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«Dieses Attentat war tragischerweise erwartbar»

Frankreich-Korrespondent Oliver Meiler über die Hintergründe und die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von «Charlie Hebdo».

Der «Held von Paris»: Lassana Bathily.
Der «Held von Paris»: Lassana Bathily.
AFP
Die Beamten Franck Brinsolaro, Ahmed Merabet und Clarissa Jean-Philippe wurden posthum in die französische Ehrenlegion aufgenommen: Präsident Hollande hält eine Medaille vor einem Sarg. (13. Januar 2015)
Die Beamten Franck Brinsolaro, Ahmed Merabet und Clarissa Jean-Philippe wurden posthum in die französische Ehrenlegion aufgenommen: Präsident Hollande hält eine Medaille vor einem Sarg. (13. Januar 2015)
AP Photo/Francois Mori, Keystone
Mit Kalaschnikows bewaffnet: Zwei der maskierten Täter.
Mit Kalaschnikows bewaffnet: Zwei der maskierten Täter.
Facebook/Jordi Mir
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Die Attentäter, die auf der Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» mindestens zwölf Menschen töteten, sollen «Allah ist gross» gerufen haben. Gibt es Zweifel an der islamistischen Täterschaft? Die Lage ist noch sehr unübersichtlich, die Täter sind auf der Flucht. Die Vermutung eines Anschlags mit islamistischem Hintergrund ist sehr naheliegend. Das hat auch mit dem Zielobjekt zu tun: «Charlie Hebdo» veröffentlichte in den letzten Jahren immer wieder Karikaturen des Propheten Mohammed. Die Zeichnungen lösten jedes Mal Polemiken aus, «Charlie Hebdo» war ständig Drohungen ausgesetzt, einige seiner Zeichner standen unter Polizeischutz.

In Frankreich herrscht seit einiger Zeit grosse Angst vor Terroranschlägen, in der Weihnachtszeit gab es mindestens eine Attacke mit islamistischem Hintergrund. Was heute in Paris passiert ist, musste doch irgendwann geschehen? Ja, es war irgendwie tragisch erwartbar. In jüngster Vergangenheit soll es der Polizei gelungen sein, einige Anschlagspläne zu vereiteln. Dennoch ist der Schock gross für die Franzosen. 2012 gab es schon den Fall von Mohamed Merah, der in Toulouse mehrere jüdische Schüler erschoss. 2014 folgte der Fall von Mehdi Nemmouche, der einen Anschlag auf ein jüdisches Museum in Brüssel verübte und einen Anschlag in seinem Heimatland Frankreich geplant haben soll. Die Terrorangst in Frankreich ist auch deshalb gross, weil über tausend Franzosen im Irak und in Syrien für den IS kämpfen und man fürchtet, sie könnten nach ihrer Rückkehr Anschläge verüben.

Der Terroranschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» ist der schwerste in Frankreich seit Jahrzehnten. Was könnten die gesellschaftlichen Hintergründe für diese Bluttat sein? Frankreich lebt in einem sehr angespannten politischen Klima. Das Land hat eine Wirtschafts-, eine soziale und eine Identitätskrise – hier kommen zu viele Krisen auf einmal zusammen. Genährt werden die gesellschaftlichen Spannungen von Parteien und Kreisen, die Muslime stigmatisieren und ausgrenzen. Sie tun dies auf teilweise sehr pauschale Weise. Diese Islamophobie verstärkt die sozialen Spannungen.

Gemeint ist vor allem der Front National. Hat sich FN-Chefin Marine Le Pen zum Attentat von Paris schon geäussert? Noch nicht. In der Vergangenheit hat Le Pen «Charlie Hebdo» stets entschieden verteidigt. Dies dürfte ihr auch leichtgefallen sein, da es um Mohammed-Karikaturen ging. Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, sagte Le Pen, sie müsse «total» sein.

«Charlie Hebdo» widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe dem neuen Roman von Michel Houellebecq. Der Skandalautor hat immer wieder den Islam kritisiert. Könnte dies der Auslöser des Terroranschlags gewesen sein? Dafür gibt es keine Indizien. «Charlie Hebdo» stand vor allem wegen der Mohammed-Karikaturen im Visier von Islamisten. Aber Houellebecq gehört zu den Polemikern, die mit ihren Provokationen das ohnehin angespannte innenpolitische Klima zusätzlich anheizen. Zwei weitere prominente Polemiker sind der Publizist Eric Zemmour, Autor des Buchs «Der französische Suizid», sowie der Philosoph und Autor Alain Finkielkraut. Alle drei behaupten, dass der Westen vor dem Islam in die Knie gehe. Oder auch, dass sich Frankreich vom Islam unterwerfen lasse. Das ist natürlich absurd. Solche Absurditäten finden aber ein Publikum in Zeiten der Krise, wenn die Menschen verunsichert sind.

Kurz nach dem Terroranschlag in Paris hat die französische Regierung die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Was bedeutet das konkret? Alle sensiblen Objekte werden nun noch besser geschützt, die Schulen in Paris wurden geschlossen, die Zeitungshäuser und die Glaubenshäuser umstellt. Jeder Abfalleimer wird besser kontrolliert, ebenfalls jeder Eingang zur Metro. Die Terrorwarnstufe gilt zunächst lediglich für den Grossraum Paris.

Wie wird der 7. Januar 2015 Frankreich verändern? Frankreich wird zusammenrücken. Man wird in den nächsten Stunden oft das Motto «Unité nationale» hören. Präsident François Hollande setzte ein starkes Zeichen, indem er kurz nach dem Anschlag mit mehreren Ministern am Tatort erschien. In nächster Zeit werden die Parteigrenzen nicht mehr so wichtig sein.

Welchen Platz wird die muslimische Gemeinschaft im zusammenrückenden Frankreich einnehmen? Die grosse Mehrheit der Franzosen kann sehr wohl unterscheiden, trotz aller Hatz. Mit Ausnahme von ein paar Brandstiftern und ihrer Gefolgschaft hat niemand ein Interesse daran, die Muslime im Land zu stigmatisieren und auszugrenzen.

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