Brutal billig

Bei T-Shirts für vier Franken kann etwas nicht stimmen. Trotzdem greifen alle zu. Junge Mädchen in Indien zahlen einen furchtbar hohen Preis dafür.

Erschöpfende Schichtarbeit ohne Ende, auch in der Nacht. In einer Textilfabrik in Coimbatore in Südindien arbeiten zahllose junge Frauen. Foto: Reuters

Erschöpfende Schichtarbeit ohne Ende, auch in der Nacht. In einer Textilfabrik in Coimbatore in Südindien arbeiten zahllose junge Frauen. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie eine glückliche Braut sieht Vanitha nicht aus. Im Gegenteil: Wenn die junge Frau im leuchtend türkisen Sari ­davon erzählt, was sie tun musste, um den in Indien üblichen Brautpreis zu ­erschuften, versagt ihr die Stimme. Die 27-Jährige bricht immer wieder in Tränen aus.

Glückliche Braut, auf Tamil übersetzt heisst das Sumangali. Dies ist der Name für ein perfides Ausbeutungssystem, das in Südindien, einem der grössten Textil­standorte der Welt, Arbeitsbedingungen verschleiern soll, die man getrost als moderne Sklaverei bezeichnen darf.

Vanitha war 14 Jahre alt, als sie dort hineingeriet – hinter die hohen Mauern von Textilfabriken und Baumwoll­spinnereien. Inzwischen ist Vanitha dem Sumangali-System entronnen. Ihr Fall ist aber nur ein Hoffnungsschimmer. Denn trotz des wachsenden Bewusstseins, dass da etwas nicht stimmen kann, wenn T-Shirts im Laden nur drei, vier Franken kosten, sind die Produktionsbedingungen hart und unmenschlich geblieben.

Das elende System überlebt

Trotz der internationalen Kritik an den verheerenden Zuständen überlebt das Sumangali-System, vor allem im Bundesstaat Tamil Nadu – obwohl es in ­Indien eigentlich gesetzlich verboten ist. Vanitha und ihre Freundinnen Deepika (25) und Anushia (26) haben unter dem System der «glücklichen Braut» furchtbar gelitten.

Die Frauen treffen sich gerade mit 30 anderen Leidensgenossinnen in einem Haus der lokalen Hilfsorganisation Care-T in Sulur. Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes unterstützt dieses Projekt schon seit Jahren: 40'000 Mädchen und junge Frauen konnten die ­indischen Sozialarbeiter bisher aus ­Sumangali-Verträgen befreien, ins­gesamt richtet sich die Initiative an 260'000 Mädchen im Textilgürtel.

Der Weg zu den Mädchen und ­Frauen, die «glückliche Bräute» werden sollten, führt vorbei an langen Fabriken mit ­vergitterten Fenstern. Hier und in der weiteren Umgebung von Coimbatore stehen allerorten abweisende Gebäude, der riesige Textilstandort wird deshalb auch «Manchester des Südens» genannt.

Das Tempo der Mode wird schneller, unter die Räder geraten die Menschen ganz am Anfang der Kette.

In den Baracken rattern und lärmen die Maschinen unablässig. Unter den Neonleuchten an den Decken tanzen ­feine Baumwollfasern dicht in der Luft, sogar auf der Strasse fällt das Atmen schwer. Der Zutritt zu den Fabriken ist streng verboten, die Manager wissen um die Kritik.

Der Bedarf an Arbeitskräften ist riesig. Im südindischen Bundesstaat ­Tamil Nadu arbeiten 2,2 Millionen Menschen in der Textilindustrie, von Sumangali betroffen sind geschätzt 300'000 Mädchen und Frauen. Die Fabrikmanager konkurrieren darum, Arbeitskräfte zu finden, die möglichst lange bei ihnen arbeiten, ohne aufzumucken, ohne zum Beispiel Doppelschichten zu verweigern.

Die idealen Opfer

Mädchen, die in der indischen Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts ­unfassbar gering geschätzt werden, sind ideale Opfer – weil sie und ihre ­Familien vom Geld abhängig sind, weil sie ihre Rechte nicht kennen und weil im Dorf der Druck gross ist, dass die Tochter früh genug mit ausreichend Bargeld und Schmuck verheiratet wird.

