Vom Hassprediger zum Krankenpfleger

Farid Benyettou radikalisierte einst die «Brüder des Terrors». Nun absolviert er einen Stage im Spital, wo deren Opfer eingeliefert wurden.

Eine Mitschülerin beschreibt ihn als «nett, lustig und superbeliebt»: Farid Benyettou distanziert sich von der Tat seiner früheren Terrorlehrlinge. Foto: Screenshot Leparisien.fr

Eine Mitschülerin beschreibt ihn als «nett, lustig und superbeliebt»: Farid Benyettou distanziert sich von der Tat seiner früheren Terrorlehrlinge. Foto: Screenshot Leparisien.fr

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Zu allen Porträts, die den Franzosen nun als Sinnbilder des Bösen durch die Köpfe geistern, gehört auch jenes von Farid Benyettou: 33 Jahre alt, geboren in Paris, hageres Gesicht, langes Haar, getönte Brille. Es gibt zwar keine Anzeichen dafür, dass Benyettou etwas zu tun gehabt haben könnte mit dem Attentat gegen die Satirezeitung «Charlie Hebdo». Doch kaum waren die Namen der Terroristen bekannt, kam auch sein Name ins Spiel – als ehemaliger Weggefährte der Brüder Chérif und Saïd Kouachi, als deren Religionslehrer zu Beginn der Nullerjahre im XIX. Arrondissement von Paris.

Benyettou war damals ein selbst proklamierter Prediger im Umfeld der Moschee Adda'wa. Sein Denken war so radikal, verwurzelt in der salafistischen Takfir-Ideologie, dass er seine Anhänger bei sich in der Wohnung unterwies. In der Moschee wollten sie ihn nicht mehr lehren lassen. Benyettou predigte nicht nur: Er rekrutierte in der Quartierjugend Jihadisten für die al-Qaida im Irak. Auch Chérif Kouachi, nur ein Jahr jünger als er, sollte in den Irak ziehen und gegen die amerikanischen Truppen kämpfen. Er konnte aber kurz vor Abflug verhaftet werden.

Im Prozess gegen die «Zelle des XIX. Arrondissements», in dem beide auf der Anklagebank sassen, sagte Kouachi über seinen früheren Indoktrinierer: «Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Wahrheit vor mir sitze, wenn er redete.» Benyettou redete etwa davon, dass der Märtyrertod der Selbstmordattentäter in den heiligen Texten als hehre, gottgefällige Tat gepriesen werde, dass die Märtyrer das Paradies erwarte.

Aus dem Dienstplan gestrichen

Beide wurden wegen Zugehörigkeit zu einer Organisation mit terroristischen Zielen zu Haftstrafen verurteilt. Von Chérif Kouachi weiss man, dass er sich im Gefängnis unter dem Einfluss des ebenfalls inhaftierten Islamisten Djamel Beghal weiter radikalisierte. Und Benyettou? Er kam 2011 wieder frei und bekam einen Lehrplatz im Institut für angehende Krankenpfleger. Offenbar erfuhren seine Mitschüler bald, wer er war: Sie googelten seinen Namen und stiessen auf Presseartikel zum Prozess. Benyettou, so erzählen es Ausbildungskameraden, habe immer gesagt, er sei ja nicht verantwortlich für die kriminellen Taten der Jihadisten, er selber habe schliesslich nur geredet. Eine Mitschülerin beschreibt ihn in der Zeitung «Libération» als «nett, lustig und superbeliebt».

Vor einigen Wochen trat Benyettou das zweimonatige Spitalpraktikum an, das seinen Lehrgang abschliessen sollte. Er wurde dem grossen Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière zugewiesen – und dort ausgerechnet der Notfallabteilung, zu der am letzten Mittwoch die elf Verletzten gebracht wurden, die das Attentat der Brüder Kouachi gegen «Charlie Hebdo» überlebt hatten.

Er war für die folgenden Tage im Dienstplan eingetragen, wurde aber rasch dispensiert. «Seine Präsenz hätte unweigerlich für viel Aufregung gesorgt», sagte der Verantwortliche der Notfallabteilung. Beanstandungen gegen den Stagiaire habe er aber nicht. Benyettou präsentierte sich freiwillig bei der Polizei, kaum hatten sein Name und sein Foto in den Medien zu zirkulieren begonnen. Er distanzierte sich von der Tat seiner früheren Terrorlehrlinge.

Erstellt: 12.01.2015, 12:55 Uhr

Benyettou wurde dem grossen Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière zugewiesen – und dort ausgerechnet der Notfallabteilung. (Bild: Reuters )

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