China schiesst einen Palast ins All

Heute bringt eine Rakete das erste Modul einer chinesischen Raumstation in die Umlaufbahn. Dabei geht es Peking nicht nur um Prestige, sondern auch um Geld und Macht.

Prestigeprojekt: Im Jiuquan Satellite Launch Center wird heute das erste Modul einer chinesischen Raumstation in die Umlaufbahn gebracht.

Prestigeprojekt: Im Jiuquan Satellite Launch Center wird heute das erste Modul einer chinesischen Raumstation in die Umlaufbahn gebracht. Bild: Reuters

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Zwischen 21.15 und 21.30 Uhr Ortszeit soll heute das Weltraummodul Tiangong 1, übersetzt Himmelspalast, mit der Trägerrakete Langer Marsch 2F ins All befördert werden. Der Start der Rakete ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer eigenen Raumstation – und ein Meilenstein eines ehrgeizigen Raumfahrtprogramms, das die kommunistische Führung in Peking systematisch und unter dem Einsatz gewaltiger Ressourcen vorantreibt. In einer Zeit, in der die USA ihre bemannten Weltraumflüge eingestellt haben, entwickelt sich in Asien gerade ein neues Wettrennen zwischen Indien, Japan und China.

Peking hat den Aufbau einer permanenten und bemannten Präsenz im All zu einem seiner Entwicklungsziele erklärt. Es verfolgt dieses Ziel trotz seiner relativen technischen Rückständigkeit gegenüber den etablierten Raumfahrtnationen USA und Russland mit grosser Hartnäckigkeit. «Die Chinesen und die Amerikaner sind ein bisschen wie die Schildkröte und der Hase in einer bekannten Fabel», sagt Joan Johnson-Freese, Expertin für Chinas Raumfahrtprogramm am US Naval War College. «Die Chinesen kriechen langsam voran, starten alle paar Jahre eine Rakete. Die Amerikaner sprinten, aber sie sind nicht ausdauernd.» Dem Himmelspalast soll spätestens bis zum Jahr 2020 eine mit Chinesen bemannte komplette Raumstation folgen. Das Jahr für dieses Etappenziel ist nicht zufällig gewählt: Dann soll die Internationale Raumstation (ISS) ausgemustert werden.

Kosten bleiben geheim

Anders als die Regierungen in den USA oder Russland müssen sich Chinas politische Führer gegenüber ihren Bürgern nicht für die Kosten dieses ehrgeizigen Projekts rechtfertigen. Die Volksbefreiungsarmee ist federführend, die genauen Kosten werden geheim gehalten, und der patriotische Zweck heiligt jedes Mittel. Hier und da werden Budgetzahlen in der Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro pro Jahr für das zivile Raumfahrtprogramm veröffentlicht, doch die meisten Experten schätzen die wahren Kosten auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr.

Wie wichtig eine starke Präsenz im All im Falle eines künftigen Krieges wäre, hat sich auch in China herumgesprochen. «Raketen und Trägersysteme für Raumfahrtstarts sind strategische Dual-Use-Güter, die sowohl von zivilen wie von militärischen Interessengruppen genutzt werden können», schreibt Michael Raska, ein Kenner des chinesischen Raumfahrtprogramms an der Lee Kuan Yew School of Public Policy in Singapur. Eine klare Trennung der beiden Bereiche gibt es nicht. Chinas Raumfahrtprogramm, das auch mit dem Start von zivilen Satelliten Geld verdient, untersteht der Generalabteilung für Bewaffnung der Volksbefreiungsarmee. Aus ähnlichen militärischen und zivilen Gründen baut Peking ein eigenes Netz von Kommunikationssatelliten auf und übt den Abschuss «feindlicher» Satelliten im Weltall.