Die Anwerber gehen gezielt in sehr arme Regionen. Hier locken sie die ­Mädchen mit falschen Versprechungen in illegale Verträge. Drei bis fünf Jahre müssen sie sich verpflichten. Sie müssen Doppelschichten leisten, haben ein hohes Unfallrisiko, keine medizinische Versorgung, schlafen direkt auf dem ­Fabrikgelände. Am Ende der drei Jahre zahlt die Fabrik das «Brautgeld».

Bei Vanitha waren es nach drei Jahren 30'000 indische Rupien. Umgerechnet sind dies etwa 400 Franken. ­Vanitha erzählt: «Ich habe in einer Spinnerei nahe Tirupur gearbeitet. Eine Schicht hat acht Stunden gedauert. Wenn ein anderes Mädchen krank war, musste ich die nächste Schicht machen. Ich konnte mich nicht weigern, der Aufseher hat nicht akzeptiert, dass ich müde war.»

«Die Mädchen sind eingesperrt, dem Willen der Fabrikmanager ausgeliefert, sie werden misshandelt und oft sexuell missbraucht.»S. M. Prtihiviraj, Direktor Care-T

Für eine Schicht erhielt das Mädchen, das aus den Bergen von Valparai kommt, 100 Rupien, etwa 1,40 Franken. Am Ende des Monats wurden ihr 3000 Rupien ausgezahlt, umgerechnet etwa 40 Franken. Die Hälfte davon wiederum wurde abgezogen für Unterkunft und Essen. «Das Essen war sehr schlecht, oft waren Würmer drin», sagt Vanitha. Obwohl sie furchtbares Heimweh hatte, durfte sie nur einmal im Monat mit den Eltern telefonieren.

«Die Mädchen sind eingesperrt, dem Willen der Fabrikmanager ausgeliefert, sie werden misshandelt und oft sexuell missbraucht», sagt S. M. Prtihiviraj, ­Direktor der Organisation Care-T. ­Regelmässig kommen in das Büro ­seiner Organisation Trost suchende Eltern von Mädchen, die sich umgebracht haben, weil sie an der Situation in den Fabriken verzweifelt waren.

Weil Vanithas Eltern und ihre vier jüngeren Geschwister dringend das Geld aus der Baumwollspinnerei brauchten, hielt sie es mit Mühe und Not noch ­weitere zwei Jahre dort aus. Irgendwann konnte sie nicht mehr. «Ich bin heimlich über die Mauer gestiegen und nach Hause geflüchtet.» Mehr kann und möchte sie darüber nicht erzählen, sie verstummt und sinkt zusammen.

Die indische Mitarbeiterin von Terre des Hommes erzählt weiter: «Das Dorf hat sie nicht respektiert. 17 Jahre alt, kein Job, nicht verheiratet. Vanitha musste nach den harten Jahren in der Fabrik schon wieder Druck und Beschimpfungen über sich ergehen lassen.» In ­dieser Situation fanden sie die Sozialarbeiter von Care-T, überzeugten die Eltern, das Mädchen eine Ausbildung in einer Computerschule machen zu lassen. Es war eine zähe Überzeugungsarbeit. Vanitha arbeitet nun in einer Bank, ist stolz darauf, eigenes Geld zu verdienen.

Schwesternschicksale

Anushia ist ebenfalls ein Fall von Sumangali. Auch sie kommt aus einem ­armen Dorf, oben in den Nilgiri-Bergen. «Ich habe zwei Schwestern. Drei Mädchen – das ist ein grosses Problem für meine Eltern. Wir sind alle ins Tal in eine Textil­fabrik ­gegangen», sagt sie der ­Dolmetscherin. Anushia und ihre Schwestern mussten ausschliesslich Nachtschichten übernehmen, die Jüngere verkraftete das nicht. Sie wurde ­immer wieder krank.

