Frankreichs alte Dämonen sind zurück

Eineinhalb Monate nach den Charlie-Anschlägen brechen in Frankreich neue Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften auf. Diesmal allerdings nicht in den Wohnvierteln, sondern in der hohen Politik.

Frankreichs Premier François Hollande besuchte den jüdischen Friedhof, auf dem Grabsteine geschändet wurden. Foto: Vincent Kessler (Reuters)

Frankreichs Premier François Hollande besuchte den jüdischen Friedhof, auf dem Grabsteine geschändet wurden. Foto: Vincent Kessler (Reuters)

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Die Blumensträusse sind längst verwelkt, ihre nassen Plastikfolien knistern im Wind. Auch die Erinnerung welkt vor dem «Hyper Cacher», dem jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes, in dem es am 9. Januar zur mörderischen Geiselnahme kam. Vor dem im Umbau befindlichen Geschäftslokal gehen die Passanten in den Wind gebeugt, ohne einen Blick auf die dreissig Meter breite Auslage von Blumen, Kränzen und Schildern zu werfen.

«Je suis Charlie», heisst es da natürlich, und «Je suis policière, je suis juive». Ein Meer der Solidarität: Ich bin dies, ich bin das, ich bin Polizistin, ich bin Jude. Und dann ein einziges, ein schreckliches «ich war»: «J’étais François-Michel Saada», für einen 64-jährigen Rentner, eines der vier Todesopfer des koscheren Geschäfts.

Ihm und den übrigen 16 Todesopfern der Anschläge war das diesjährige Galadiner der jüdischen Organisationen Frankreichs (Crif) am Montag gewidmet. In einem Pariser Hotel traf sich das Tout-Paris von links bis rechts – eine ganze Reihe von sozialistischer Minister sowie die Crème der Opposition, angeführt von Nicolas Sarkozy. Sein Widersacher, Präsident François Hollande, kündigte eine Verschärfung der Gesetzgebung an: Antisemitische Akte sollen in Zukunft generell als «erschwerender Umstand» geahndet werden.

«Die Juden sind in Frankreich zu Hause», beteuerte der Staatschef landesväterlich; «es sind vielmehr die Antisemiten, die in der Republik keinen Platz haben.» Das war auch eine indirekte Antwort an den israelischen Premier Benjamin Netanyahu, der im Januar den Tatort des «Hyper cacher» aufgesucht und dort die französischen Juden wahlkampfbewusst zur Emigration ins Gelobte Land aufgerufen hatte. Vor allem aber war es eine Reaktion auf die Verdoppelung der antijüdischen Gewaltakte in Frankreich: Laut Crif waren es 423 2013 und 851 im vergangenen Jahr.

Der Boykott des Muslim-Chefs

Inzwischen grassiert die Angst unter den 500'000 französischen Juden, ihrer grössten Gemeinschaft in Europa. Angst vor wem eigentlich? Crif-Präsident Roger Cukierman stach vor dem Gala-Dîner ins Wespennest: «Alle Gewalttaten werden heute von jungen Muslimen begangen», meinte er, um noch anzufügen, das sei eine kleine Minderheit, und deren erste Opfer seien die übrigen Muslime – eine Abschwächung, die aber nichts an seiner Aussage änderte.

Der ebenso gemässigte wie gemächliche Präsident des muslimischen Kultusrates CFCM, Dalil Boubakeur, boykottierte darauf den Crif-Anlass. Tatsächlich war die jüngste Schändung eines jüdischen Friedhofs im Elsass nicht das Werk junger Muslime. Und der antisemitische Komiker Dieudonné hat christliche Wurzeln. Mit ein Grund für die Reaktion Boubakeurs war auch, dass Likud-Freund Cukierman der Rechtsextremistin Marine Le Pen eine «tadellose» Haltung gegenüber den Juden zubilligte. Die schätzungsweise fünf Millionen französischen Muslime fühlen sich indes als Hauptzielscheibe des Front National.

Das Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) konterte, die antiislamischen Akte hätten in Frankreich 2014 ihrerseits um elf Prozent auf 764 zugenommen. Diese Zahl schliesst, anders als der Crif, nicht nur verbale und körperliche Angriffe ein, sondern auch 586 «Diskriminierungen» am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche.

«Ihr habt uns viel gegeben!»

Frankreichs alte Dämonen sind also zurück: Anderthalb Monate nach den Charlie-Attentaten wird wieder aufgerechnet, verglichen, geneidet. Wie viele antisemitischen, wie viele antiislamischen Akte? Derweil hören die Muslime, wie Hollande den Juden am Crif-Abend sagt: «Ihr habt uns so viel gegeben!» Warum sagt er das nie zu uns, die wir Frankreich seit einem halben Jahrhundert als Arbeitskräfte gedient haben, fragen nun Maghrebiner.

