«Der IS würde auch biologische Waffen einsetzen»

Was will der IS eigentlich? Kommen jetzt Bodentruppen? Muss Paris wie die USA nach 9/11 reagieren? Dazu Ulrich Tilgner.

«Der IS will über seine Stagnation in der eigenen Region hinwegtäuschen, indem er durch den Export von Terror eine globale Propagandawirkung anstrebt»: Nahost-Kenner Ulrich Tilgner. (Archiv, 2010)

«Der IS will über seine Stagnation in der eigenen Region hinwegtäuschen, indem er durch den Export von Terror eine globale Propagandawirkung anstrebt»: Nahost-Kenner Ulrich Tilgner. (Archiv, 2010) Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der IS riskiert mit den Attentaten in Paris eine heftige militärische Reaktion des Westens, bis hin zum Einsatz von Bodentruppen in Syrien. Damit gefährdet die Terrormiliz ihr eigenes Territorium, das sogenannte Kalifat. Machen sich die islamistischen Extremisten keine solchen strategischen Überlegungen?
Ich glaube nicht, dass der IS einen Einsatz von Bodentruppen befürchtet, und ich halte dieses Szenario auch für eher unwahrscheinlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Franzosen einen Alleingang wagen. Und die Amerikaner werden vielleicht die Zahl ihrer Militärberater erhöhen, mehr nicht. Die Auseinandersetzung am Boden muss von Syrern und Irakern geführt werden.

Ein Massaker wie jenes von Paris muss doch eine militärische Reaktion des Westens provozieren.
Vielleicht, bloss sind die Erfolgsaussichten nicht sehr hoch. Es hat ja bisher schon 7000 Luftangriffe auf Ziele des IS gegeben, ohne dass er entscheidend geschwächt worden wäre. Und wie zwiespältig die Resultate eines Militäreinsatzes von Bodentruppen sind, hat sich im Irak und in Afghanistan gezeigt. Wenn es nicht gelingt, Teile der Beduinenstämme im Herrschaftsgebiet des IS für eine Rebellion zu gewinnen, ist es nahezu unmöglich, die Terrormiliz militärisch zu besiegen. Die Gefahr, die vom IS in Europa ausgeht, besteht darin, dass die Terrormiliz bestehende schlummernde Zellen übernimmt und sie für Attentate einzusetzen versucht – Zellen, die früher zu al-Qaida gehörten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dieser Entwicklung durch einen Landkrieg Herr werden kann.

Was bezweckt der IS mit seiner Terroroffensive?
Der Islamische Staat ist angetreten, die arabische Welt unter der Herrschaft des Kalifats zu einigen. Das ist ihm missglückt, weil er, abgesehen von einigen Städten wie dem irakischen Mosul, noch immer vorwiegend über syrische und irakische Wüstengebiete herrscht. Nun will er über diese Stagnation in der eigenen Region hinwegtäuschen, indem er durch den Export von Terror eine globale Propagandawirkung anstrebt.

Der IS ist ja bei einem Teil der westlichen Jugend zu einer Art popkulturellem Phänomen geworden, weshalb Tausende junger Menschen in sein Herrschaftsgebiet reisen. Werden die Attentate in Paris den Jihad-Tourismus eher fördern oder hemmen?
Die Anziehungskraft des IS auf junge westliche Konvertiten hat bereits erheblich nachgelassen, weil es sich immer mehr herumspricht, wie brutal der Alltag im sogenannten Kalifat ist. Und weil es schwieriger geworden ist, durch die Türkei nach Syrien zu gelangen. Aber entscheidend scheint mir, dass es in Europa Islamisten gibt, die bereit sind, mit dem IS zusammenzuarbeiten – und dass die Jihad-Touristen der IS-Führung in Syrien entsprechende Hinweise geben. Danach schleust man einige Kaderleute nach Europa, die diese Zellen kontaktieren und aktivieren. Die Dynamisierung des Terrors ist das Gefährliche. Ich hoffe natürlich, dass Jugendliche mit IS-Sympathien durch die grausamen Verbrechen in Paris abgeschreckt werden. Aber wer weiss schon genau, was in diesen Köpfen vorgeht?