Zudem hofft die Kommunistische Partei auf den Imagegewinn durch künftige Fernsehbilder von schwerelos schwebenden Taikonauten, wie Chinas Astronauten nach dem chinesischen Wort für das All (Taikong) genannt werden. «Umfassende nationale Stärke» signalisiere Chinas Raumfahrtprogramm, sagt Ouyang Ziyuan, ein Raumfahrtexperte an der Akademie der Sozialwissenschaften in Peking.

Bald eine bewohnte Raumstation

Sobald der erste Himmelspalast tatsächlich am Himmel schwebt, soll mit Shenzhou 8, dem Magischen Schiff 8, ein Raumschiff folgen, das zunächst unbemannte, ferngesteuerte Andockmanöver üben soll. In absehbarer Zukunft sollen dann die ersten Taikonauten in der Raumstation wohnen. Bisher war davon die Rede, dass schon 2012 die ersten Besuche der rudimentären Raumstation beginnen sollen, doch das ist nicht mehr so sicher. Wenn es aber eines Tages soweit ist, dann wäre China in näherer Zukunft die einzige Nation mit einem bemannten Posten im All.

Seit die Nasa ihre Shuttle-Flüge vor kurzem eingestellt hat, müssen US-Astronauten, die zur Internationalen Raumfahrtstation reisen wollen, mit einer russischen Sojus-Rakete hinaufgeschossen werden. Die Russen berechnen der Nasa dafür laut Presseberichten 63 Millionen Dollar pro Ticket. Amerikas Astronauten haben begonnen, Russisch zu lernen, damit sie mit den Kosmonauten kommunizieren können. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sie auch Chinesisch lernen.

Wie ernst es Peking mit seinen Plänen meint, hat es kürzlich mit dem Baubeginn seines vierten Raumfahrtbahnhofs bewiesen. Im September 2009 wurde der Grundstein für das neue Zentrum namens Wenchang auf der südchinesischen Insel Hainan gelegt. Ab 2013 oder 2014 sollen dann schwere Bestandteile der geplanten Raumstation mit neuen Raketen vom Typ Langer Marsch 5 ins All befördert werden, von dieser näher am Äquator gelegenen und daher besser geeigneten Abschussrampe.

Rote Flagge auf dem Mond

Die politische Führung in Peking kümmert es wenig, dass sie mit ihren bemannten Weltraumflügen eine technologische Fähigkeit imitiert, die von den USA und von Russland wieder eingestellt worden ist, weil sie zu teuer ist und relativ wenig wissenschaftliche Erkenntnisse bringt. 2003 wurde China die dritte Nation, die einen Menschen ins All geschossen hat, bis jetzt waren insgesamt sechs Chinesen im All. Im September 2008 wurde der Taikonaut Zhai Zhigang der erste Chinese, der seine Raumkapsel verliess und im Weltraum schwebte. Bis 2020 soll ein Chinese auf dem Mond spazieren gehen. Es ist klar, das eine kommunistische Flagge auf dem Mond ein starkes Signal an die Adresse der Amerikaner wäre, die sich gerade aus Kostengründen aus dem All zurückziehen müssen.

Vor allem zwischen China und Indien, den beiden Grossmächten in Asien, ist inzwischen ein kleines Wettrennen im All entbrannt. Die Inder werden zwar wohl erst 2016 zum ersten Mal einen Landsmann in den Weltraum schicken können. Immerhin haben sie schon einen Affen, Hunde, einen Hasen und eine Schlange schweben lassen, ähnlich wie die Chinesen. Und 2008 umrundeten die Inder mit ihrer Chandrayan Pratham-Sonde den Mond. In einem nächsten Schritt planen sie, ein ferngesteuertes Mondmobil zu landen. Laut Analysten hat Indien seine Ausgaben für Weltraumforschung in den vergangenen fünf Jahren auf rund 1,3 Milliarden Dollar verdoppelt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2011, 08:29 Uhr

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Die chinesische Raumstation

Die chinesische Raumstation Das Modul Tiangong-1 soll den Bau einer grösseren Raumstation vorbereiten.

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