«Als Mutter kann ich es nicht glauben, aber es könnte wahr sein»

Neue Gesetze, Notrufnummern und mehr Polizeipatrouillen: 100 Tage nach der Gruppenvergewaltigung einer Studentin hat sich Indien verändert. Erstmals meldet sich die Mutter eines Täters zu Wort.

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«Als Mutter kann ich es nicht glauben, aber es könnte wahr sein», sagt die Mutter eines der mutmasslichen Täter im Falle der Gruppenvergewaltigung einer indischen Studentin. Gegenüber der britischen Tageszeitung «Daily Telegraph» sagte die Frau, sie habe ihren Sohn im Gefängnis besucht. Dabei habe er ihr gestanden, im Bus gewesen zu sein und diesen danach gewaschen zu haben, um Spuren zu beseitigen. Er hätte zuvor Alkohol getrunken und sei nicht bei Sinnen gewesen.

Der Sohn lebt inzwischen nicht mehr, er starb im Gefängnis. Seine Eltern glauben, ihr Sohn habe sich im Gefängnis nicht selber umgebracht, sondern sei getötet worden, nachdem er zuvor wochenlang durch Polizisten und Gefängniswächter vergewaltigt und gefoltert worden sei. Der Vorfall habe ihr Leben zerstört, sagt die Mutter weiter. Auch der zweite Sohn der Familie war beteiligt – er fuhr den Bus. Die Einzimmerhütte der Familie in einem Slum sei inzwischen Ziel eines Bombenanschlags geworden, berichtet der «Telegraph». Sie könne verstehen, was der Familie der Studentin widerfahren sei. «Wir haben die gleichen Gefühle für unsere Kinder, keine anderen», sagt sie. «Ich wünsche mir, sie hätten mich umgebracht.»

Indien heute ein besseres Land?

100 Tage ist es her, als sechs Männer die 23-jährige Inderin in einem Bus entführten, sich wie Bestien an ihr vergingen und sie blutend am Strassenrand liegen liessen. Der Aufschrei war damals gross, tagelang demonstrierten Tausende gegen die häufig vorkommenden Vergewaltigungen im Land.

Inzwischen hat sich tatsächlich etwas getan in Indien: Spezielle Notrufnummern für Frauen sind eingerichtet. Nachts sind viel mehr Polizisten in der Hauptstadt Delhi unterwegs und überprüfen an Strassensperren jedes Auto.

Vergewaltigungsfälle werden in Schnellgerichten verhandelt. Und das Parlament verabschiedete gerade ein Gesetzespaket, das härtere Strafen für sexuelle Gewalttäter vorsieht, darunter auch die Todesstrafe in besonders schweren Fällen.

Wenig gelernt

Doch bei der Debatte über das Antivergewaltigungsgesetz im Unterhaus wurde deutlich, wie wenig geläutert und unsensibel die Abgeordneten noch immer mit dem Thema umgehen. Sharad Yadav etwa sagte gemäss Medienberichten in seiner Rede zum neuen Stalking-Gesetz: «Wer von uns hat denn Frauen nicht nachgestellt?»

Im Unterhaus wurde gekichert. Jeder wisse doch, fuhr Yadav fort, dass das Objekt der Begierde einige Male verfolgt werden müsse, ehe es reagiere.

Der Oppositionspolitiker Bhola Singh erklärte dem Parlament laut Zeitungsberichten, für die steigende Zahl von angezeigten Vergewaltigungen seien Einflüsse aus westlichen Kulturen verantwortlich.

Auch würden Frauen und Männer in den Familien natürlich nicht gleich behandelt. «Wenn eine Tochter ins Haus kommt, gibt es keinen Applaus, die Menschen betrachten das noch immer als Unglück.»

Vergewaltigung in der Ehe straflos

Kein Wunder, dass das Parlament nur wenige der Forderungen umgesetzt hat, die Frauenrechtler nach der Gruppenvergewaltigung erhoben hatten, sagt Kavita Krishnan von der Frauenvereinigung Aipwa. So werde Vergewaltigung in der Ehe noch immer nicht bestraft. Auch Polizisten und Soldaten müssten oft nichts fürchten. «Die Zivilgesellschaft ist da schon weiter als unsere Politiker», sagt Krishnan.

Tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit für die Rechte der Frauen in Indien gestiegen zu sein. «Die Mentalität hat sich verändert», meint Om Prasad von der Studentenvereinigung Aisa. Auch junge Männer wie er seien nach der Vergewaltigung auf die Strasse gegangen und hätten Plakate gegen Sexualgewalt getragen.

Und seither diskutierten sie auch zu Hause über Gewalt gegen Frauen, über Partnerwahl und sogar über Frauen, die rauchen und trinken sowie abends ausgehen.

Dass das selbst in der Hauptstadt Delhi keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt eine Umfrage der Zeitung «Times of India». Demnach meinen 86 Prozent der befragten Männer, es sei nicht in Ordnung, wenn Frauen mit Freunden nachts in Bars und Clubs gingen.

Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) findet nicht, dass Frauen sich kleiden könnten, wie sie wollten. Und etwa die Hälfte (46 Prozent) meint demnach, Frauen sollten nachts nicht arbeiten.

Nur ein Tropfen

Trotzdem würden Frauen immer sichtbarer, beobachtet die Schriftstellerin und Verlegerin Urvashi Butalia. Sie arbeiteten heutzutage in Hotels, Läden, Restaurants, IT-Unternehmen – und durch Fernsehen und Handys sehen die Menschen die Welt jenseits ihrer eigenen Grenzen.

«Die Veränderung passiert so schnell, dass die Menschen kaum mithalten können und überall eine riesige Verwirrung herrscht, während das Land sowohl mit dem Gewicht der Traditionen als auch mit den Verheissungen der Moderne kämpft», meint sie.

Wie immer sei es wegen der Grösse und Vielfalt Indiens kaum auszumachen, was denn nun wirklich passiere im Land, fährt Butalia fort. Die neuen Gesetze und alle anderen Massnahmen nach dem 16. Dezember seien richtig, «aber wir müssen uns daran erinnern, dass sie nur ein Tropfen in einem sehr, sehr grossen Ozean sind». (mw/sda)

Erstellt: 25.03.2013, 09:22 Uhr

Bruder im Spital

Ein Angeklagter im Fall der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer jungen Inderin ist ins Spital eingeliefert worden. Es ist der Bruder des in dem Fall ebenfalls Angeklagten, der vor zwei Wochen in seiner Gefängniszelle tot aufgefunden worden war. Er klagte auf dem Weg vom Gefängnis in den Gerichtssaal über Brustschmerzen und wurde daher ins Spital gebracht. (sda)

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