Als hätte nur Tokio eine Zukunft

In der japanischen Provinz Akita sind die Menschen enttäuscht und genervt vom Kurs der Regierung Shinzo Abes. Dennoch sagen die Umfragen der Partei des Premiers einen klaren Wahlsieg voraus.

Behauptet, Abenomics habe bereits Wachstum gebracht: Der japanische Premier Shinzo Abe. Foto: Reuters

Behauptet, Abenomics habe bereits Wachstum gebracht: Der japanische Premier Shinzo Abe. Foto: Reuters

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Ein Lautsprecher plärrt durch den Schneeregen, aus dem Rathaus von Yuzawa treten einige Dutzend Verwaltungsangestellte, ein paar Rentner gesellen sich dazu. Das Lokalfernsehen ist auch da. Vizefinanzminister Nobuhide Minorikawa besucht seinen Wahlkreis. Begleitet wird er von Seiko Noda, einer Starpolitikerin der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) von Premier Shinzo Abe. Sie ist berühmt, weil sie, begleitet von den Medien, als 50-Jährige mit einer In-vitro-Fertilisation schwanger wurde.

Die Einkaufsstrasse von Yuzawa, die zum Rathaus führt, ist tot, fast alle Läden haben für immer geschlossen. Viele Gebäude sind baufällig. Die Präfektur Akita im Norden der Hauptinsel Honshu gehört zu den ärmsten Regionen Japans. Und zu den am meisten überalterten. In keiner anderen Präfektur schwindet die Bevölkerung schneller: in fünf Jahren um fünf Prozent. Manche Fischerdörfer an der Küste sind ausgestorben.

Frau I. ist in Yuzawa geboren, die mittlere von drei Schwestern. Nach der Schule ging sie nach Tokio zum Studium, heiratete und blieb. Eine ihrer Schwestern auch. Die dritte, auch schon über sechzig, blieb zurück und pflegt nun die über 90-jährigen Eltern. Um die Schwester zu entlasten, kommt Frau I. jeden Monat für einige Tage nach Yuzawa. Als sie aus dem Zug steigt, atmet sie tief durch: «Die Luft ist so gut.» In Tokio fehle ihr Akita. «Aber Yuzawa ist so traurig geworden. Es gibt so wenig Kinder.» Seit sie weggegangen ist, hat das Städtchen ein Drittel der Einwohner verloren. «Es gibt keine Arbeit hier.»

Minorikawa ruft vor seinem Wahlkampfbus ins Mikrofon: Alle redeten von der Sicherheit und Zukunft der ­Gesellschaft. «Aber das bleiben leere Worte, wenn die Wirtschaft nicht besser wird.» Deshalb müssen die Wähler bei den vorgezogenen Unterhauswahlen am Sonntag LDP wählen und Abenomics unterstützen, die Reformen von Premier Abe. Damit es endlich besser werde.

In Tokio klingt das anders. Abe behauptet, Abenomics habe bereits Wachstum gebracht. Das kann Minorikawa den Leuten in Yuzawa nicht erzählen, denn sie wissen es besser. Die Wirtschaft ihrer Präfektur schrumpft seit zwanzig Jahren. Dieses Jahr wurde die Mehrwertsteuer erhöht, und Benzin und der Dünger wurden wegen der Yen-Schwäche teurer – ein harter Schlag für die Reisbauern. Zudem will Abe Japan in eine von den USA dominierte Freihandelszone führen, die die Bauern fürchten.

Nur Männer mögen Abe

Die Provinz Akita ist fest in der Hand der LDP, sie hält alle drei Wahlkreise und dürfte sie am Sonntag verteidigen. Warum wählen diese Menschen LDP, obwohl es ihnen unter ihr immer schlechter geht? «Die LDP ist mit allen verbandelt», erklärt Frau I. «Vor allem die Männer sind für die LDP.» Abes harte Töne und sein Patriotismus imponieren ihnen. «Frauen mögen die LDP nicht.»

Als Minorikawa vor elf Jahren im Kreis Akita 3 erstmals gewählt wurde, löste er als Saubermann einen LDP-Provinzfürsten ab, der Geld aus Tokio nach Yuzawa brachte und lokalen Firmen Aufträge zuschanzte. Inzwischen wirft die Zeitung «Mainichi» Minorikawa vor, er verstosse mit Geschenken gegen das Wahlgesetz. «Für die älteren Leute hier sind Politiker und LDP-Politiker Syno­nyme», sagt Yo Negishi, Assistenzprofessor an der Internationalen Universität Akita. Die andern Parteien seien in den Landgemeinden nicht präsent.

