Paris-Attentäter steht für Schüsse auf Polizisten vor Gericht

In Brüssel steht der einzige überlebende Hauptverdächtige der Pariser Anschläge vom November 2015 vor Gericht. Angeklagt ist Salah A. allerdings wegen etwas anderem.

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Mitte Januar wurde in Brüssel der Terroralarm von der zweithöchsten Stufe drei auf zwei gesenkt. Nun patrouillieren weniger Soldaten auf öffentlichen Plätzen und in Verkehrsmitteln. Geblieben sind die Taschenkontrollen, selbst in der Oper, was zu langen Schlangen beim Einlass führt. In den Köpfen der Einwohner und erst recht der Opferangehörigen sind die Anschläge vor zwei Jahren ohnehin präsent – am 22. März 2016 sprengten sich drei Terroristen am Flughafen und in der Innenstadt in die Luft. Der Horror von damals mag in eine tiefere Bewusstseinsschicht gesackt sein, doch beim kleinsten Anlass kommt die Erinnerung daran zurück. Jetzt zum Beispiel, da die juristische Aufarbeitung des Geschehens beginnt.

Vor dem Strafgericht im klotzigen Justizpalast muss sich von diesem Montag an Salah A. verantworten. Der 28-jährige Brüsseler mit französischer Staatsangehörigkeit, dessen Familie aus Marokko stammt, ist der einzige überlebende Hauptverdächtige einer anderen Anschlagserie, der Pariser Anschläge vom November 2015. Er soll ein Fahrzeug gemietet haben, das während des Angriffs auf die Konzerthalle Bataclan benutzt wurde, bei dem 89 Menschen starben. Zudem soll er mehrere Selbstmordattentäter zum Stade de France gefahren und diverse logistische Hilfe geleistet haben. Er selbst brachte sich im Gegensatz zu seinen Mitstreitern nicht um, sondern fuhr mit zwei Komplizen am nächsten Morgen zurück nach Belgien. Kontrolleure stoppten sie auf der Autobahn – und liessen sie ziehen.

Kalaschnikow-Salven für die Einsatzkräfte

Doch um seinen Anteil am Pariser Geschehen geht es in Brüssel noch nicht. Darüber wird später in Frankreich verhandelt werden, das seine Auslieferung erwirkt hat. Vielmehr werden die Umstände seiner Entdeckung beleuchtet, bei der drei Polizisten verletzt wurden. Nach mehr als drei Monaten auf der Flucht spürten Fahnder den europaweit gesuchten A. Anfang März 2016 bei einer Razzia in der Rue du Dries im Brüsseler Stadtteil Forest auf. Als sich die französischen und belgischen Einsatzkräfte der Wohnung nähern, die sie leer wähnen, werden sie von Kalaschnikow-Salven empfangen.

Bei der Erstürmung erschiessen die Polizisten den Algerier Mohamed Belkaid. Zwei Männer können fliehen, wahrscheinlich A. und der 24 Jahre alte Tunesier Soufien Ayari, der als mutmasslicher Fluchthelfer ebenfalls vor Gericht steht. Drei Tage später werden die beiden in Molenbeek gefasst. In dem Einwanderer-Stadtteil war A. aufgewachsen, dort lernte er schon als Kind Abdelhamid Abaaoud kennen, den Drahtzieher der Pariser Anschläge, der später erschossen wurde.

Die Erleichterung in der Stadt, vor allem bei den Behörden, über deren Schlampereien Vernichtendes in den Zeitungen der Welt zu lesen war, ist gewaltig. Doch sie währt nur kurz. Vier Tage später, am 22. März 2016, töten drei Islamisten bei den beiden Selbstmordattentaten in Brüssel 32 Menschen. Erst jetzt erkennen die Ermittler den Umfang des Molenbeeker Terrornetzes, das hinter beiden Anschlagswellen steckt. Wahrscheinlich war A. auch in die Vorbereitung der Brüsseler Taten verwickelt.

A. sagt kein Wort mehr

Näheres würde das Gericht gerne von ihm selbst hören. Doch nur in den ersten Vernehmungen durch einen Pariser Untersuchungsrichter machte der junge Mann den Mund auf. Er gestand, ein Tatauto gefahren zu haben. Und dass sein Sprengstoffgürtel nicht funktionierte, weshalb er ihn weggeworfen habe. Die Aussage stand umgehend in den Medien. A. zog alles zurück und sagt seither offiziell kein Wort mehr. Beobachter bezweifeln, dass sich das nun vor Gericht ändern wird. Für die Betroffenen der Attentate ist dieses Schweigen schwer erträglich; eine belgische Zeitung sieht darin «ultime violence», also allerletzte, grösstmögliche Gewalt.

Seine Verweigerungshaltung könnte, muss aber nicht mit den einzigartigen Haftbedingungen zusammenhängen. In Europas grösstem Gefängnis in Fleury-Mérogis bei Paris sitzt A. in völliger Isolation ein. Sechs Infrarotkameras und zwei Wächter beobachten ihn rund um die Uhr, um ihn vom Suizid abzuhalten. Das einzige Stück Privatsphäre ist eine Wand vor der Dusche, die bis zum Bauchnabel reicht. Laut französischen Medien schwankt der Angeklagte zwischen Lethargie und Wutanfällen. Für die Dauer des zunächst auf fünf Tage angesetzten Prozesses wird Salah A. in ein Gefängnis bei Lille verlegt. Die Anklage lautet auf versuchten Polizistenmord und könnte ihm 40 Jahre Haft einbringen.

Erstellt: 05.02.2018, 11:00 Uhr

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