Sie alle haben zuletzt einen zufällig gefilmten Vorfall am TV gesehen: Ein 33-jähriger Muslim mauretanischer Abstammung namens Souleymane S. wurde von Chelsea-Hooligans am Betreten der Metro handgreiflich gehindert – einzig, weil er dunkler Hautfarbe ist. Hollande reagierte bis heute nicht. Dem verwüsteten jüdischen Friedhof stattete Hollande dagegen einen Besuch ab.

Jean-Luc Mélenchon von der Front de Gauche, der Linksfront, übte Kritik: «Es genügt, dass ein paar unerzogene Bengel einen Friedhof plündern – was bedauernswert und inakzeptabel ist – , und schon stöhnt das ganze Land im Takt.» Immigrationsfreundliche Politologen erklären, es werde in Frankreich bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Islamophobie «mit zwei Ellen gemessen», was «die antisemitischen Gefühle noch verstärkt und in den Vorwurf mündet, die Muslime seien Antisemiten».

Es die alte Debatte über die «Bevorzugung» der Einen und die «Diskriminierung» der Anderen. Premier Manuel Valls stellte klar: Benachteiligungen wegen der Hautfarbe seien entschlossen zu bekämpfen, und er habe das als Bürgermeister der Banlieue-Vorstadt Evry jahrelang getan; das sei jedoch nicht dasselbe wie gezielte Terror- und Mordanschläge auf einzelne Menschen. Sein eigener Parteifreund Roland Dumas (92), langjähriger Aussenminister François Mitterrands, meinte darauf, Valls stehe «unter jüdischem Einfluss». Gemeint war Valls’ Frau, die jüdische Violinspielerin Anne Gravoin. Hollande erwiderte am Crif-Abend, der jahrhundertealte Antisemitismus sei «wie die Lepra, die zurückkommt, wenn die Zivilisationen glaubten, sich ihrer entledigt zu haben».

Kinder hassen sich nicht

Noch nicht angesteckt hat der Antisemitimus den Stadtrand an der Porte de Vincennes. Dort beim «Hyper Cacher» schauen sich zwei 14-jährige Schülerinnen die Bauarbeiten an. Am 9. Januar mussten sie in ihrer Schule am anderen Ende des Vincennes-Parks einen Nachmittag lang auf dem Pausenplatz ausharren, bevor die Polizei sie nach Hause entliess. «Wir hatten schrecklich Angst, wir wussten ja nicht, was vorging, wir sahen nur die Helikopter über unseren Köpfen», meint Ana. «Und unsere jüdischen Kollegen haben immer noch Angst.» Viele von ihnen wechselten nun in eine jüdische Privatschule.

Jetzt kommt eine städtische Putzequipe vorbei. Die Blumen und Kränze rührt sie nicht an. Teamchef Hoceine hat zum Thema Angst auch eine Meinung. «Ich habe viele jüdischen Freunde, und an ihrer Stelle hätte ich auch Angst», meint der gläubige Muslim. «Dabei sind wir doch alle gleich. Meine Kinder gehen mit jüdischen Kindern zur Schule. Die geraten sich ob der Religion nicht ständig in die Haare. Die Kinder sind eben noch nicht so bekloppt wie wir.»

Vor dem «Traiteur Charles», dem Nachbarladen des «Hyper Cacher», raucht eine Frau eine Pausenzigarette. Ihre Erinnerung an den 9. Januar ist noch nicht verwelkt. «Beim ersten Schuss meinten wir, es sei irgendwo ein Reifen explodiert», erzählt Dunya. «Dann merkten wir, dass es im Hyper ein Problem gab. Schliesslich mussten wir drei Stunden lang in unserem Geschäft ausharren, bis die Polizei den Laden daneben stürmte.»

Dunya ist Muslimin marokkanischer Herkunft. Doch sie teilt die Menschheit nicht nach der Religionen ein. «Il y a des bons et des cons», sagt sie: Es gibt Gute und es gibt Deppen. Sie hat ausgerechnet: «Selbst wenn letztere nur ein Promille der Menschheit ausmachen würden, gäbe es immer noch sieben Millionen Deppen.» Einer von ihnen kam am 9. Januar mit einer Kalaschnikow vorbei. Aber auch ihn macht der Alltag wieder vergessen. Die Muslime und die Juden arbeiten hier an der Porte de Vincennes wie vorher zusammen.

Erstellt: 24.02.2015, 20:24 Uhr

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