Nehmen wir an, die Attentate von Paris führen dennoch zum Einsatz von Bodentruppen. Was würde den westlichen Soldaten drohen?
Dasselbe, was ihnen im Irak und in Afghanistan widerfahren ist. Aus beiden Ländern mussten sich westliche Truppen unter Verlusten zurückziehen. Ich glaube nicht, dass der Westen bereit ist, sich erneut auf ein solches Abenteuer einzulassen. Und solange Obama Präsident der USA ist, wird sich die westliche Führungsmacht nicht an solchen Aktionen beteiligen.

Aber irgendwie muss der Westen doch reagieren.
Ich halte es für wahrscheinlicher, dass er seine Strategie bezüglich des syrischen Bürgerkriegs ändert und den syrischen Präsidenten Assad zumindest vorübergehend in eine Allianz gegen den IS einbinden könnte. Das würde bedeuten, der Bekämpfung der Terrormiliz oberste Priorität einzuräumen und den Sturz von Assad als zweitrangig zu betrachten. Falls eine Allianz zwischen dem Westen, dem Iran, Russland und Assad zustande kommt, könnte es für den IS in Syrien und dann auch im Irak tatsächlich schwierig werden. Aber solange man sich nicht einig ist, wie man den syrischen Bürgerkrieg beenden soll, wird der IS profitieren und sein Territorium verteidigen können.

Europa verbündet sich also mit dem syrischen Diktator, der Fassbomben auf die Zivilbevölkerung abwirft und wesentlich zur aktuellen Flüchtlingskrise beigetragen hat?
Das könnte aus realpolitischem Pragmatismus durchaus so sein, weil es sich als Kampf gegen den IS-Terrorismus verkaufen liesse. Die Russen und die Iraner sind zwar bereit, Assad langfristig fallen zu lassen, aber nicht als Vorbedingung für ein Ende des Bürgerkriegs. Ich halte es für denkbar, dass der Westen unter dem Eindruck der Attentate auf diese Linie einschwenkt.

Hat es Sie überrascht, dass der IS fähig ist, in einer europäischen Hauptstadt eine derartige Serie von Attentaten zu begehen?
Vor allem hat mich überrascht, dass die französischen Sicherheitskräfte nicht imstande waren, ein derart grosses terroristisches Netzwerk aufzudecken und eine so geballte Terroraktion zu verhindern. Wenn dem Geheimdienst einzelne Selbstmordattentäter entgehen, ist das verständlich. Ein derartiges Versäumnis, wie es den Franzosen jetzt in Paris unterlaufen ist, bezeugt hingegen eine unglaubliche Schwäche des Sicherheitsapparates. Wahrscheinlich sollen die heftigen Reaktionen der französischen Regierung dieses Versagen auch ein wenig überspielen.

Soll Europa individuelle Freiheitsrechte einschränken, ähnlich wie es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die amerikanische Regierung getan hat?
In Frankreich sind erst vor kurzem die Überwachungsrechte des Staates enorm ausgedehnt worden, und offensichtlich hat es nichts gebracht. Wenn man die bestehenden Gesetze konsequent anwendet, müsste es möglich sein, grössere terroristische Netzwerke zu infiltrieren und unschädlich zu machen.

Es gibt Indizien, dass ein Attentäter als Flüchtling getarnt über die Balkanroute nach Westeuropa gelangt ist. Falls sich der Verdacht erhärtet, wird die öffentliche Forderung nach einer Schliessung der Grenzen noch eindringlicher werden. Was halten Sie davon?
Davon halte ich wenig. Es ist völlig klar, dass sich in einem Flüchtlingszug auch Terroristen befinden können. Aber ein Terrorist ist nicht darauf angewiesen, sich als Flüchtling zu tarnen, um nach Europa zu gelangen. Dafür gibt es auch andere Wege, zumal, wenn man Geld hat. Wer glaubt, Terroristen abzuhalten, indem er Flüchtlinge an der Ein- oder Weiterreise hindert, gibt sich mit Sicherheit einer Illusion hin.

