Ausgleich mit den USA hat für Nordkorea an Dringlichkeit verloren

Durch die Wiederannäherung an China hat ein Gipfeltreffen mit den USA für Pyongyang weniger Priorität.

Donald Trump setzt nach seiner Absage Nordkorea unter Druck und droht mit militärischen Aktionen. (Video: Tamedia, CBS)

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Er sei «völlig perplex» über US-Präsident Donald Trumps Absage des geplanten Gipfels mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un, die er sehr bedauere, sagte Südkoreas Präsident Moon Jae-in am Freitagmorgen. Moon erfuhr von der Absage, nachdem er nur zwei Tage zuvor Trump im Weissen Haus besucht hatte, kurz vor Mitternacht Ortszeit aus den Medien. Nach dem Treffen in Washington zur Vorbereitung des Gipfels hatte sein Sicherheitsberater Chung Eui-yong noch gesagt, er sei 99,9 Prozent sicher, der Gipfel komme zustande.

Das Weisse Haus hat Seoul auch nicht, anders, als es behauptet, vorab über die Absage informiert. Der überrumpelte Moon rief seinen Sicherheitsrat zu einer mitternächtlichen Notsitzung zusammen. Er forderte Trump und Kim auf, direkt miteinander zu sprechen. Mit der Art, wie sie derzeit kommunizierten, riskierten sie Missverständisse. «Die Denuklearisierung und der Frieden auf der Koreanischen Halbinsel sind historische Aufgaben, die weder fallen gelassen noch hinausgeschoben werden dürfen», so Südkoreas Präsident. Auch Peking und Moskau wurden von Trumps Absage überrascht und äusserten ihr Bedauern.

Libyen-Vergleich trifft in Pyongyang einen Nerv

Nordkoreas Vize-Aussenminister Kim Kye-gwan versicherte wenige Stunden später: «Wir möchten die amerikanische Seite wissen lassen, dass wir uns weiterhin mit den USA zusammensetzen und die Probleme lösen wollen, unabhängig von Ort, Art und Zeit.» Der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un habe alles in Bewegung gesetzt, um den Gipfel mit Trump vorzubereiten. «Nach dieser einseitigen Absage der USA müssen wir uns aber überlegen, ob es wirklich richtig war, auf diesen neuen Weg zu setzen.» Anders als Präsident Trump, der Pyongyang in seiner Absage erneut mit Amerikas Atomwaffen drohte, verzichtete Nordkoreas Vize-Aussenminister auf jegliche aggressive Rhetorik.

Die «Wut und Feindschaft» Nordkoreas, mit der Trump die Absage gerechtfertigt habe, seien nur «eine Reaktion auf die bösen Bemerkungen, welche die amerikanische Seite machte». Washington habe Nordkorea «seit langem zur einseitigen Nuklearabrüstung schon vor dem Gipfel zu zwingen versucht», so Vize-Aussenminister Kim, der US-Sicherheitsberater John Bolton vor einigen Tagen scharf angriff, nachdem dieser Nordkorea mit Libyen verglichen hatte. Der Vergleich trifft in Pyongyang einen Nerv, weil Muammar Ghadhafi, einige Jahre nachdem er sein noch rudimentäres Atomprogramm aufgegeben hatte, mit Unterstützung der USA von Aufständischen gestürzt und getötet wurde.

USA suchten weiterhin den Dialog

In Seoul wird auch gerätselt, wie definitiv Trumps Absage ist. Aussenministerin Kang Kyung-hwa sagte nach einem Telefongespräch mit US-Aussenminister Mike Pompeo, der amerikanische Präsident habe die Tür offen gelassen, die USA suchten weiterhin den Dialog.

Gleichsam zur Schadensbegrenzung versicherte Vereinigungsminister Cho Myung-gyun dem Norden, Seoul werde die Erklärung von Panmunjom weiter getreu umsetzen. Seoul erwarte das auch vom Norden.

Enge Beziehung zwischen den USA und Nordkorea unerwünscht

Experten in Seoul diskutieren die Frage, ob der verschärfte Ton gegen die USA vorige Woche, vor allem gegen John Bolton und Vize-Präsident Mike Pence wegen ihrer Libyen-Vergleiche, mit Pyongyangs Wiederannäherung an China zu erklären sei. Peking will, dass Nordkorea auf seine Atomwaffen verzichtet, aber es hat kein Interesse an zu engen Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA. Oder an einer Wiedervereinigung Koreas, solange im Süden US-Militärs stationiert sind. Für Pyongyang hat ein Ausgleich mit den USA an Dringlichkeit verloren, seit Kim Jong-un zweimal in China war. Damit sind die verschärften Sanktionen de facto vom Tisch, von denen Trump am Donnerstag behauptete, sie würden weiter durchgesetzt. Peking dürfte sie, möglicherweise inoffiziell, bereits lockern.

Derzeit weilt eine Wirtschaftsdelegation aus Nordkorea in der nordchinesischen Industriestadt Dalian, die Reformen studieren soll. Chinas Nordostprovinzen leiden ebenfalls unter den Sanktionen, für sie ist Nordkorea ein Wirtschaftspartner. Und angesichts des Handelskriegs, den Trump gegen China angezettelt hat, sieht man in Peking noch weniger Grund, die Nordkorea-Politik der Amerikaner zu unterstützen. Zumal es die Befürchtung gibt, China könnte an Einfluss auf Kim einbüssen.

Erstellt: 25.05.2018, 10:46 Uhr

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