Bin Laden war beim Angriff unbewaffnet

Der Terroristenführer trug nach Angaben der US-Regierung beim tödlichen Einsatz der Spezialeinheit keine Waffe. Auch bei der angeblichen Tötung einer Ehefrau Bin Ladens rudert das Weisse Haus zurück.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Er war nicht bewaffnet», sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney. Allerdings seien andere Männer in dem Anwesen bewaffnet gewesen und hätten Widerstand geleistet. Bin Laden sei bei einem «unberechenbaren Schusswechsel» ums Leben gekommen. Ein US-Sonderkommando hatte den Gründer und Chef des Terrornetzwerks al-Qaida in der Nacht zum Montag erschossen. Zunächst hatten ranghohe Vertreter der US-Regierung den Eindruck erweckt, Bin Laden habe sich bei der Kommandoaktion in der Stadt Abbottabad gewehrt und auch selbst geschossen.

Carney bekräftigte, dass das Ziel des Einsatzes die Festnahme und nicht die Tötung Bin Ladens gewesen sei. Wegen des «grossen Widerstandes» sei der Al-Qaida-Chef aber erschossen worden. Dabei ging Carney nicht auf weitere Einzelheiten ein. Die US-Spezialkräfte hätten bei dem Einsatz mit «allergrösster Professionalität» gehandelt.

Das Weisse Haus ruderte auch bei der angeblichen Tötung einer Ehefrau Bin Ladens zurück. Anders als zunächst mitgeteilt, sei die Frau lediglich mit einem Schuss ins Bein verletzt worden, sagte Carney. Die Frau habe sich im gleichen Zimmer befunden wie Bin Laden und sei auf die US-Soldaten zugestürmt. Damit rückte die US-Regierung auch von der Version von Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan ab, wonach die Ehefrau getötet worden sei, weil Bin Laden sie als menschlichen Schutzschild missbraucht habe.

Seit fünf Jahren im Versteck

US-Spezialkräfte haben Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden gestern in seinem Versteck in Pakistan aufgespürt und getötet. Nach Angaben eines US-Vertreters war er in Begleitung von 23 Kindern und 9 Frauen. Sie hätten sich in jener Residenz aufgehalten, die Bin Laden fünf bis sechs Jahre als Versteck gedient habe. Die Frauen sowie die Kinder sind den pakistanischen Behörden übergeben worden.

Das Team Six der Navy Seals stellte Unterlagen, Festplatten, DVDs und andere Beweismittel sicher, von denen sich der Geheimdienst Hinweise auf die Vorgehensweise von al-Qaida und möglicherweise eine Spur zum mutmasslich zweiten Mann an der Spitze, Aiman al-Sawahiri, erhofft. Die CIA ist bereits dabei, das Material durchzusehen.

Lange wurde vermutet, dass Bin Laden von Versteck zu Versteck eilte. Die Überraschung ist daher gross, dass er seit fünf bis sechs Jahren in der grossen Villa in der Stadt Abbottabad lebte. In der Residenz habe Bin Laden zahlreiche Videos und Audiobotschaften aufgenommen, erklärte John Brennan, oberster Antiterrorberater von US-Präsident Barack Obama, dem Sender CBS.

Foto noch nicht veröffentlicht

Nach etwa 40 Minuten stiegen die Soldaten mit dem toten Bin Laden in die drei verbliebenen Hubschrauber und rückten ab. Der Leichnam Bin Ladens – identifiziert durch Bildvergleich, DNA-Analyse und die Aussage einer der anwesenden Frauen, vermutlich einer seiner Ehefrauen – wurde zum Flugzeugträger USS Carl Vinson geflogen und im nördlichen Arabischen Meer auf See bestattet.

Es steht auch noch eine Erklärung aus, wie es gelingen konnte, klammheimlich mit vier Hubschraubern einmal quer über Pakistan zu fliegen und in einer Garnisonstadt mit Militärakademie zu landen.

Publikation von Fotos umstritten

Weiterhin offen ist, ob die USA Fotos des getöteten Al-Qaida-Chefs veröffentlichen werden. Mehrere US-Abgeordnete äusserten die Befürchtung, dass der Tod Bin Ladens geleugnet werden könnte, wenn die USA nicht ausreichende Beweise vorlegten.

Präsident Obama und seine Mitarbeiter wollen jedoch offenbar nicht die islamische Welt erzürnen, indem sie drastische Aufnahmen der Leiche des Al-Qaida-Führers verbreiten.

Brennan weist Spekulation über Folterkenntnisse zurück

Die entscheidenden Hinweise zum Aufenthaltsort von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden hat die US-Regierung nach eigenen Angaben nicht aus Folterverhören mit Gefangenen erhalten. «Wir haben in keinem bestimmten Moment spezifische Informationen erhalten, die uns nach Abbottabad führten», sagte John Brennan am Dienstag im US-Fernsehsender CNN.

Die Hinweise seien vielmehr «im Lauf mehrerer Jahre gesammelt» worden. «Es gab ein ganzes Bündel von Hinweisen aus verschiedenen Quellen, unter denen auch einige Gefangene waren», sagte Brennan. In manchen Fällen seien die Informationen «freiwillig» preisgegeben worden, in anderen «unbewusst». «Wir mussten diese Informationsteile nehmen sowie Verbindungen zwischen ihnen und alle anderen Hinweise suchen», führte Brennan aus. Ähnlich äusserte sich auch US-Justizminister Eric Holder vor dem US-Kongress.

