammed zu rächen, wie sie sagten.

«Wir haben keine Angst»: Tausende zeigen in Paris  ihre Solidarität mit den Opfern – und gleichzeitig, dass sie sich vom Terror nicht einschüchtern lassen. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

«Wir haben keine Angst»: Tausende zeigen in Paris ihre Solidarität mit den Opfern – und gleichzeitig, dass sie sich vom Terror nicht einschüchtern lassen. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

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Sie sassen gerade beisammen für die wöchentliche Planungskonferenz, wie jeden Mittwochmorgen, 11.30 Uhr, im Redaktionsgebäude im XI. Arrondissement von Paris. Es wurde früher oft gelacht an diesen Sitzungen von «Charlie Hebdo». Und viel debattiert über Ideen für Karikaturen und Cover. Satire ist ein hartes Geschäft. Sie soll ja immer gescheit und lustig zugleich sein. Besonders schwierig ist das Genre der «vignette», wie die Franzosen die Karikatur nennen. Sie soll sich dem Betrachter möglichst schnell erschliessen, in Tiefe und Witz.

Man sass also gerade zusammen, als drei vermummte Männer mit Schnellfeuerwaffen ins Büro drangen und um sich schossen. Dreissigmal, mindestens. Die Attentäter, so berichten es Augenzeugen, haben während des Massakers Gott gehuldigt: «Allah Akbar», Gott ist gross. Gekommen waren sie, um den Propheten Mohammed zu «rächen», den die Zeichner der Zeitung immer mal wieder zum Thema gemacht hatten in den letzten Jahren. Ein Rachefeldzug, eine Vergeltungsoperation. Sie dauerte nur einige Minuten. Zwölf Menschen starben, unter ihnen der Chefredaktor und einige bekannte Zeichner des Blatts. Dann türmten die Terroristen. Bevor sie das Fluchtauto bestiegen, rief einer von ihnen kalt und triumphierend: «Wir haben ‹Charlie Hebdo› getötet.» Die Zeitung, den Geist, die Leute.

Die ständige Angst

Seither steht Frankreich unter Schock. Die Regierung hob die Alarmstufe für den Grossraum Paris auf «Alerte attentat», die höchstmögliche des Anti-Terror-Programms «Vigipirate». Schulausflüge wurden annulliert, die Patrouillen an den Metrostationen und in den Bahnhöfen verstärkt, die Glaubenshäuser ­aller Religionen mit Polizei umstellt. Die Alarmstufe war schon davor hoch angesetzt gewesen. Es gab schon länger Drohungen. Man befürchtete, Rückkehrer aus Syrien oder dem Irak, wo über tausend Franzosen in den Reihen des Islamischen Staats kämpfen, könnten aus Frust oder geschärftem Radikalismus daheim zuschlagen wollen. Der Polizei gelang es in den letzten Wochen, einige Operationen zu vereiteln. Diese nicht, obschon auch ein Attentat auf «Charlie Hebdo» immer plausibel schien, plausibler jedenfalls als andere Ziele. Wegen der Karikaturen von Mohammed.

Staatspräsident François Hollande zeigte sich nur kurze Zeit nach dem Attentat am Tatort, brachte ein halbes Dutzend Minister mit, um dem Akt die nötige institutionelle Schwere zu verleihen, und sprach von einer «ausserordentlichen Barbarei». In einem Auftritt in den Abendnachrichten versprach er dann, alles zu unternehmen, um die Täter zu fassen. Seit vielen Jahrzehnten hatte es kein so opferreiches Attentat mehr gegeben in Paris.

Überall im Land fanden am Abend Gedenkmärsche statt, spontan einberufen. An der Place de la République nahmen Tausende teil. Heute Donnerstag werden es noch viel mehr sein, der Präsident hat einen Tag der nationalen Trauer ausgerufen. Auf den sozialen Netzwerken liefen die Mitleidsbekundungen unter #JeSuisCharlie. Hollande sagte: «Frankreich ist in seinem Herz getroffen worden.» Er meinte damit die Errungenschaften der Revolution und der Aufklärung, die Meinungsfreiheit und ein republikanisches Ideal vor allen: die Fraternité, die Brüderlichkeit, unbesehen von Herkunft und Religion.

