Australiens Schreckensinsel für Flüchtlinge

Im Flüchtlingslager auf Nauru im Pazifik werden Kinder und Frauen schikaniert, misshandelt und missbraucht. Dies zeigen geleakte Dokumente.

Rund 10'000 Einwohner und über 400 Flüchtlinge: Insel Nauru im Pazifik.

Rund 10'000 Einwohner und über 400 Flüchtlinge: Insel Nauru im Pazifik.

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Der Pazifikstaat Nauru betreibt für Australien ein Lager für Asylsuchende. Auf Nauru werden Flüchtlinge interniert, die versucht hatten, per Boot nach Australien zu gelangen, und auf offenem Meer abgefangen wurden. Amnesty International und Human Rights Watch, aber auch das Flüchtlingshilfswerk der UNO haben das Nauru-Lager schon längst angeprangert, weil Asylsuchende unmenschlich behandelt werden. Dass die Zustände auf Nauru tatsächlich schlimm sind, bestätigen nun über 2000 Dokumente, die die britische Zeitung «Guardian» veröffentlicht hat.

Auch Selbstverletzungen und Selbsttötungen

Die «Nauru Files» dokumentieren für den Zeitraum von Mai 2013 bis Oktober 2015 7 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und 59 andere Missbrauchsfälle. Von sexuellen Übergriffen sind auch junge Frauen betroffen. Misshandlungen und Einschüchterungen durch Aufseher sind an der Tagesordnung. Auch erwachsene Asylbewerber werden verschiedener Delikte beschuldigt. Rund 30 Kinder und mehrere Erwachsene fügten sich Selbstverletzungen zu. Im Lager kommt es auch immer wieder zu Suizidversuchen. Das Leiden der Flüchtlinge ist gross.

Unabhängig von den «Nauru Files» sind weitere dramatische Vorfälle publik geworden. Vor ein paar Monaten hatte sich ein 23-jähriger Iraner selbst angezündet und war den Brandverletzungen erlegen. Auch eine 21-jährige Somalierin wollte auf diese Weise aus dem Leben scheiden, sie konnte aber noch gerettet werden.

Aktivisten sprechen von einer «Epidemie der Selbstverletzungen und Suizide». Laut Amnesty herrscht auf Nauru ein «absichtlicher und systematischer Missbrauch». Verzweifelte und traumatisierte Flüchtlinge haben verstörende Verhaltensweisen entwickelt, wie aus den «Nauru Files» hervorgeht. So soll ein zehnjähriges Mädchen mehrere Erwachsene zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben.

Australien hält an seiner Flüchtlingspolitik fest

Die vom «Guardian» veröffentlichten Dokumente bestehen aus Berichten von Angestellten des Flüchtlingslagers, wo sich per Ende Juni 2016 442 Flüchtlinge aufhielten: 338 Männer, 55 Frauen und 49 Kinder. Nebst Nauru lässt Australien ein zweites Lager für Bootsflüchtlinge betreiben. Dieses befindet sich auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea, wo über 850 Männer interniert sind. Für diese Zusammenarbeit erhalten Nauru und Papua-Neuguinea stattliche Summen von Australien.

Nach der Publikation der «Nauru Files» steigt der Druck auf den australischen Premier Malcolm Turnbull und seine Regierung. Deren Asylpolitik ist auch im Land selbst teils umstritten. Immer wenn die beiden ausgelagerten Flüchtlingslager in die Kritik geraten, reagiert die australische Regierung auf die gleiche Weise: Sie weist die Vorwürfe als unbestätigte Berichte zurück, gelobt aber Besserung. Die Regierung in Canberra reagiert mit einer eigenen Untersuchung auf die «Nauru Files» und will mit der Regierung von Nauru an Lösungen arbeiten. Seine umstrittene Flüchtlingspolitik will Australien aber nicht ändern. Dies hat Canberra heute klargemacht.

Die Asylsuchenden in den Lagern von Nauru und Manus stammen mehrheitlich aus Afghanistan, dem Iran und dem Irak. Die meisten hatten versucht, aus Indonesien mit dem Boot nach Australien zu gelangen. Die Inhaftierung ist zeitlich nicht begrenzt – einige Internierte sind seit mehr als drei Jahren eingesperrt.

Obwohl die australische Flüchtlingspolitik international heftig kritisiert wird, hat sie offenbar Anhänger auch unter konservativen Politikern Europas. Erst kürzlich sagte der österreichische Aussenminister Sebastian Kurz, dass Europa von Australien lernen müsse. Flüchtlinge sollten auf Inseln an der EU-Aussengrenze festgehalten werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2016, 11:48 Uhr

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