16 Minuten und 56 Sekunden Grausamkeit

Der Terror als globales Kurzfilm-Massaker, live, per Minikamera: über einen Täter, der gesehen werden will – und eine Welt, die zusieht.

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Um 13.28 Uhr neuseeländischer Zeit veröffentlicht ein anonymer Account im Onlineforum 8chan einen Beitrag: «Ich werde die Invasoren angreifen, und ich werde sogar den Angriff live auf Facebook streamen. Den Link findet ihr unten. Wenn ihr das lest, werde ich schon auf Sendung sein.» Neben einem Link zu einer Facebook-Profilseite findet sich auch der Verweis auf ein Manifest. «Bitte sorgt dafür, dass meine Botschaft Verbreitung findet», schreibt der anonyme Nutzer. «Sollte ich den Angriff nicht überleben: Lebt wohl, Gott segne euch. Ich sehe euch in Walhalla.»

Kurz danach steigt der Australier Brenton T. in sein Auto, er hört ein serbisches Kriegslied, das sich in rechtsradikalen, antimuslimischen Kreisen grosser Beliebtheit erfreut – und folgt den Anweisungen des Navigationsgeräts, die ihn zur An’Nur-Moschee in der Deans Avenue in Christchurch bringen. Festgehalten ist das mit einer kleinen Kamera, die an seinem Helm befestigt ist und die ein Livebild auf Facebook streamt – für die ganze Welt zu verfolgen.

Das Video zeigt Waffen, Munition und selbst gebaute Bomben auf dem Beifahrersitz. Es zeigt die Perspektive des Schützen, wie er aus dem Auto steigt, mit geladener Waffe in die Moschee geht und das Feuer eröffnet. 16 Minuten und 56 Sekunden dauert das Video. Mindestens 49 Menschen erschiesst der 28-Jährige vor und in zwei Moscheen in Christchurch. Und jeder, der einen Facebook-Account hat, kann live dabei zusehen.

Es deutet alles darauf hin, dass es der Schütze selbst war, der seine Tat im öffentlichen Onlineforum 8chan ankündigte. Andere Forennutzer klicken auf den Link, der auf die Facebook-Seite des Australiers Brenton T. führt, und kommen in den Kommentaren darunter aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. «Heilige Scheisse, es passiert wirklich», schreibt einer. «Brenton T. ist ein verdammter Held» ein anderer. «Das Video ist so verdammt gut.» Und: «Heil T.»

Neonazis und Amokläufer

Die sogenannte Imageboard-Website 8chan gehört zu den besonders schmutzigen Onlineforen im Internet. Es ist eine wirre Welt, in der sich wirre Geister, meist junge, weisse Männer, mit hasserfüllten Memes und Gewaltaufrufen gegenseitig aufstacheln. Eine Welt, in der Neonazis, Terroristen und Amokläufer verherrlicht werden. Eine Welt, die eine eigene Sprache mit montierten Bildchen, rassistischen Insiderwitzen und einer menschenverachtenden Gesinnung entwickelt hat. Zu kontrollieren sind diese anonymen Foren kaum. Die amerikanischen Betreiber sehen praktisch alles, was dort geäussert wird, als von der Meinungsfreiheit gedeckt. Sie übernehmen natürlich auch keine Verantwortung für die Inhalte.

Brenton T. spricht diese Sprache. Seine Beiträge vor der Tat sind mit ihren Anspielungen und Zitaten perfekte Nahrung für rechte Verschwörungstheoretiker. Über seinen Twitter-Account teilte er zwei Tage vor dem Attentat Bilder von seinen Tatwaffen und den Magazinen. Auf ihnen stehen in weisser Schrift handgeschriebene Namen von historischen Personen: christliche Kreuzritter und Militärführer, die sich im 16. und 17. Jahrhundert an den Kriegen gegen die Osmanen beteiligt haben – darunter etwa Graf Starhemberg, der 1683 die Türken vor Wien aufgehalten hat.

Ausserdem hat T. seine Waffen mehrmals mit dem Schriftzug «14 words» verziert – eine Referenz auf den Neonazi David Lane, der in den Vereinigten Staaten Banken überfiel und im Jahr 2007 im Gefängnis starb. Von ihm sind die 14 Worte, die Neonazis in aller Welt als Inspiration sehen: «We must secure the existence of our people and a future for white children.» Übersetzt heisst das: Wir müssen die Existenz unseres Volks und die Zukunft unserer weissen Kinder sichern.

Video: Angriff auf Moschee in Neuseeland

Bei bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen in Christchurch wurden 49 Menschen getötet und über 20 weitere Personen schwer verletzt. Video: AFP/Storyful

Brenton T.s erstes Ziel ist die An’Nur-Moschee. Er parkt sein Auto in einer Seitenstrasse und beginnt um etwa 13.40 Uhr, zwölf Minuten nach Erscheinen des 8chan-Beitrags, auf erste Besucher am Eingang der Moschee zu schiessen. Im Bildausschnitt des Videos ragt seine Waffe von unten ins Bild – wie in einem Ego-Shooter-Spiel. Was folgt, sind zwei Minuten grausamstes Massaker. Der Australier schreitet über den grünen Teppich durch die Räume und schiesst auf alle Besucher des Freitagsgebets, die er sieht.