Nach einem Jahr durften die Mädchen erstmals für eine Woche Urlaub wieder nach Hause zu den Eltern. Die kleine Schwester wollte auf keinen Fall mehr zurück. Anushia rang sich durch, arbeitete insgesamt drei Jahre.

Sie will nicht darüber reden, was sie alles ­erleben musste. Nur so viel: dass eine Freundin auf dem Gelände von ­Betrunkenen belästigt und ihr die ­Kleidung weggerissen wurde. Dann ­verstummt Anushia.

Kleine Erfolge

Eine Schwester arbeitet immer noch in der Region Tirupur in einer Textil­fabrik. Anushia hingegen fand durch viel Glück in ein Ausbildungsprogramm von Care-T und dem Netzwerk TFP. Sie liess sich zur Schneiderin ausbilden und hält nun stolz ein besticktes Oberteil hoch. «Ich benötige dafür fünf Stunden und verdiene so 750 Rupien. Davon kann ich leben», sagt sie.

Es sind dies die kleinen Erfolge, die die Mitarbeiter von Terre des Hommes bestärken, dranzubleiben. Derzeit fördert die Organisation ein Programm mit einem Gesamtvolumen von zwei Millionen Euro. Es wird weitgehend vom ­deutschen Bundesministerium für ­wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und vom Textilunternehmen C&A kofinanziert. Es richtet sich an Mädchen und Frauen zwischen 13 und 25 Jahren: ­Ausgebeutete, die aus dem ­Sumangali-System ausbrechen möchten, erhalten eine Berufsausbildung. ­Familien werden über die wahren Arbeitsbedingungen in den Fabriken aufgeklärt, Mädchen über ihre Rechte.

Denn hier in Coimbatore kommt eine ungute Melange zusammen. Die Gier der reichen westlichen Welt nach möglichst vielen billigen Kleidungsstücken trifft auf: gnadenlose Armut, rechtlose Frauen, sozialen Druck durch ein ungerechtes Kastensystem.

Ware für den Schrank

Bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr produzieren die grossen Modeketten ­inzwischen, nur 14 Tage benötigen sie, um eine neue Kollektion auf den Markt zu bringen. Das Tempo wird schneller, unter die Räder geraten die Menschen ganz am Anfang der Kette.

Das vergisst, wer ein sogenanntes Schnäppchen in seiner Lieblingsboutique ­hängen sieht. Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke kauft jeder Mensch in Westeuropa pro Jahr. 40 Prozent ­davon, das hat Greenpeace errechnet, werden niemals getragen, die Ware bleibt im Schrank hängen.

Nicht nur da verlieren die ­Kunden schnell die Übersicht.

Erstellt: 24.01.2020, 20:57 Uhr

Mode fair einkaufen

Es gibt zahlreiche Labels, mit denen Kleider aus fairer Produktion gekenn­zeichnet werden: GOTS (Bio-Baumwolle), Max Havelaar (Fair-Trade-Baumwolle), Öko-Tex 100 (Schadstofffreiheit). Ausserdem haben Anbieter firmeneigene Labels entwickelt wie Migros Eco, Conscious Collection von H&M. Laut der Schweizer Menschenrechtsorganisation Public Eye lohnt es sich, auf die Labels zu achten. Es gibt aber auch zahlreiche Modefirmen, die auch ohne Label verantwortlich handeln. Public Eye empfiehlt daher, sich beim Kleiderkonsum vor allem grund­sätzlichere Fragen zu stellen und sich kritisch mit dem eigenen Einkaufs­verhalten auseinanderzusetzen. (red)

Artikel zum Thema

Wie unsere Kleidung die Umwelt belastet

Video Die Textilindustrie verursacht mehr Treibhausgase als Flug- und der Schiffsverkehr zusammen. Mehr...

Saubere Kleider, reines Gewissen

Weniger wegwerfen, richtig einkaufen – mit diesen Tipps wird Ihre Garderobe nachhaltig. Mehr...

Geben wir uns beim Kleiderkauf einen Ruck

Analyse Ökomode ist hässlich und zu teuer? Nein. Es ist die Macht der Gewohnheit, die uns davon abhält, nachhaltige Kleidung zu kaufen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...