Wir sollten Mohammed zeigen

Der Tages-Anzeiger zeigt das Titelblatt der neuen «Charlie Hebdo»-Ausgabe nicht. Eine vergebene Chance.

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Noch immer vibrieren wir im Nachhall der infamen Attacken zweier Verwirrter auf die Presse- und Meinungsfreiheit von vergangener Woche. Die Reaktionen folgen einer spezifischen Dramaturgie: Kurz nach den Attacken verbreitete sich der Slogan «Je suis Charlie» – mit dem die Menschen ihre Solidarität mit den Ermordeten bekundeten. Fast genauso schnell begannen Einzelne aber auch zu erklären, warum sie eben nicht Charlie sind. Weil sie den Stil des Magazins oder die Karikaturen nicht mochten. Weil diese oft den Eindruck vermittelten, nicht in erster Linie die Leute belustigen, sondern religiöse Gefühle verletzen zu wollen.

Auch das ist ein Zeichen der freien Gesellschaft: dass man die getöteten Journalisten kritisieren kann für ihre Auffassung von Satire. Dass man darüber debattieren darf, ob sie nicht von Beginn weg unverantwortlich gehandelt haben.

Gestern ist «Charlie Hebdo» regulär erschienen – in einer Grossauflage und wieder mit einer Mohammed-Karikatur auf dem Titel. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigte sie nicht, Chefredaktor Res Strehle erläuterte stattdessen, warum die Zeitung auf die Publikation verzichtet: «aus Rücksicht auf die breit geteilte Empfindlichkeit», nämlich die religiösen Gefühle jener Muslime, die nie Gewalt anwenden würden, sich aber durch Mohammed-Darstellungen und Karikaturen verletzt fühlten.

Man kann diese Haltung vertreten, aber ich teile sie nicht. Diese spezifische Mohammed-Karikatur ist nicht vulgär. Sie ist auch nicht lustig, sondern traurig – in ihrer Vieldeutigkeit beinahe weise: Ein weinender Mohammed hält ein Schild mit der Aufschrift «Je suis Charlie» hoch. Darüber die Überschrift: «Alles ist vergeben.»

Denn wir sind frei

Ich bin einverstanden, dass Tagesanzeiger.ch/Newsnet keine Karikaturen um der reinen Provokation willen zeigt. Denn wer denkt, Meinungsfreiheit sei ein absolutes Recht, vertritt selbst eine fundamentalistische Haltung. In einer freien Gesellschaft beinhalten Rechte immer auch eine spezifische Verantwortung, die sich aus dem Kontext ergibt.

Strehle hat abgewägt und ist zum Schluss gekommen, dass die Verantwortung dieser Zeitung gegenüber den religiösen Gefühlen der Muslime stärker wiegt als das Interesse der Leser am Titelblatt der «Ausgabe der Überlebenden». Ich aber bin der Meinung, dass eine andere Verantwortung stärker wiegt. Wie jede Zeitung folgt Tagesanzeiger.ch/Newsnet einer Chronistenpflicht. Man kann ein Bild seitenweise beschreiben – und den Kern doch nicht vermitteln. Wollen sich die Leser eine eigene Meinung bilden, müssen sie es auch sehen. Angesichts all der Anstrengungen dieser Redaktion, die Geschichte der Anschläge mitzuschreiben, müsste man dieses Titelblatt zeigen. Weil sich damit der Kreis der Ereignisse schliesst. Weil damit die Verletzlichkeit auf den Punkt gebracht wird – nicht nur allfälliger religiöser Gefühle, sondern auch der Freiheit.

Dieses Titelblatt gibt auf einzigartige Weise einen Kommentar ab zu den schrecklichen Ereignissen, und zwar in der Sprache des attackierten Blattes. Dies zu zeigen, hätte für Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Chance bedeutet, einen Punkt zu machen: Wir zeigen auch Mohammed-Karikaturen – nicht um jeden Preis, aber wenn der entsprechende Rahmen gegeben ist, so wie das nach diesem historischen Ereignis der Fall ist.

Denn wir sind frei.

Erstellt: 14.01.2015, 23:48 Uhr

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