Während er von Raum zu Raum läuft, flammt andauernd das Mündungsfeuer auf. Den Menschen, die nach den ersten Schüssen flüchten, schiesst er in den Rücken. Zwischenzeitlich geht er zurück zu seinem Auto und holt sich weitere Munition. Er schiesst auf Passanten und betritt wieder die Moschee, um weiter zu töten. Als er nach etwas mehr als sechs Minuten wieder im Auto sitzt und losfährt, hört man im Video seine Stimme: «Es war nicht mal genug Zeit zu zielen, da waren so viele Ziele.» Im Hintergrund läuft ein Song: «Fire». Das Lied beginnt mit den Worten «I am the god of hellfire» und beschwört eine krude Rachefantasie. Der Tathergang in einer weiteren Moschee war am Abend noch unklar.

Welches Ziel hat T. erreicht? Weltweite Aufmerksamkeit – und neue Nahrung für Wirrköpfe.

Der Betrachter, das ist banal und schrecklich zugleich, sitzt nach dem Angriff auf die An’Nur-Moschee mit T. auf dem Fahrersitz und hört zu. Unmittelbarkeit ist ein Effekt, der beim Zuschauer vor dem Bildschirm eine besonders starke Wirkung entfaltet. Die Szene, wie während der Livesendung am 11. September 2001 das zweite Flugzeug auf dem Bildschirm hinter dem Moderator in den Turm des World Trade Center kracht, ist wohl der Moment, an den sich jeder erinnert, der damals, wo auch immer, vor dem Fernseher sass.

Das Zeitalter des Streams

Bereits bei den 9/11-Attentätern war diese mediale Wirkung kalkuliert. Selbst steuern konnten sie die Bilder noch nicht. Sie verliessen sich darauf, dass die rauchenden und einstürzenden Türme in der Skyline von Manhattan von allen Sendern live als Ikone des Schreckens in die ganze Welt übertragen werden würden. Internetzugang war meist nur über krächzende und piepsende Modems möglich. Das erste iPhone kam erst etwa sechs Jahre später auf den Markt. Damit wurde jeder zum Kameramann jeglicher Ereignisse, auch der schlimmsten Verbrechen.

Und als die grossen Social-Media-Plattformen Livevideos in ihren sogenannten Stream aufnahmen, also in den digitalen Fluss, in dem vom Feriengruss des Schulfreundes bis zur übelsten rassistischen Anfeindung fast alles vorbeischwimmen kann, war die Unmittelbarkeit der Bilder für jeden zu erzeugen – mit einem leichten Touch auf das Display, der die immer leistungsfähigeren Minikameras steuert. «Wir betreten das neue goldene Zeitalter der Videos», sagte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Frühling 2016.

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Auf Handyvideos von Passanten, Nachbarn oder sogar der Opfer konnte sich seitdem jeder, der wollte, anschauen, wie die um sich schiessenden Attentäter den Nachtclub Bataclan in Paris stürmen. Wie der weisse LKW über die Promenade von Nizza fährt und Menschen wie Grashalme umpflügt. Wie die «Charlie Hebdo»-Attentäter in Paris flüchten und im Vorbeigehen einen am Boden liegenden verwundeten Polizisten erschiessen. Gleichzeitig greifen die Täter selbst zur Kamera und übertragen immer häufiger live ins Netz.

Im Frühling 2017 erschoss ein Mann in Cleveland einen Rentner auf der Strasse und postete ein Video der Tat auf Facebook. Der 57-sekündige Film, in dem der Täter zu Beginn ankündigt, gleich jemanden töten zu wollen, stand laut Facebook für zwei Stunden online. In zwei weiteren Livevideos sprach er anschliessend seine Zuschauer an und legte seine Motive dar. Oder der Terrorist Larossi Abballa, der 2016 den stellvertretenden Polizeichef von Les Mureaux und dessen Frau im französischen Magnanville ermordete und sich selbst in der Wohnung seiner Opfer filmte. Nicht nur Morde, sondern auch Vergewaltigungen und Suizide konnte man auf Facebook in den letzten Jahren verfolgen.

Galgenhumor im Internet

Die Moderatoren und Sichter bei Facebook müssen nach Angaben des Konzerns etwa zehn Millionen Beiträge prüfen, die potenziell gegen die Richtlinien der Plattform verstossen. Pro Woche. Man kann sagen: Die Sache ist komplett ausser Kontrolle geraten. Von wegen goldenes Zeitalter der Videos. Menschen wie Brenton T. hingegen gibt diese Entwicklung die grösstmögliche Kontrolle darüber, ihre Tat in genau der Ästhetik, die ihrer kruden Gedankenwelt entspringt, an das grösstmögliche Publikum zu senden. Publikum heisst: die ganze Welt. Das Massaker in Christchurch ist das bislang prominenteste Fallbeispiel, das aufzeigt, wie schwierig es selbst für einen Multimilliardenkonzern wie Facebook ist, der Inhalte Herr zu werden.

Welches Ziel hat T. erreicht? Weltweite Aufmerksamkeit – und neue Nahrung für die Wirrköpfe und Verschwörungstheoretiker in den rechtsradikalen Foren. In den Kommentaren unter dem 8chan-Beitrag T.s reagierten die Nutzer denn auch mit Galgenhumor auf die verzögert einsetzende Berichterstattung der klassischen Medien und die plötzliche Berühmtheit ihrer kleinen, gewaltverherrlichenden Welt.

Die aktuellsten Entwicklungen und Meldungen zum Anschlag in Christchurch finden Sie in unserem Nachrichten-Ticker zum Thema. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 21:15 Uhr

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