Eine Provokation mit versöhnlicher Geste

Die überlebenden Macher der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» zeigen eindrücklich, dass sie sich nicht einschüchtern lassen.

Die neue Ausgabe ist gedruckt: An einer Pressekonferenz präsentiert die Redaktionsspitze von «Charlie Hebdo» das neue Heft.

Die neue Ausgabe ist gedruckt: An einer Pressekonferenz präsentiert die Redaktionsspitze von «Charlie Hebdo» das neue Heft. Bild: Martin Bureau/AFP

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Es muss die Zeichner und Schreiber riesige Anstrengung gekostet haben, in den wenigen Tagen seit der Bluttat im Gastrecht bei der Tageszeitung «Libération» eine neue Ausgabe des Satiremagazins «Charlie Hebdo» zu verfassen. Die Schreckensbilder vom vergangenen Mittwoch noch im Kopf, mit der Gewissheit, neun Kolleginnen und Kollegen nie mehr wiederzusehen, machten sie sich an die Aufgabe, der Welt zu zeigen, dass sie sich durch eine der schrecklichsten Taten in der westlichen Mediengeschichte nicht hatten einschüchtern lassen.

Das haben sie geschafft. Die «Ausgabe der Überlebenden» erscheint heute in Millionenauflage. Gestern zeigten sie das Titelblatt: ein trauriger Mohammed als Teil der Solidaritätsbewegung «Je suis Charlie». Zeichnung und Worte stehen für die Ambivalenz der Gefühle des selber nur knapp dem Tod entronnenen Karikaturisten Luz.

Trauer ohne erkennbaren Hass

Die Redaktion hält am Recht fest, Mohammed zu karikieren, und damit auch am Recht auf die Provokation jenes Teils der Muslime, der seinen Propheten nicht karikiert und teilweise auch nicht abgebildet sehen will. Das sind nicht alle, aber es sind weit mehr als nur der fundamentalistische oder gewalttätige Sektor dieser Weltreligion. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt die Mohammed-Karikaturen im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Nicht aus Angst oder weil er sich als Medium an das Bildnisverbot dieser Religion gebunden fühlt, sondern aus Rücksicht auf diese breit geteilte Empfindlichkeit.

Mit dem weinenden Propheten und der Überschrift «Alles ist vergeben» sendet auch das Satireheft morgen ein Zeichen der Versöhnung aus – auf den ersten Blick zumindest. Auf den zweiten Blick wird alles komplizierter. So überboten sich gestern die Kommentatoren auf allen Kanälen in der Deutung dieses Titelbilds. Wer vergibt wem was? Mohammed den Attentätern? Mohammed dem Satiremagazin, das ihn karikiert hat? Die Angehörigen der Opfer den fanatischen Gewalttätern? Alle allen für alles?

Wir wissen es nicht. Und weil Satire in der Deutung offen sein soll, wird es auch nicht zu klären sein. So bleibt diese Zeichnung in erster Linie stehen für die ambivalenten Gefühle dieser Kollegen in den Tagen ihrer übermenschlichen Anstrengung: für ihren Mut und ihren Trotz, ihre Trauer ohne erkennbaren Hass, ihren ungebrochenen Humor trotz aller Grässlichkeiten. Und auch für die Schwierigkeit, diesen Propheten so zu zeichnen, dass das Ergebnis mehr ist als ein blosser Tabubruch. Wir sind nicht Charlie, aber wir ziehen den Hut vor diesen französischen Kollegen.

Erstellt: 14.01.2015, 07:35 Uhr

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