«Held von Paris» wird Franzose

Der Mann, der vergangene Woche während der Supermarkt-Geiselnahme in Paris mehrere Menschen rettete, erhält die französische Staatsbürgerschaft.

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Der nach den Terrorattacken als «Held von Paris» gefeierte Lassana Bathily bekommt die französische Staatsbürgerschaft. Der 24 Jahre alte Flüchtling aus Mali hatte während der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt im Pariser Osten mehrere Kunden vor dem Terroristen Amedy Coulibaly versteckt.

Innenminister Bernard Cazeneuve wird ihm nach Angaben seines Ministeriums vom Donnerstag in der kommenden Woche die Staatsbürgerschaft verleihen. Bathily lebt seit 2006 in Frankreich und will seit dem vergangenen Jahr Franzose werden.

Als der Geiselnehmer Coulibaly am vergangenen Freitag in den Supermarkt eindrang, flüchten einige Kunden im hinteren Bereich des Geschäfts rasch in den Keller. Dort trafen sie Bathily, der in dem Laden arbeitete. Der praktizierende Muslim betete gerade. Als er Schüsse hörte, versteckte der junge Mann die Gruppe im Kühlraum des Ladens und betreute die Menschen dort.

Die Idee, über einen Lastenaufzug zu fliehen, wurde wegen möglicher Geräusche und der damit verbundenen Gefahr der Entdeckung verworfen. Bathily selbst entkam über die Feuerleiter und soll der Polizei mit Zeichnungen des Supermarktes geholfen haben.

Kerry will Fehler ausbügeln

Mit einer «dicken Umarmung» für Paris will US-Aussenminister John Kerry unterdessen den Fehler wieder ausbügeln, den die USA nach den Terror-Anschlägen in Frankreich gemacht hatten. Er wolle durch seinen Besuch in Paris «die Zuneigung des amerikanischen Volkes für Frankreich» zeigen, sagte Kerry im bulgarischen Sofia.

Die USA waren in die Kritik geraten, weil sie als einziges grosses westliches Land beim Gedenkmarsch für die Anschlagsopfer am vergangenen Sonntag in Paris nur auf Botschafterebene vertreten waren, während zugleich Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Ländern angereist waren. Das Weisse Haus räumte danach einen Fehler ein: «Wir hätten jemand Hochrangigeren schicken müssen», sagte Sprecher Josh Earnest am Montag.

Nun kündigte der als äusserst frankophil bekannte Aussenminister Kerry, der im vergangenen Jahr mehrfach in Paris war, an: «Der Zweck meines Besuches in Frankreich ist im Grunde, Paris eine dicke Umarmung zu geben und die Zuneigung des amerikanischen Volkes für Frankreich und unsere Freunde dort zu zeigen, die eine furchtbare Zeit erlebt haben».

Zeichen der Solidarität erwartet

Kerry wollte am Abend nach Paris weiterfliegen, wo ein Treffen mit Frankreichs Präsident François Hollande geplant war. Darüber hinaus wurde ein starkes Zeichen der Solidarität von Kerry erwartet, der nach der Anschlagsserie mit insgesamt 17 Toten den Franzosen mehrfach seine Unterstützung zugesichert hatte.

So hatte Kerry am Mittwoch vergangener Woche nach dem ersten Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» mit zwölf Toten von den USA aus auf Französisch seine Solidarität zum Ausdruck gebracht. In der französischen Botschaft in Washington schrieb er zwei Tage später in ein Kondolenzbuch: «Es lebe Frankreich» und «Unsere Herzen sind mit euch».

Auch US-Präsident Barack Obama hatte sich - in einem ungewöhnlichen diplomatischen Schritt - am Donnerstagabend in die französische Botschaft in Washington begeben und hatte dort seine Solidarität zum Ausdruck gebracht.

Dennoch war vor allem Obama vorgehalten worden, dass er nicht zu dem Gedenkmarsch nach Paris gereist war. Die Begründung Sicherheitsbedenken liessen viele mit Verweis auf die Teilnahme anderer hochgefährdeter Politiker wie Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nicht gelten.