Houellebecqs Polemik

Auf der Suche nach schnellen Erklärungen wurde auch die Frage erörtert, ob wohl die jüngste Titelseite von «Charlie Hebdo» die Attentäter zu ihrer Tat bewegt haben könnte. Das gezeichnete Cover der Nummer, die am Mittwoch an die Kioske kam, zeigt den streitbaren Schriftsteller Michel Houellebecq, der mit seinem neuen Roman «Soumission» gerade viel zu reden gibt. Er wirft darin dem Westen und Frankreich im Speziellen vor, sie würden sich feige dem Islam unterwerfen und so Suizid begehen. Zur Zeichnung legte die Zeitung dem «Hellseher Houellebecq» zwei Textzeilen in den Mund: «2015 verliere ich meine Zähne.» – «2022 mache ich den Ramadan!» Eine direkte Verbindung von Cover und Attentat gibt es wahrscheinlich nicht. Der Anschlag wirkte geplant. Die Täter wussten, dass sie am Mittwochmorgen, zur wöchentlichen Redaktionssitzung, am meisten Zeichner und Journalisten vorfinden würden.

Und dennoch: Houellebecq steht mit seinem polemischen, latent bis offen islamophoben Denken für eine Strömung, die auch von anderen bekannten französischen Autoren genährt wird und die in diesen wirtschaftlichen und sozialen Krisenzeiten das ohnedies schon angespannte politische Klima zusätzlich reizen. Der Publizist Eric Zemmour etwa feiert mit seinem Buch «Le suicide français» einen Grosserfolg: Nur Valérie Trierweilers leichtes Werk über die gebrochene Liaison mit François Hollande verkaufte sich im letzten Jahr besser als Zemmours hetzerisches Werk über den angeblichen Niedergang des Abend­landes, in dem er nebenbei dem nazi-freundlichen Regime von Vichy und dessen Chef Pétain ein Kränzchen windet.

Houellebecq und Zemmour geben dem Diskurs des zunehmend erfolgreichen Front National von Marine Le Pen einen pseudointellektuellen Unterbau. Anders als ihr Vater und Parteigründer Jean-Marie, der lieber den Juden die Schuld an allem zuschob, erntet sie bei jenen Zuspruch, die der diffusen Meinung sind, Frankreich verliere seine nationale und kulturelle Identität, weil es da und dort Halal-Metzgereien gibt, weil Muslime mangels passend grosser Moschee auf den Strassen beten oder weil ein halbes Dutzend Frauen das Burkaverbot trotz Bussen noch immer nicht respektieren mögen. So wachsen die Spannungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften im Land. So wird rasch alles vermischt in einem grossen Durcheinander: Wahres und Unwahres, Relevantes und Irrelevantes, Islam und Islamismus, Glauben und Gewalt. Und so wächst die Versuchung der Stigmatisierung, der Ausgrenzung.

Um diese Versuchung zu bannen, beschwören Politik und Öffentlichkeit nun die «Unité nationale», die nationale Einheit, über alle möglichen Grenzen hinweg – die Fraternité eben. Der Reflex ist immer schnell da in Frankreich, wenn Dramen passieren. Da rücken die Franzosen zusammen. Wie zum Beispiel nach den Attentaten des Islamisten Mohammed Merah, der vor zwei Jahren in Toulouse jüdische Schulkinder umgebracht hatte. Wie jetzt wieder, nach dem Mord an den Zeitungsleuten von «Charlie Hebdo».

Der frühere Staatspräsident und heutige Oppositionschef Nicolas Sarkozy meldete sich mit einem Appell zu Wort: «Ich rufe alle Franzosen auf, der Pauschalisierung zu widerstehen.» Er richtete sich damit auch an den rechten Flügel seines eigenen politischen Lagers, in dem es ebenfalls Tendenzen gibt, alles zu vermengen.

«Im Namen aller Muslime»

Solche Appelle wird es nun in den nächsten Tagen noch viele geben. Die Fraternité ist nun mal ein brüchiger, gefährdeter Wert. In diesen Zeiten ganz besonders. Die muslimischen Dachorganisationen verurteilten das Attentat als «barbarischen Akt». Dalil Boubakeur, der Rektor der Grossen Moschee von Paris, äusserte sich «im Namen aller Muslime Frankreichs», als er einen Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit beklagte. Alle sind nun bedacht darauf, das Gemeinsame hervorzuheben, das Böse zu bannen.

Auf der letzten Zeichnung von Stéphane Charbonnier, dem getöteten Chefredaktor von «Charlie Hebdo», sieht man einen Islamisten mit umgehängter Kalaschnikow: «Immer noch kein Attentat in Frankreich», steht als Titel dazu – und dann: «Wartet! Es bleibt noch Zeit bis Ende Januar, um gute Wünsche auszurichten.»

Erstellt: 07.01.2015, 22:26 Uhr

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