Was wusste Pakistan?

In den Medien werden nun immer mehr Zweifel an der Rolle Pakistans laut: Zwar bestritt der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari, dass die Sicherheitskräfte im Land Bin Laden Unterschlupf gewährt hätten. Es sei «unvorstellbar», dass sich Bin Laden ohne Hilfe längere Zeit in Pakistan habe verstecken können, sagte John Brennan, am Montag.

US-Abgeordnete fragten sich öffentlich, wie bin Laden in der geschäftigen Stadt Abbottabad im Nordwesten des Landes leben konnte, ohne Aufsehen zu erregen, zumal die Militärakademie des Landes nur 1,6 Kilometer entfernt von dem Haus liegt, in dem Bin Laden lebte. Es war immer spekuliert worden, dass der Al-Qaida-Führer sich in einer entlegenen Gegend an der afghanischen Grenze aufhalte. Nun werde untersucht, ob Bin Laden von Kräften im Land Unterstützung erhalten habe, erklärte John Brennan, Anti-Terror-Chef im Weissen Haus. Wie zuvor schon Aussenministerin Hillary Clinton sah Brennan jedoch davon ab, Schuldvorwürfe gegen die pakistanische Regierung zu erheben. Islamabad sei «ein starker Partner» im Kampf gegen den Terrorismus, sagte er.

Dass Islamabad nichts von dem Aufenthaltsort Bin Ladens gewusst haben will, wird auch in pakistanischen Medien und auf den Strassen diskutiert: «Entweder war es ein Komplettversagen unserer Geheimdienste, oder sie steckten in der Sache mit drin», sagte ein Bewohner von Abbottabad.

«Unbegründete Spekulation»

In einem Beitrag für die Zeitung «Washington Post» wies Zardari jegliche Mutmassungen dieser Art weit von sich. Spekulationen, wonach Pakistan bei der Terrorbekämpfung eher lustlos vorgegangen sei oder den Terroristen sogar Schutz geboten habe, entbehrten jeder Grundlage. «Solch unbegründete Spekulation mag Stoff für spannende Botschaftsdepeschen liefern, gibt aber nicht die Tatsachen wieder», schrieb Zardari in der ersten offiziellen Stellungnahme des Landes zu den Mutmassungen.

Er betonte, dass ein Jahrzehnt der Kooperation und Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Pakistan zu der Eliminierung Bin Ladens als eine konstante Bedrohung für die zivilisierte Welt geführt habe. US-Präsident Barack Obama erklärte indes, dass die pakistanische Anti-Terror-Einheit im Vorfeld der Operation geholfen habe, dankte Pakistan aber mit keinem Wort, als er den Tod Bin Ladens verkündete. (bru/sda/dapd)

Erstellt: 03.05.2011, 20:28 Uhr

Video

Kurz nach der Stürmung: Innenaufnahmen aus Bin Ladens Residenz (Quelle: ABC News).

Bildstrecke

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Obama verfolgte Bin Ladens Tod live mit

Das Weisse Haus hat Bilder veröffentlicht, die den US-Präsidenten und seine Entourage während der Aktion gegen Osama Bin Laden zeigen. Sie hörten live mit, was sich in Pakistan abspielte. Mehr...

Ein Prozess gegen Bin Laden wäre für die USA zum Problem geworden

Hintergrund Gehören Terroristen vor ein Zivilgericht oder ein Militärtribunal? Diese und andere knifflige Fragen hätte die US-Regierung klären müssen, wenn Osama Bin Laden lebend gefasst worden wäre. Mehr...

Team Six liess Bin Laden keine Chance

Elitesoldaten der Navy Seals sorgten für den Überraschungscoup der Amerikaner in Pakistan. Die Truppe wird unter den härtesten Bedingungen ausgebildet, agiert schnell – und geriet auch schon in die Kritik. Mehr...

US-Dokumente veröffentlicht

Nach der Tötung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden durch eine US-Spezialeinheit sind freigegebene US- Regierungsdokumente über den einst meistgesuchten Terroristen der Welt im Internet veröffentlicht worden.

Das unabhängige Forschungsinstitut National Security Archive erklärte am Dienstag, dass die Dokumente bis ins Jahr 1996 zurückreichten. Die Schriftstücke sind auf www.nsarchive.org einsehbar.

In dem Archiv befinden sich auch ein fast 400 Seiten langes Porträt aus dem Jahr 1999 sowie ein Sicherheitsbriefing mit dem Titel «Bin Laden entschlossen zum Angriff in den USA» - verfasst im Monat vor den Anschlägen vom 11. September 2001.

Das National Security Archive ist eine Nichtregierungsorganisation, die an die George Washington Universität angeschlossen ist. (sda)

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sie sind nun keine Kinder mehr: Junge Erwachsene nehmen an einer traditionellen Zeremonie in Seoul teil, bei der sie den Übertritt in ihr 19. Lebensjahr feiern. Sie dürfen nun ihre eigenen Lebensentscheidungen fällen, wählen gehen und Alkohol trinken. (20. Mai 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...