Pegida und AfD kultivieren die gefühlte Gefahr durch den Islam

Laut einer Studie empfinden 57 Prozent der Deutschen den Islam als Bedrohung.

Nach dem Anschlag von Paris fühlt sich die Pegida in ihrer Furcht bestätigt: Demonstration der Pegida in Dresden am 5. Januar (Archivbild). Foto: Keystone

Nach dem Anschlag von Paris fühlt sich die Pegida in ihrer Furcht bestätigt: Demonstration der Pegida in Dresden am 5. Januar (Archivbild). Foto: Keystone

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Seit Spätherbst demonstrieren in Dresden regelmässig Tausende gegen eine angebliche islamische Gefahr. Jetzt, nach dem Anschlag von Paris, fühlen sich die selbsternannten «Patriotischen Europäer gegen eine Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) in ihrer Furcht bestätigt. «Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr 12 Wochen warnt, haben in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen», heisst es auf der Facebook-Seite der Bewegung. Die nächste Pegida-Demo vom Montag soll deswegen in «Demut und Trauer und in Solidarität mit den Familien der französischen Redaktoren» stattfinden. Teilnehmer sind dazu aufgerufen, schwarzen Trauerflor zu tragen.

Auch die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD), die in drei ostdeutschen Landtagen sitzt und zum Teil offen mit Pegida sympathisiert, hat mit einem «Wir haben es schon immer gesagt»-Reflex reagiert. Das Attentat zeige, wie virulent die Gefahr des islamischen Terrors in Europa sei, sagte Parteivize Alexander Gauland. «All diejenigen, die bisher die Sorgen vieler Menschen vor einer drohenden Gefahr durch den Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft.» Vor diesem Hintergrund erhielten die Forderungen von Pegida besondere Aktualität und Gewicht, so Gauland.

Immerhin: AfD-Chef Bernd Lucke relativierte die triumphierenden Äusserungen ein bisschen. Auf das «abscheuliche Verbrechen» von Paris müsse mit Besonnenheit reagiert werden, erklärte er. «Man darf nicht die Gewalttat zweier Extremisten einer ganzen Religions­gemeinschaft anlasten, deren Grossteil aus friedliebenden, unbescholtenen Menschen besteht.»

Wenig Kontakt zu Muslimen

Es steht freilich zu befürchten, das solche Verallgemeinerungen zunehmen werden. Schon jetzt sehen viele Deutsche den Islam negativ, wie eine gestern veröffentlichte Studie der Bertelsmann- Stiftung zeigt. Demnach geben 57 Prozent der nicht muslimischen Deutschen an, den Islam als Bedrohung zu empfinden. Noch mehr, nämlich 61 Prozent, sind der Auffassung, dass der Islam nicht zur westlichen Welt passe. «Diese Einschätzungen finden sich keineswegs nur am Rand der Gesellschaft», schreiben die Autoren der Studie. «Weder die politische Orientierung, das Bildungs­niveau, noch der Sozialstatus beeinflussen das Islambild der Deutschen nennenswert.» Entscheidender seien das Alter und der Kontakt zu Muslimen. Dabei gilt offenbar die Regel: Je mehr ein Bürger mit Muslimen zu tun hat, desto weniger fürchtet er den Islam. So ist in den ostdeutschen Bundesländern Thüringen und Sachsen, wo kaum Muslime leben, die ablehnende Haltung gegenüber der Religion besonders ausgeprägt.

Die Skepsis steht im Gegensatz zur tatsächlichen Integrationsbereitschaft der muslimischen Bevölkerung. Der Bertelsmann-Studie zufolge sind die meisten der 4 Millionen Muslime gut integriert. 90 Prozent etwa geben an, sie hielten die Demokratie für eine gute Regierungsform. Gleich viele haben in ihrer Freizeit Kontakt mit Nichtmuslimen. Gängige Thesen zu «muslimischen Parallelgesellschaften» seien darum nicht haltbar. Auch sonst scheint, dass die gefühlte Bedrohung durch den Islam, wie sie Pegida und Teile der AfD kultivieren, wenig mit den tatsächlichen Problemen in der Zuwanderungsgesellschaft zu tun haben. Wie überall in Europa aber ist der Islam Reiz- und Hetzthema vieler rechtspopulistischer Kräfte.

Die muslimischen Verbände Deutschlands planen für heute eine Kundgebung gegen Terror und für die Freiheit. Der Anschlag von Paris soll in den Moscheen zum Thema gemacht werden, berichtet das Nachrichtenmagazin «Spiegel online». Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hatte schon am Mittwoch gesagt, für eine solche Bluttat gebe es keinerlei Rechtfertigung. «Heute wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube verraten und unsere muslimischen Werte in den tiefsten Dreck gezogen», so Mazyek.

Erstellt: 08.01.2015, 22:30 Uhr

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