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Das Dilemma mit Le Pen

Ein Gedenkmarsch ohne Front National? Die Frage spaltet Frankreich – mitten in der Trauer.

Der gekränkte Paria der Republik: Marine Le Pens Front National wird nicht zum grossen «Marche républicaine» eingeladen. Foto: Reuters
Der gekränkte Paria der Republik: Marine Le Pens Front National wird nicht zum grossen «Marche républicaine» eingeladen. Foto: Reuters

Der schöne Geist der «Union sacrée», diese heilige Einheit der französischen Politik, ist schnell verflogen. Es brauchte ganz wenig, nur einige alte Reflexe. Und plötzlich steht der rechtsextreme Front National, die Rührmaschine niederer Ressentiments, im Zentrum aller Aufmerksamkeit. Ausgerechnet jetzt, mitten in der Trauer und der Konfusion. Marine Le Pen stilisiert sich gerade mit einigem Genuss und absehbarem Erfolg zum Opfer des «Systems», zum gekränkten Paria der Republik – wegen eines Ausschlusses.

Die linken Parteien im Organisationskomitee für den grossen Trauermarsch, der am Sonntagnachmittag in Paris stattfinden soll, wollen den Front National nicht dabeihaben. Sie luden Le Pen schon gar nicht zur Planungssitzung ein, als einzige Partei. Der FN, liessen sie ausrichten, sei keine republikanische Formation. Er teile das Volk nach ethnischen und religiösen Kategorien ein, verletze damit die Ideale der Republik und habe deshalb auch keinen Platz in einer «Marche républicaine».

Das linke Wochenmagazin «L’ Obs» ging in seinem Kommentar noch etwas weiter: «Die Präsenz der extremen Rechten», schreibt einer seiner Leitartikler, «würde das Gedenken an Cabu, Charb, Wolinski und an alle anderen Opfer besudeln.» Die getöteten Karikaturisten von «Charlie Hebdo» waren erklärte Gegner des Front National, immer. Die Archive der Zeitung dienen als Testament: Die Zeichnungen über das Personal des FN waren stets besonders virulent, oft vulgär. Marine Le Pens Kandidatur bei den letzten Präsidentschaftswahlen karikierten die Satiriker als rauchendes Exkrementhäufchen.

Mit «grün» meint Le Pen «islamistisch»

Doch so legitim die Einwände gegen Le Pens politische Linie auch sind: Ist Isolation gescheit? Droht nicht ein Bumerangeffekt?

Der FN foutierte sich immer schon um die hehren Ideale der Republik, vorab um Gleichheit und Brüderlichkeit, wenn er zwischen «Papierfranzosen» und «Franzosen der Scholle» unterscheidet. Die Forderung nach «nationaler Priorität in allem» passt nicht ins Denken der Aufklärung. Die Partei schärft die Trennlinien zwischen den Gemeinschaften auch dann, wenn sie Einwanderung mit Kriminalität korreliert. Sie tut das ganz gezielt, das ist ihr Geschäftsmodell.

Als vor zwei Jahren der radikale Islamist Mohammed Merah in Toulouse jüdische Schulkinder umgebracht hatte, sagte Le Pen: «Wie viele Mohammed Merahs sitzen in den Flugzeugen, auf den Schiffen voller Immigranten, die jeden Tag in Frankreich ankommen? Wie viele Mohammed Merahs entspringen den Einwandererfamilien, die sich nicht assimilieren mochten? Das war nicht die Tat eines einzelnen Verrückten – das war der Beginn des grünen Faschismus in unserem Land.» Mit grün meinte sie islamistisch. Sie hantiert gerne an der Lunte.

Die alte Falle

Es gibt also viele gute Gründe, um am republikanischen Bekenntnis des Front National zu zweifeln. Doch die Partei ist legal, zugelassen, sie nimmt seit Jahrzehnten an allen Wahlen teil. Und das macht sie zum Akteur, mit dem sich die restlichen politischen Kräfte unweigerlich auseinandersetzen müssen. Am besten frontal. Umso mehr, als die Partei in diesen Jahren der Krise so stark wächst wie keine andere im Land: Bei den Europawahlen im letzten Mai war der FN mit 25 Prozent Wähleranteil Frankreichs grösste Partei. Viele Wähler geben Le Pen gerade deshalb die Stimme, weil sie in ihr eine Art Jeanne d’Arc im Kampf gegen die Elite sehen – gegen das alte, ungeliebte Establishment und deren Einheitsdenken. Ein Ausschluss des FN bestärkt sie nur in ihrer Ansicht. Zumal man ja nun auch noch der Meinung ist, dass der Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» die düsteren Thesen und Prognosen Marine Le Pens bestätigen. Sie gewinnt also gerade auf der ganzen Linie.

Die bürgerlichen Parteien merkten schnell, dass sie in die alte Falle tappten – und forderten eine Einladung für Le Pen. Die nationale Einheit sei nur dann wirklich national, wenn auch alle dabei seien, sagten etwa Alain Juppé und François Fillon, zwei ehemalige Premierminister. Auch François Hollande versuchte nach Kräften, die Affäre zu entschärfen. Der Präsident empfing Le Pen am Freitag im Elysée, als vorletzten Gast eines langen Reigens von Parteichefs, und sagte danach, der Trauermarsch sei keine Parteiangelegenheit. Ohne Fahnen, ohne Chöre, ohne Pfiffe. Vor allem aber ohne politische Instrumentalisierung und schräge Märtyrer.

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