Geheimdienst hat Attentäter vom Radar genommen

Der französische Geheimdienst hat die Pariser Terroristen überwacht, abgehört, observiert – und laufen gelassen. Ein Bericht zeigt auf, wie das passieren konnte.

Eindrückliche Bilder zeigen, wie sich die Sondereinheit auf den entscheidenden Einsatz vorbereitet, die den Terror in Frankreich beendet. (Bilder: Französisches Innenministerium)

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Die Auflistung liest sich wie eine Aufgabenliste eines Geheimagenten: 15 Monate abhören, vier Monate observieren (Saïd Kouachi), zwei Jahre das Telefon überwachen (Chérif). Die französische Plattform für investigativen Journalismus Mediapart hat sie zusammengestellt. Auf ihren Recherchen basiert dieser Beitrag.

Tipp der Amerikaner

Im Oktober 2011 schickte ein amerikanischer Geheimdienst die Information nach Frankreich: Ein Mitglied von al-Qaida im Jemen hält Kontakt zu einer Person in einem Internetcafé in Gennevilliers, nordwestlich von Paris. Das ist ganz in der Nähe von Chérif Kouachis damaliger Wohnung. Weder damals noch heute ist jedoch sicher, ob diese Kontaktperson im Internetcafé wirklich Chérif war. Aber der französische Geheimdienst DCRI, mittlerweile DGSI, dürfte dies vermutet haben. Denn danach nahm er Chérif ins Visier. Zum zweiten Mal. Ebenfalls dessen Bruder, über den die Amerikaner sagten: Saïd ist vom 25. Juni bis 15. August 2011 mit einer anderen Person in den Oman und vermutlich weiter in den Jemen gereist. Doch die Amerikaner sagten auch: Diese Vermutung konnte noch nicht erhärtet werden.

Kouachis als weniger auffällig eingestuft

Die Franzosen zapften im Dezember 2011 Chérifs Telefon an und observierten ihn. Genau zwei Jahre dauert die Operation – ohne Wissen der französischen Justiz. Die Erkenntnis des Geheimdienstes: Chérif Kouachi distanziert sich mehr und mehr von radikalen Gruppierungen. Saïd erwähnten die Akten nur beiläufig. Diese Erkenntnis war oberflächlich – das ist vergangene Woche zur traurigen Gewissheit geworden.

Der Überfall danach: Die Kouachi-Brüder in der Tankstelle in Aisne. (8. Januar 2015) Quelle: Videoüberwachung

Im Februar 2014 kam eine neue Quelle. Ein Zeuge berichtete, Saïd sei damals tatsächlich in den Oman gereist. Die Aussage bestätigte die Information der Amerikaner. Doch Fragezeichen blieben hinter dem Aufenthalt im Jemen. Saïd wurde erneut abgehört – bis Juni 2014. Dann bläst der französische Geheimdienst die Operation ab. Die Entscheidung: Für einen formellen Prozess vor ordentlichen Gerichten reichen die Beweise nicht aus.

Coulibaly – die verlorene Spur

Amedy Coulibaly, der Geiselnehmer in dem jüdischen Supermarkt von Paris, stellte die Geheimdienste indes vor eine andere Herausforderung. Denn er versteckte sich im toten Winkel der Überwachungsmaschinerie – zumindest ab 2010. Bis dahin zeichneten die Akten ein eindeutiges Bild von Coulibaly: eine gescheiterte Existenz, gering gebildet, zunehmend kriminell, anfällig für Einflussnahme, radikalisiert, gefährlich und bereit, Schusswaffen abzufeuern sowie Bomben zu zünden.

Zunehmend radikalisiert: Amedy Coulibaly wurde offenbar stark vom Ideologen und verurteilten Attentäter Djamel Beghal beeinflusst. Quelle: Keystone

Im Dezember 2013 wurde er eigentlich zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er versucht hatte, Täter eines Anschlags aus dem Gefängnis zu befreien. Im März 2014 kam er frei. Danach – so scheint es – hievten ihn die Behörden nicht zurück auf ihr Radar. Keine elektronische Fussfessel, keine Abhörung, keine Observation.

Drahtseilakt der Behörden

Die Rolle der Geheimdienste und deren potenzielle Fehler rücken vermehrt ins Zentrum der Untersuchungen. Bisher konnten einige Antworten gefunden werden. Doch viele Fragen bleiben offen, und jede Antwort wirft neue Fragen auf.

Geheimdienste müssen schnell und verlässlich Daten zu sicherheitsrelevanten Szenarien liefern; dennoch dürfen sie die Menschen nicht unter Generalverdacht stellen oder Operationen weiterführen, wenn sich Verdachtsfälle nicht erhärten. Die Debatte zwischen Sicherheitsstrebern und Freiheitsliebhabern bricht gerade erst wieder aus. Das ist ein Balancieren auf einem Drahtseil, bei dem die französischen Behörden womöglich ins Straucheln geraten sind.

Erstellt: 13.01.2015, 15:59 Uhr

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