«Houellebecq soll absolut frei sein»

Für Joseph O’Neill, Autor des 9/11-Romans «Netherland», sind Terrorängste schlimmer als Terroranschläge.

Autor Joseph O'Neill mahnt dazu, nach den Attentaten in Paris nicht zu überreagieren: Polizisten in Paris zwei Tage nach den Attentaten. Foto: Reuters

Autor Joseph O'Neill mahnt dazu, nach den Attentaten in Paris nicht zu überreagieren: Polizisten in Paris zwei Tage nach den Attentaten. Foto: Reuters

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Lässt sich 9/11 mit den Ereignissen in Frankreich vergleichen?
Die Ereignisse machen uns klar, dass Terror wie jener in Paris oder wie 9/11 uns nicht existenziell bedroht, dass die grösste Gefahr vielmehr von uns selber kommt. Wir dürfen trotz Schock und Angst nicht zu einer Kultur der Selbstzensur übergehen, noch sollen wir überreagieren mit sogenannten Sicherheitsmassnahmen, die unseren Lebensstil weiter einschränken. Es bleibt nur eins: ruhig bleiben und weitermachen, wie es auf den englischen Teetassen steht.

Hat 9/11 Ihre liberale Weltanschauung erschüttert?
Überhaupt nicht. Meine liberalen Werte wurden durch die Anschläge nur gestärkt – ob es nun um Fragen der Vernunft ging, die Bedeutung der Justiz, oder um Toleranz im Umgang mit Mitmenschen. Insgesamt haben die Terrorattacken ihr Ziel leider erreicht: die Provokation einer primitiven, emotionalen, antiliberalen Antwort des Westens. Der Golfkrieg, Guantánamo, die Destabilisierung von Staaten im Nahen Osten haben den Jihadisten auf schreckliche Weise recht gegeben. Es gelang ihnen, die demokratischen und ethischen Werte des Westens zu unterhöhlen. Ich finde es noch immer unglaublich, dass der Tod von 3000 Westlern von so vielen als Rechtfertigung für den Tod und die Verstümmelung von Hunderttausenden im Nahen Osten betrachtet wird.

Wie hat sich Ihr Bild von Muslimen und vom Islam nach 9/11 verändert?
Nicht viel. Ich beurteile Menschen aus der Perspektive eines säkularen Humanisten und finde es falsch, sie aufgrund ihrer Religion zu beurteilen – im Guten wie im Schlechten. Dem Islam als solchem stehe ich jedoch kritisch gegenüber. Ich habe nichts gegen Ideologien, die übernatürliche Welterklärungen anbieten. Jeder sollte der Fiktion nachleben, die er für richtig hält. Wenn eine solche Ideologie allerdings zu Unterdrückung führt, bin ich sehr wohl dagegen. Und der Islam wird heute vielerorts so interpretiert, zum Leidwesen von Frauen und vermeintlichen Verbrechern. Das Christentum hat lange Zeit genau gleich funktioniert.

Sollten Zeitungen nun ein Zeichen setzen und die heftigsten Islamkarikaturen von «Charlie Hebdo» veröffentlichen?
«Charlie Hebdo» leistet mit seinen Zeichnungen und seiner manchmal konfrontativen Art einen wesentlichen Beitrag zu unserer Kultur. Aber andere Zeitungen haben andere Stärken, und ich finde nicht, dass sie nun Dinge veröffentlichen sollten, die sie sonst nicht veröffentlichen. Denn was machen wir, wenn die Zentrale einer Nazizeitung abgefackelt wird? Sind wir dann alle verpflichtet, Neonazipropaganda zu verbreiten und #IamaNazi zu tweeten, um die Pressefreiheit zu verteidigen? Ich glaube kaum. Aber es wäre zum Beispiel vorstellbar, dass der «Guardian» die nächste «Hebdo»-Ausgabe als Spezialbeilage beinhalten würde. Das würde mir sehr gefallen.

Was halten Sie von Michel Houellebecq?
Er soll schreiben, was er will, absolut frei sein. Er soll sich jedes erdenkliche Szenario ausdenken dürfen. Aber selbstverständlich ist die Idee, dass eine muslimische Partei die Macht in Frankreich übernimmt, für die paranoide Rechte eine sehr verlockende Vorstellung.

Wie können Künstler auf ein Ereignis wie das in Paris reagieren?
Das demonstrieren uns derzeit die Comiczeichner in aller Welt sehr eindrücklich. Ihre Reaktion ist mächtig und sehr bewegend.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Erstellt: 09.01.2015, 20:10 Uhr

Joseph O’Neill

Der irische Autor (*1964) wurde mit dem 9/11-Roman «Netherland» bekannt. Die «New York Times» zählt es zu den zehn besten Büchern des Jahres 2008.

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