«Islam ist vereinbar mit Demokratie»

Der französische Präsident François Hollande hat derweil den Muslimen im In- und Ausland den Respekt seines Landes zugesichert. Der «Islam sei vereinbar mit der Demokratie», sagte er im Kulturzentrum Institut der Arabischen Welt von Paris.

Die Dinge dürften nicht vermischt und durcheinander gebracht werden, vor allem in Frankreich: «Die Franzosen muslimischen Glaubens haben dieselben Rechte, dieselben Pflichten wie alle Staatsbürger.» Sie müssten auch vor Angriffen geschützt werden, so wie sie ihrerseits ihr Land respektieren müssten.

Muslime erste Opfer

Die Muslime seien die ersten Opfer von Fanatismus, Fundamentalismus und Intoleranz, betonte Hollande insbesondere mit Blick auf den Krieg in Syrien, wo die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat einen Drittel des Landes besetzt hat.

Seit drei Islamisten in der vergangenen Woche die Satirezeitung «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt überfielen und 17 Menschen töteten haben, hatte es in Frankreich mehrere Attacken auf Moscheen und andere muslimische Einrichtungen gegeben.

Der gewaltbereite Islamismus speise sich aus der Armut, den Ungleichheiten und aus ungelösten Konflikten, sagte Hollande weiter. Der Präsident stellte die Frage, wie das gestärkt werden könne, was Europa und die arabische Welt verbinde. Dazu sei Klarheit zwischen beiden Seiten nötig.

Hintergrund der Bemühung Hollandes, den rund fünf Millionen Muslimen in Frankreich den Schutz des Staates zuzusichern und zugleich die Meinungs- und Pressefreiheit hervorzuheben sind Mohammed-Karikaturen. Nach Ansicht vieler muslimischer Gelehrter ist es verboten, Gott und die Propheten darzustellen.

Papst: Meinungsfreiheit soll nicht beleidigen

In der Debatte um die Mohammed-Karikatur auf der Titelseite der neuen Ausgabe der französischen Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo» sprach sich Papst Franziskus dagegen aus, die Meinungsfreiheit zur Beleidigung von Menschen anderen Glaubens zu missbrauchen. Meinungsfreiheit sei ein «Grundrecht», sagte der Papst. «Man kann nicht provozieren, man kann den Glauben anderer nicht beleidigen, man kann sich darüber nicht lustig machen.»

An die arabische Welt gerichtet sagte Hollande, Frankreich sei ein Freund. «Es ist ein Land, das Regeln, Prinzipien und Werte hat. Und eines ist nicht verhandelbar: Freiheit und Demokratie.» Er kündigte an, dass Frankreich die Zusammenarbeit zwischen Europa und arabischen Staaten vertiefen wolle. Unter anderem sollten mehr arabische Studenten in Frankreich studieren können.

Ähnlich wie Hollande äusserte sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. «Wir sollten unsere Gesellschaft wachrütteln für dieses Lebensprinzip der Demokratie», sagte sie in einer Regierungserklärung.

Der Ansturm auf die erste Ausgabe des Satiremagazins «Charlie Hebdo» nach dem Terroranschlag setzte sich am Donnerstag fort. Wie bereits am Mittwoch war das Blatt schon früh an vielen Kiosken ausverkauft. Vom aktuellen Heft sollen fünf Millionen Exemplare gedruckt werden, sonst lag die Auflage bei 60'000.

In Paris gab es weitere Trauerfeiern. Der Zeichner Georges Wolinski und der unter dem Pseudonym Tignous zeichnende Bernard Verlhac wurden beigesetzt. In Bernay in Nordfrankreich wurde der Polizist Franck Brinsolaro beigesetzt. Die zentrale Trauerfeier für alle 17 Opfer der Terroranschläge wird für die kommende Woche vorbereitet. (sda)

Erstellt: 15.01.2015, 18:54 Uhr

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