«Wir sollten ruhig ein wenig Rückgrat zeigen»

Wie soll man als einzelner Bürger mit der Aussicht auf weiteren Terror umgehen? Philosoph Markus Stepanians über Empörung und Rachegelüste nach den Pariser Anschlägen.

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«Sich nicht einschüchtern lassen», «unbeeindruckt weitermachen» heisst es nach den Anschlägen allenthalben. Ist das für den einzelnen überhaupt machbar?
Gewiss sollten wir uns nicht einschüchtern lassen, aber wie kann man «unbeeindruckt weitermachen»? Diese Art von Gräuel und Terror ist sehr beeindruckend.

Es ist mit weiteren Anschlägen in Europa zu rechnen. Wie sollte man als Bürger mit dieser Aussicht umgehen?
Mit Empörung und kühlem Verstand. Vor allem aber würde ich mir wünschen, dass islamische Organisationen diese Barbareien, wie es einige schon getan haben, öffentlich, lautstark und ohne Wenn und Aber verurteilen und verdammen. Und nicht nur islamische Organisationen, auch unsere islamischen Mitbürger sollten auf die Strasse gehen und sich öffentlich distanzieren. Das würde Vertrauen schaffen, und Vertrauen ist hier von grösster Bedeutung. Unsere muslimischen Mitbürger und Nachbarn sollten uns wissen lassen, wie sie über diese Anschlägen denken. Jetzt zu schweigen würde Misstrauen schüren.

Wir immunisiert man sich gegen den Hass, mit dem uns die Terroristen anstecken wollen?
Hass ist gefährlich, aber Empörung über die Barbarei und Verbrechen gegen die Menschheit ist meines Erachtens mehr als angemessen. Und längst überfällig. Von Salman Rushdie über 9/11, über London, Madrid, Schulkinder in Pakistan bis Paris. Die Anschläge sind nur die Fortsetzung einer langen Reihe von Gräultaten, die 1989 mit der Fatwa gegen Salman Rushdie, dem Mord an seinem japanischem Übersetzer und verschiedenen Mordversuchen begann. Weitermachen wie bisher geht nicht. Es gibt schon jetz zu viel Selbstzensur in den westlichen Medien. Wir sollten ruhig mehr Rückgrat zeigen und für die Meinungsfreiheit kämpfen. Ich hätte mir gewünscht, dass alle Zeitungen die Zeichnungen von Charlie Hebdo drucken. Dann wäre klar, dass “Je suis Charlie” nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.

Sich empören und gleichzeitig kühlen Kopf bewahren: Sehen Sie hier kein Dilemma?
Nein, denn es gibt ja so etwas wie kalte Wut, die nicht das Denken vernebelt, sondern zum Nachdenken anregt.

Man wird in Lager, zu Parteinahme getrieben - durch die eigene Empörung. Werden einige Leute das Gefühl haben, zwischen Islamisten und deren Gegnern wählen zu müssen?
Ja natürlich, Neutralität ist absurd und die Wahl ist klar. Der Islamismus ist eine totalitäre terroristische Ideologie, wie kann man da neutral sein? Gleichzeitig muss man sich natürlich klar sein, dass Islam und Islamismus nicht dasselbe sind. In meinen Augen unterscheiden sich die abrahamitischen Religionen in Sachen Fanatismus und Gewaltbereitschaft nicht wesentlich. Obwohl der Islam zur Zeit hier offenbar ein besonders grosses Problem hat. Charlie Hebdo hat sich über Judentum und Christentum genauso lustig gemacht wie über den Islam. Aber nur islamische Fanatiker haben diese Morde begangen.

Rechnen sie damit, dass die Pegida in Deutschland und der Front National in Frankreich nun weiteren Zulauf bekommen?
Doch, damit ist wohl zu rechnen; genauso wie ein Erstarken des Clash-of-Culture-Narratives. Viele Bürger haben Schwierigkeiten, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden und viele Politiker sind nur allzu bereit, diese Unterschiede mit Bedacht zu verwischen und diese Ereignisse für ihre Zwecke zu missbrauchen. Wobei ich nicht glaube, dass der Front National und Pegida gleichzusetzen sind. Pegida ist offenbar ein sehr bunter Haufen, wo sich so allerlei tummelt.

Zum Beispiel Leute aus der Mitte der Gesellschaft. Radikalisiert sich nach den Anschlägen auch die Mitte in der Schweiz?
Radikalisieren ist ein starkes Wort. Aber Empörung scheint mir, wie gesagt, angemessen und klare Parteinahme geboten. Kennen Sie Martha Nussbaums Einstein-Lectures? Darin beschäftigt die Philosophin sich damit, wie zivilisierte Menschen und Gesellschaften mit berechtigtem Zorn umgehen sollten: Die Wut artikulieren und gleichzeitig Rachegelüste überwinden und in rationale Bahnen lenken. Diese Überlegungen sind derzeit aktueller denn je. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2015, 12:11 Uhr

Professor Dr. Markus Stepanians ist an der Universität Bern Extraordinarius mit Schwerpunkt politische Philosophie.

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