Wurden die Ziele in Paris nach religiösen und ideologischen Kriterien ausgewählt? Weil ein Rockkonzert in den Augen dieser Islamisten Götzendienerei ist, massakrieren sie die Besucher?
Eigentlich passen ja ein Angriff auf ein Stadion, in dem Fussball gespielt wird, und eine Attacke auf das Konzert einer Rockband nicht wirklich zusammen. Ich glaube eher, dass die Islamisten dort angreifen, wo sich eine Gelegenheit bietet, um möglichst viel Schaden anzurichten. Im Nachhinein liefern sie ihren Anhängern dann eine passende Rechtfertigung. Es geht ihnen in erster Linie um mediale Aufmerksamkeit, und dieses Ziel haben sie erreicht. Gegenwärtig werden in den afghanischen Bergen viele ehemalige Taliban-Kämpfer feiern und dann zum IS überlaufen, weil sie sich sagen: Jetzt sind die auch in Europa stark.

Gibt es eine Grenze der Brutalität, vor der sogar die Islamisten des IS zurückschrecken?
Nein, die gibt es nicht, und es hat sie nie gegeben, auch nicht bei al-Qaida. Wenn der IS chemische oder biologische Waffen zur Verfügung hätte, würde er sie ohne zu zögern einsetzen. Aber er hat sie zum Glück nicht, und es ist auch alles andere als einfach, sie herzustellen.

Lesen Sie auch:

«Belgien ist eine Drehscheibe für den Terrorismus»
Nach den Anschlägen von Paris führt schon wieder eine Terrorspur nach Belgien. Brüssel-Korrespondent Stephan Israel sagt, wieso das Land jetzt massiv unter Druck kommen wird.

Vom Kleinkriminellen zum Terroristen Vater, Bruder, Terrorist: Der 29-jährige Ismaël Omar Mostefaï wurde anhand seines abgerissenen Fingers im Bataclan identifiziert.

Alarmstufe Orange in der Schweiz
Die Bedrohung durch islamistische Terroristen hat sich «leicht erhöht». Männer, die in der Schweiz lebten, haben gemordet.

Zum Newsticker: Die Jagd nach dem achten Mann und den Drahtziehern des Pariser Terrors. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2015, 06:44 Uhr

Umfrage

Muss die Schweiz wieder systematische Grenzkontrollen einführen?

Ja

 
73.3%

Nein

 
26.7%

13837 Stimmen


Artikel zum Thema

«Gewalt ist ein menschliches Phänomen, kein religiöses»

Interview Der Präsident der Zürcher Muslime, Mahmoud El Guindi, spricht im Interview über den Pariser Terror und Schweizer Imame. Mehr...

Der Islamische Staat wird global

Die Anschläge in der Türkei, in Ägypten und nun in Paris zeigen: Das selbst ernannte Kalifat dehnt seinen Terror inzwischen weit über Syrien und den Irak hinaus aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Paid Post

Zucker reduzieren und geniessen

Früher heiss begehrt, später vom Light-Trend verstossen, heute wieder bewusst verzehrt – das Image von Zucker hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer wieder drastisch verändert.

Die Welt in Bildern

Ein Oman-Kuhnasenrochen schwimmt am 21.09.2017 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) bei einer Pressevorbesichtigung im Aquazoo Löbbecke Museum in seinem Wasserbecken und schaut in Richtung Besucher. Das Museum öffnet morgen wieder nach vier Jahren Sanierungspause. (KEYSTONE/DPA/Ina Fassbender)
Mehr...