Fackeln für die Meinungsfreiheit

Zürich zeigt sich solidarisch mit «Charlie Hebdo». Einen Tag nach dem Attentat gedachten auf dem Bürkliplatz Hunderte Menschen der Opfer.

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«Wir sind Charlie. Wir werden nicht locker lassen!» stand weiss auf schwarz auf den Schildern, welche am Donnerstagabend auf dem Bürkliplatz Hunderte in ihren Händen hielten. Brennende Fackeln erhellten den Platz im Nieselregen. Etwa 600 Personen waren gekommen, um ihre Betroffenheit über das Attentat auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» auszudrücken.

Zu der Solidaritätskundgebung aufgerufen hatten der Verband Junge Journalisten Schweiz, die Gewerkschaft Syndicom und die Organisation Reporter ohne Grenzen. Die Medienschaffenden zeigten sich schockiert und tief betroffen von den Ereignissen in Paris. «Wir stehen auf – und zusammen. Für eine offene Gesellschaft, welche sich durch die Bluttat nicht vom Weg abbringen lässt», hiess es in dem Aufruf. «Eine Gesellschaft, die den Morden von Paris mit ihren stärksten Waffen entgegentritt: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Offenheit, Toleranz.»

Am Anlass sprachen unter anderem die beiden Journalisten Rainer Stadler und Kurt Pelda. Stadler betonte, Journalisten dürften sich von der Tat in Paris nicht einschüchtern lassen; sie müssten ihre Aufgabe weiterhin wahrnehmen. Kurt Pelda wiederum forderte eine aufgeklärte Diskussion über den Islam. «Die Täter wollen bei uns Chaos und antiislamische Ausschreitungen provozieren – es ist die Aufgabe von uns Journalisten, dies nicht zuzulassen», sagte der Schweizer Journalist des Jahres 2014.

«Wir lassen uns nicht spalten»

An der Kundgebung nahmen mehrheitlich junge Menschen teil. Zum Beispiel Peter Ruoss aus Niederglatt. «Einerseits bin ich tief betroffen über das persönliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen. Andererseits empfinde ich das Attentat als einen Angriff auf unsere westliche Kultur», sagt Ruoss. Dass sich die Tat in Frankreich ereignet hat, ist für ihn ein Zufall: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas Ähnliches in der Schweiz passiert.» Angesichts der Gefahr durch radikale Islamisten empfinde er eine grosse Hilflosigkeit. Und trotzdem: «Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen!»

Schockiert ist auch Marianne Marti aus Zürich. Sie ist mit einigen französischsprachigen Freundinnen hergekommen. «Ich bin hier, um die Pressefreiheit zu verteidigen», sagt sie. Trotzdem ist sie der Meinung, dass Satiriker auf religiösem Gebiet vorsichtig sein sollten – und zwar nicht nur solche, die sich über den Islam lustig machen: «Auch Satire muss Grenzen kennen.»

Maria Schneebeli und Stefanie Bosshard aus Winterthur wollen nicht nur ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen, sondern auch gegen Repressionen gegen Muslime Stellung beziehen. «Die Attentäter wollen einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben. Sie wollen einen Religionskonflikt provozieren», sagt Schneebeli. «Doch wir lassen uns nicht spalten.» Sorgen machen den Beiden nicht nur islamische Extremisten, sondern auch «eine neue Fremdenfeidlichkeit, wie sie zum Beispiel an den Pegida-Versammlungen in Deutschland zum Ausdruck kommt.»

Unter den Demonstranten waren auch auffällig viele Kurden auszumachen. Einer von ihnen ist Bira Zordag aus Winterthur. Er ist dem Aufruf eines PKK-Ablegers gefolgt. «Wir Kurden kämpfen überall für Demokratie, sei es in Kobane, Paris oder Zürich», sagt Zordag. Was heute in Frankreich geschehe, könne morgen in der Schweiz stattfinden.

Mit Material der Nachrichtenagentur sda angereichert.

Erstellt: 08.01.2015, 21:39 Uhr

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