Die Furcht der Römer, die Nächsten zu sein

Eine Stadt voller kirchlicher Symbole: In der Drohpropaganda der Terroristen wird Rom besonders oft genannt. Und nun beginnt das päpstliche Jubiläumsjahr.

Für die Rhetoriker eines Glaubenskriegs kommt in Rom viel zusammen: Gläubige warten vor dem Petersdom auf die Ankunft von Papst Franziskus zur wöchentlichen Generalaudienz.

Für die Rhetoriker eines Glaubenskriegs kommt in Rom viel zusammen: Gläubige warten vor dem Petersdom auf die Ankunft von Papst Franziskus zur wöchentlichen Generalaudienz. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor den prächtigen Basiliken Roms steht nun viel Militär. Vor San Pietro natürlich, aber auch vor San Giovanni und vor Santa Maria Maggiore. Tag und Nacht. Bewaffnete Soldaten im Tarnanzug, patrouillierend vor Gotteshäusern: An manche Bilder wird man sich wahrscheinlich nie gewöhnen.

Nach den Anschlägen von Paris hat die italienische Regierung die Truppen für den Schutz der römischen Kirchen und Kapellen schnell auf 2500 Soldaten ausgebaut. Sie verstärken die Präsenz von 25'000 Polizisten aller Corps, die ihrerseits die Bahnhöfe und Flughäfen der Stadt schützen, die U-Bahn-Stationen und die vielen Sehenswürdigkeiten. Innenminister Angelino Alfano beteuert zwar, er wolle Rom nicht militarisieren. Da und dort kommt es einem aber so vor, als wäre es das schon. Man soll die Sicherheitskräfte ja auch möglichst gut sehen, überall in der Stadt. Ihre Präsenz soll ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Es ist ein fragiles Gefühl.

«Hort der Kreuzritter»

Einmal mehr fürchten die Römer, die Nächsten zu sein. Wie schon nach dem 11. September 2001. Wie nach den Anschlägen auf die Madrider Vorstadtzüge 2004. Und wie nach jenen auf den Morgenverkehr in London 2005. Nur ist diesmal die Sorge noch etwas grösser als früher. Die Drohungen sind konkreter geworden. In propagandistischen Videos und Schreiben der Terrormiliz Islamischer Staat ist immer wieder die Rede von Rom. Gemeint ist nicht nur das weltliche Rom, sondern vor allem das kirchliche: das Zentrum des Katholizismus, der Amtssitz des Papstes. In der Rhetorik der Islamisten ist Rom noch immer der «Hort der Kreuzritter». Da kommt also viel Symbolik zusammen für Theoretiker eines Glaubenskriegs. Rom muss den Terroristen wie eine Trophäe erscheinen.

Besonders stark ist die Sorge vor möglichen Anschlägen diesmal auch deshalb, weil bald das päpstliche Jubiläumsjahr beginnt, das «Giubileo» unter dem Motto der Barmherzigkeit. In den vergangenen Tagen kamen Stimmen auf, die den Vatikan aufforderten, die ausserordentliche Grossveranstaltung unter dem Eindruck der Pariser Terroranschläge zu verschieben und der Stadt eine lange Psychose zu ersparen. Doch die Kirchenführung wies die Forderung sehr dezidiert zurück, frei nach der Devise: Jetzt erst recht. In seiner Sonntagsmesse sagte der Papst: «Wer den Namen Gottes im Mund führt und den Weg der Gewalt geht, der ist ein Gotteslästerer.»

Besorgt ist man aber auch in Kirchenkreisen, und zwar wegen eines Termins fernab vom militärisch bewachten Petersplatz. Franziskus wird das Jubiläumsjahr nämlich bereits am 29. November in der Kathedrale von Bangui eröffnen, in Zentralafrika. Eine Premiere in der Kirchengeschichte. Auch davon wollte man den Papst nun abbringen, jedoch ohne Erfolg. Der Argentinier will die Kirche zu den Armen bringen, an die Peripherie. Der Grossteil der Veranstaltungen findet dann aber in Rom statt, im Zentrum, und in den Wallfahrtsorten Assisi, Loreto, San Giovanni Rotondo. Auch an diesen Pilgerstätten wurde die Sicherheit nun verstärkt.

Die Angst erstickt das Geschäft

Der Flugraum über Rom soll während des gesamten «Giubileo» geschlossen bleiben. Man habe, sagte Innenminister Alfano, auch die Eventualität studiert, dass Terroristen Drohnen einsetzen könnten. Für wie gross er diese Eventualität hält, sagte er aber nicht. Roms Hotelbesitzer befürchten, dass viele Pilger und Touristen ihre geplanten Reisen aufschieben werden. Die Zeitung «La Repubblica» berichtet, es sei in den vergangenen Tagen zu «Rekordannullierungen» gekommen. Das Geschäft fürs Jubiläumsjahr, von dem man sich in Rom einen Gesamtumsatz von 11 Milliarden Euro und 5000 Arbeitsplätzen versprochen hatte, droht also auszubleiben – zu ersticken in der Angst der Reisenden.

Wie fundiert diese Angst ist, ist dabei gar nicht so wichtig. Nach Paris scheint jeder Versuch, den Terror in ein irgendwie logisches, absehbares Muster zu zwängen, ohnehin nutzlos und obsolet zu sein. Italiens Aussenminister Paolo Gentiloni sagt, es gebe bei allem Risiko «keine präzise Drohung», Rom diene dem Islamischen Staat hauptsächlich als Symbol. Die Frage ist nur, ob den Terroristen gerade dieses Symbol nicht besonders wichtig ist. Vor der Stazione Termini, dem Hauptbahnhof Roms, stehen nun plötzlich genügend Taxis, und zwar ständig. Das kommt sonst nie vor. Offenbar hat die Polizei die Taxiunternehmen angewiesen, immer möglichst viele Fahrer zum Bahnhof zu rufen. So soll verhindert werden, dass sich am Taxistand grosse Menschenansammlungen bilden, mögliche Ziele von Attentätern.

Erstellt: 17.11.2015, 22:31 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Fahnder an Anti-Terror-Razzia beteiligt

Fahnder in sechs europäischen Ländern haben 26 Orte durchsucht und 13 mutmassliche Jihadisten verhaftet. Auch die Schweizer Polizei rückte zu einer Razzia aus. Mehr...

Don Pietros Party ist vorbei

Der Vatikan kommt aus den schlechten Schlagzeilen nicht heraus. Das jüngste Beispiel katholischer Völlerei ist ein Prälat, der es sich mit einer halben Million Kirchengeld gut gehen liess. Mehr...

Römische Revolution

Die katholische Kirche ist reformfähig. Das bewies sie letztmals vor 50 Jahren, als sie die Glaubensfreiheit anerkannte und die Juden nicht länger als «Kinder des Teufels» sah. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Blogs

Geldblog Sie trauen der Börsen-Hausse nicht? So gewinnen Sie beim Crash

Von Kopf bis Fuss Hausmittel gegen Husten und Halsweh

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...