In der Präfekturhauptstadt Akita ruft die Demokratische Partei (DPJ), die wichtigste Opposition, ihre Anhänger zur Wahlveranstaltung für den 38-jährigen Manabu Terata ins Kulturhaus. Terata sitzt im Unterhaus. Auch seine Zentrale hat ihm einen Politikstar zur Unterstützung geschickt: Die ehemalige DPJ-Ministerin Renho. Sie schimpft, sie verstehe nicht, warum Abe, trotz seiner komfortablen Mehrheit, wählen lasse. Damit drückt sie aus, was viele Japaner denken: Abe verschwende 60 Milliarden Yen, 489 Millionen Franken, für eine Wahl, die nur ihm selber nütze, heisst es. «Was hat die LDP in den zwei Jahren gemacht? Nichts. Nur die Börse hat profitiert», sagt Renho. Die Renten seien gekürzt worden, der Rentenfonds pumpe das Geld der künftigen Rentner jetzt in die Börse. Die etwa 400 Zuhörer, unter ihnen auch Junge, lassen sich mobilisieren, es gibt Zwischenrufe, was in Japan selten ist. Die Stimmung ist trotzig, die Leute reagieren genervt, wenn das Wort Abenomics fällt. Dennoch sagen Umfragen einen hohen Sieg Abes voraus.

Die Jungen wählen nicht

Vor fünf Jahren schlug die DPJ ihre Widersacherin LDP, die Japan seit 1955 mit einem kurzen Unterbruch regiert hatte. Die Erwartungen waren gross. Aber die DPJ war unerfahren; die Beamten und die Wirtschaft, die mit der LDP verfilzt sind, legten ihr Steine in den Weg. Die DPJ scheiterte dramatisch, vor allem an sich selbst. Das hat die Japaner bitter enttäuscht. Und Fukushima machte alles noch schlimmer. Die Politikverdrossenheit ist gross, man rechnet mit einer geringen Wahlbeteiligung. In der Fussgängerpassage am Bahnhof Akita hat sich vor dem Wahlbüro für die vorzeitige Stimmabgabe eine lange Schlange gebildet. Deutet das auf eine gute Wahlbeteiligung hin? «Das kann man nicht sagen», sagt der Chef des Wahlbüros. «Das liegt eher am Schnee. Die Leute kommen, wenn es grade geht.» Und warum sind keine jungen Leute dabei? «In Akita wählen viele Junge überhaupt nicht.»

In der Cafeteria der Internationalen Uni Akita nennt Assistenzprofessor Yo Negishi weitere Gründe, warum Japans Provinz ausblutet. «Der extreme Zentralismus dominiert nicht nur die Politik und die Wirtschaft, er steckt auch in den Köpfen.» Die Lehrer beschwören gute Mittelschüler, nach Tokio zu gehen oder zumindest nach Sendai, der einzigen Grossstadt im Norden von Honshu. «Und die Eltern sagen das auch.» Als gäbe es nur in Tokio eine Zukunft. «Wer nach Tokio geht, kommt nicht zurück. Dabei ist Tokio keine attraktive Stadt mehr.» Es wäre viel besser, die junge Leute gingen einige Jahre ins Ausland und brächten dann neue Ideen zurück.

Eigentlich ist Negishi Archäologe. In Akita gibt es viele prähistorische Stätten. Aber sein grösstes Anliegen ist es, die junge Uni und die Studenten in Akita zu verwurzeln. Und mit kleinen Initiativen zur Belebung seiner Präfektur beizutragen, die das Hierbleiben attraktiver machen. Und die ein paar Stellen schaffen. «Unsere Uni ist der einzige Ort der Hoffnung in Akita.» Politik interessiere auch ihn eigentlich nicht. Auf die dringenden Probleme der Menschen von Akita, vor allem der Jungen, habe keine der grossen Parteien eine Antwort. Doch wählen geht Negishi trotzdem.

Erstellt: 12.12.2014, 19:50 Uhr

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