Hat Frankreichs Terrorabwehr versagt?

Die Attentäter zwangen eine Mitarbeiterin, den Sicherheitscode einzugeben. Zu einfach, monieren Beobachter. Dänemark zeigt angeblich, dass es anders geht.

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«Der Polizeischutz war völlig ungenügend. Ich bin sehr enttäuscht von den Anti-Terror-Einheiten der französischen Polizei», sagte der Schweizer Publizist Peter Rothenbühler gestern in der SRF-Sendung «10 vor 10». Die «Charlie Hebdo»-Redaktion sei ungenügend geschützt gewesen, jede kleine Bank sei besser gegen Anschläge abgesichert. Dies, obwohl beim französischen Satiremagazin jeden Tag ein Anschlag zu erwarten gewesen sei.

Gerade das müsse den Behörden aber zugute gehalten werden, sagt Jean-François Daguzan. Er ist Sicherheitsexperte und Vorsteher der «Foundation for Strategic Research» in Paris. «Die Redaktion stand seit Jahren unter Polizeischutz – offenbar deutete nichts darauf hin, dass die Gefahrenstufe sich in letzter Zeit erhöht hatte.» Daguzan will die Behörden deshalb nicht kritisieren, «auch wenn sie sich bei der Einschätzung des Risikos offensichtlich getäuscht haben». Man müsse sich zudem vor Augen führen, «dass die Polizei jeden Tag Terroristen verhaftet und so verhindert, dass es überhaupt zu Anschlägen kommt».

Daguzan befürchtet, dass sich die ohnehin angespannte Stimmung in Frankreich nun weiter verschlechtern wird und die Übergriffe auf Muslime zunehmen. «Die Franzosen müssen zusammenrücken und klar machen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen.» Ausserdem müsse Frankreich unbedingt mehr Geld in den Kampf gegen den Terror investieren. «Die Institutionen brauchen viel mehr Ressourcen, viel mehr Personal. Sie müssen besser ausgerüstet werden, zum Beispiel im digitalen Bereich.

«Gegen Barbaren ist nichts zu machen»

Zur Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen bei «Charlie Hebdo» war es gekommen, nachdem bekannt wurde, unter welchen Umständen die Terroristen in die Redaktion gelangt waren. Sie hatten eine Mitarbeiterin bedroht, die mit ihrer kleinen Tochter beim Gebäude eingetroffen war, und zwangen sie, die Tür mit einem Sicherheitscode zu öffnen. Dann stürmten sie in den Raum, in dem die Belegschaft gerade eine Redaktionssitzung abhielt, und eröffneten das Feuer.

Die Redaktion von «Charlie Hebdo» wurde bedroht, seit die Zeitschrift 2006 zum ersten Mal provokante Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte. 2011 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume. Das französische Innenministerium habe die Zeitschrift darum unter Polizeischutz gestellt, sagte ihr Anwalt nach dem gestrigen Anschlag. «Doch gegen Barbaren, die mit Kalaschnikows kommen, ist nichts zu machen.»

«Offensichtlich war der Schutz nicht gut genug», sagt hingegen der deutsche Terrorexperte Guido Steinberg im Interview mit dem Tages-Anzeiger. Bei vielen Einrichtungen dürfte das Sicherheitspersonal nicht in der Lage sein, ihr Objekt zu schützen, falls es angegriffen werde wie «Charlie Hebdo». Steinberg fordert darum Konsequenzen in allen westlichen Ländern.

Redaktion als «bestbewachter Ort»

Wie diese aussehen könnten, zeigt das Beispiel der dänischen Zeitung «Jyllands Posten». Die Redaktion ist laut Bruno Kaufmann «einer der bestbewachten Orte Dänemarks», wie der Nordeuropa-Korrespondent gegenüber dem SRF sagte. So ist nicht bekannt, wo die Redaktionskonferenzen stattfinden. Einzelne Journalisten leben mit persönlichem Polizeischutz, wie zum Beispiel Flemming Rose, der ehemalige Feuilleton-Chef der Zeitung.

Rose liess 2005 als Erster die Mohammed-Karikaturen drucken, welche in den folgenden Jahren für grosse Kontroversen sorgen sollten. Immer wieder bedrohten Fanatiker danach Redaktionen in Europa, welche diese oder ähnlich provokante Karikaturen abgedruckt hatten. Sie waren nie erfolgreich – bis gestern. (fko)

Erstellt: 08.01.2015, 12:28 Uhr

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