«Bösartige Unterstellungen»

Haben Pakistaner Bin Laden gedeckt? Nein, sagt ein Analyst aus Islamabad. Manche hätten aber aus Angst gelernt, sich mit Extremisten zu arrangieren.

Wollen nicht bemerkt haben, dass Bin Laden in ihrer Nähe lebte: Einwohner betrachten das Anwesen in Abbottabad.

Wollen nicht bemerkt haben, dass Bin Laden in ihrer Nähe lebte: Einwohner betrachten das Anwesen in Abbottabad. Bild: Keystone

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Seit dem Tod Osama Bin Ladens steht Pakistan in der Kritik. Weil der Topterrorist in einer Villa in der Nähe der Militärakademie in Abbottabad gefunden wurde, wird Pakistanern mehr oder weniger offen unterstellt, ihn gedeckt zu haben. «Dass Bin Laden sich ganze fünf Jahre lang unbemerkt in Abbottabad aufhalten konnte, ohne dass es jemandem auffiel, ist unmöglich», sagt Ahmed Quraishi, politischer Analyst und Direktor des pakistanischen Think Tanks «Project Pakistan 21». Daraus abzuleiten, dass Pakistaner Sympathien für Terroristen hegen würden, sei aber eine «bösartige Unterstellung».

Bin Ladens Tod hat weder in Pakistan noch in Afghanistan zu grösseren Demonstrationen geführt. Das zeige auch, dass Terroristen weder in Pakistan noch in anderen islamischen Ländern, grosse Sympathien geniessen. Die meisten Opfer terroristischer Anschläge hat denn auch nicht der Westen, sondern die islamische Welt zu beklagen. Anschläge auf westliche Einrichtungen weltweit haben seit 2001 an die 4000 Menschenleben gefordert, die 2933 Opfer der Attentate vom 11. September 2001 miteingerechnet. Allein in Pakistan starben von 2003 bis heute über 10'000 Zivilisten an Selbstmordanschlägen von al-Qaida und deren Sympathisanten.

Auge um Auge

«In Pakistan herrscht vielerorts die Stammeskultur mit ihrer Rachetradition», sagt Quraishi. «Für jeden toten Zivilisten finden sich fünf Menschen, die ihn rächen wollen.» Bei Anschlägen finde man meistens Bekennerschreiben mit ähnlichem Inhalt wie diesem: «Ihr sterbt, weil meine Mutter bei einem Angriff des Militärs getötet wurde. Ihr habt geholfen, sie zu töten, weil ihr das Militär und die USA unterstützt.» So habe ein Selbstmordattentäter begründet, dass er sich auf einem belebten Markt in die Luft gejagt habe.

Um zu überleben, müssen sich die Menschen in gewissen Gebieten mit den Extremisten irgendwie arrangieren, auch wenn sie sie verabscheuen. «In den Stammesgebieten in Nord- und Südwaziristan haben die Menschen grosse Angst», sagt Quraishi. Dort werde keiner reden, wenn er gesuchte Terroristen sehe, es wäre zu gefährlich. In den Städten sei man zwar auf der Hut vor möglichen Anschlägen, führe aber sonst ein normales Leben. «Man redet auch abschätzig über Extremisten». Ob man auch so weit gehen würde, den Aufenthaltsort eines Terroristen den Behörden zu melden, ist unklar. Die Angst. Weniger genau hinsehen und beide Augen zudrücken kann Leben retten.

Pakistan «ganz sicher» an Operation beteiligt

Bin Laden wurde in Abbottabad gefasst, einer Stadt, in der laut Quraishi viele gebildete Pakistaner leben, reichere Leute, liberale und religiöse gemischt. «An Wochenenden gibt es Partys mit Musik und Tanz. Jugendliche kleiden sich westlich, mit Jeans und Baseballkappen». Dass Bin Laden sich in Abbottabad aufhalten konnten, sei nicht so überraschend, der Chefplaner der Anschläge vom 11. September, Khalid Scheikh Mohammed, sei ja auch in Rawalpindi verhaftet worden, dem «Hauptquartier» des pakistanischen Militärs, sagt Quraishi. «Weil Informationen Pakistans und nicht der CIA die Verhaftung ermöglichten, wurde danach aber niemand beschuldigt.»

Es sei ausgeschlossen, dass Pakistan die Operation nicht mit den USA durchgeführt habe. Das US-Team habe sich vierzig Minuten auf pakistanischem Gebiet aufgehalten, habe aber keine Verstärkung gehabt, um allenfalls die pakistanische Armee abzuwehren. «Irgendeine Kooperation zwischen den USA und Pakistan muss stattgefunden haben.» Stärkstes Indiz dafür sei das Gebiet, in dem die Operation stattfand. «Das Gebiet ist hoch sensitiv, es hat dort wichtige nukleare Forschungsstätten.» Bei einem Angriff sei das Militär angehalten, die Anlagen zu verteidigen, so Quraishi. «Es ist völlig unplausibel, dass die USA in einem so sensiblen Gebiet ohne Vorwarnung operieren und es in Kauf nehmen, eine nukleare Reaktion zu provozieren.»

Gespräche über den Rückzug aus Afghanistan?

Dass die Regierung sich bis auf ein paar offizielle Statements nicht stärker äussert und ihre Rolle bei der Aktion gegen Bin Laden hervorhebt, werde mit der Angst vor Racheakten begründet, sagt Quraishi. Es habe aber wahrscheinlich noch weitere Gründe. «Trotz dem Kalten Krieg zwischen der CIA und dem pakistanischen Geheimdienst ISI laufen hinter den Kulissen Gespräche zwischen den Regierungen.» Thema sei der baldige Rückzug aus Afghanistan. Pakistan wolle dort eine grössere Rolle spielen. «Gut möglich, dass sie deswegen Barack Obama die ganzen Lorbeeren überlässt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2011, 19:03 Uhr

«In Pakistan herrscht vielerorts die Stammeskultur mit ihrer Rachetradition»: Ahmed Quraishi, Politanalyst in Islamabad.

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