Hintergrund

China vs. USA

China nähert sich im Pazifikraum der militärischen Stärke der USA an, so ein US-Thinktank. Doch was bedeutet das? Sechs Szenarien – und ihr Gefahrenpotenzial für die Zukunft.

Machen den USA ihre Vormacht im Pazifik streitig: Chinesische U-Boote und Kriegsschiffe bei einer Feier zum 60. Geburtstag der Streitkräfte. (23. April 2009)

Machen den USA ihre Vormacht im Pazifik streitig: Chinesische U-Boote und Kriegsschiffe bei einer Feier zum 60. Geburtstag der Streitkräfte. (23. April 2009) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wird die Volksrepublik im Konflikt mit Taiwan oder im Inselstreit mit Japan am Ende zu den Waffen greifen? Oder können die USA ihre Vormacht im Pazifikraum doch behalten? Der US-amerikanische Thinktank Carnegie Endowment for International Peace ist in einer letzte Woche veröffentlichten Studie auf diese Fragen eingegangen. «Die USA behaupten dies (dass sie die Vormacht behalten, Anm. der Redaktion), aber ob sie dies tatsächlich können, ist nicht gänzlich sicher», kommentierte Co-Studienautor Michael Swaine laut der «New York Times» die Befunde der Studienautoren.

Insgesamt haben die Experten des Thinktanks sechs Szenarien für das Jahr 2030 entworfen und deren Wahrscheinlichkeit beurteilt:

  • Szenario 1: «Erodierende Balance»: Sowohl China als auch die USA profitieren von der wirtschaftlichen Entwicklung und können entsprechend ihre Rüstungsausgaben hoch halten oder noch steigern. Japan steigert gleichzeitig seine Verteidigungsausgaben. Gleichzeitig befördert die wirtschaftliche Entwicklung auch die Verflechtungen zwischen China und Japan, was die beiden Länder auch auf politischer Ebene zur Kooperation zwingt. In der Folge ist die Bereitschaft zu einer militärischen Eskalation auf beiden Seiten gering. Allerdings wächst durch die steigende chinesische Militärpräsenz die Gefahr von Spannungen und Zwischenfällen. Dieses Szenario hält die Studie für eines der beiden wahrscheinlichsten.

  • Szenario 2: «Begrenzter Konflikt»: Die Wirtschaft in den USA wächst schwach, jene in China hingegen stark. In der Folge baut China seine militärische Präsenz im Pazifik stark aus, während die USA an Ort treten. Dadurch büssen die USA einen Teil ihrer militärischen Überlegenheit ein. Infolgedessen könnte Japan versucht sein, die heute in der Verfassung festgeschriebene Beschränkung der Bewaffnung zu ignorieren und selber aufzurüsten. Dieses Szenario hält die Studie für ebenso wahrscheinlich wie das erste – und gleichzeitig für eines der «unstabilsten», weil die amerikanisch-japanische Allianz ihre abschreckende Wirkung im Taiwan-Konflikt teilweise einbüssen würde und auch andere südostasiatische Nationen wie Indonesien destabilisiert werden könnten. Allerdings: Auch hier geht die Studie davon aus, dass die Interessen für eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit überwiegen.

  • Szenario 3: «Abgeschwächter Konflikt»: Das Wirtschaftswachstum in China schwächt sich deutlich ab. Während die sozialen Spannungen im Land zunehmen, kann die chinesische Regierung ihre militärische Präsenz im Pazifischen Ozean nicht gross ausbauen. Die USA können hingegen dank mittlerem Wachstum ihre Vormacht aufrechterhalten. In der Folge könnte sich die chinesische Regierung auf die Innenpolitik konzentrieren und gegen aussen auf Kooperation setzen. Dieses Szenario hält die Studie für weniger wahrscheinlich als die ersten zwei.

  • Szenario 4: «Kalter Krieg in Asien»: Für noch weniger wahrscheinlich hält die Studie einen veritablen Kalten Krieg. China kann von hohem Wirtschaftswachstum profitieren und aufrüsten. Eine ultranationalistische Regierung kommt in China an die Macht und demonstriert die Bereitschaft, das militärische Arsenal einzusetzen. In der Folge erhalten nationalistische Tendenzen ebenfalls in Japan und vielleicht auch in Washington Einzug. Weil die Wirtschaft auch in Japan und den USA wächst, kann auch diese Seite aufrüsten. Eine Taiwan-Krise oder die Destabilisierung südostasiatischer Länder ist nicht ausgeschlossen.

  • Szenario 5: «Sino-zentrisches Asien»: Die US-amerikanische Wirtschaft stürzt in eine schwere Krise. Der innenpolitische Druck zum Rückzug aus Übersee wächst. Während in China eine nicht nationalistische Regierung an der Macht ist oder ein niedriges Wirtschaftswachstum die Lust auf militärische Abenteuer bremst, entspannen sich die Konflikte um Taiwan und Korea. Die Länder der Region arrangieren sich mittelfristig miteinander – ohne grossen Einbezug der USA. Dieses Szenario erachten die Studienautoren allerdings als sehr unwahrscheinlich.

  • Szenario 6: «Sino-japanische Rivalität»: Dieses Szenario geht ebenfalls von einem Rückzug der USA aus. Eine ultranationalistische chinesische Regierung nützt diesen aber aus, um den Druck auf Japan zu erhöhen. Sie erhöht die militärische Schlagkraft so weit wie möglich, um Japan ohne Gewaltanwendung einzuschüchtern. Unter dem Eindruck dieser Bedrohung beschliesst Japan, sich nuklear zu bewaffnen. Schwere Krisen sind nicht ausgeschlossen – zweifellos das düsterste Szenario. Allerdings bezeichnen es die Studienautoren als «extrem unwahrscheinlich».

Asien zur Top-Priorität erklärt

In der Tat zeichnet sich ein Rückzug der USA aus der Region heute keineswegs ab. 2011 hatte US-Präsident Barack Obama Asien sogar zur Top-Priorität der US-amerikanischen Aussenpolitik erklärt, und Anfang dieses Jahres beteuerten Vertreter der US-Behörden, daran habe sich nichts geändert.

Dabei setzen die USA offensichtlich auch auf die Beteiligung weiterer Staaten. So hat Australien kürzlich nicht nur in die Stationierung von 2500 US-Marines im nordaustralischen Darwin eingewilligt, sondern auch hundert Exemplare des Tarnkappenkampfjets F-35 bestellt.

Generalstabschef provoziert

Insgesamt kommt die Studie des Thinktanks zum Schluss, dass sich China in absehbarer Zukunft nicht zum globalen Rivalen der USA entwickeln, sondern sich eher als regionale Macht auf die Grenzstreitigkeiten mit seinen Nachbarn fokussieren werde.

Diesen lokalen Machtanspruch bekam auch der US-amerikanische Generalstabschef Martin Dempsey zu spüren, als er am 23. April in Peking zu Besuch weilte. Dempsey wurde zwar die Ehre zuteil, vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping persönlich empfangen zu werden. Gleichzeitig musste der höchste Militär der USA aber eine heftige Provokation über sich ergehen lassen: Am selben Tag entsandte China acht Schiffe und vierzig Kampfflugzeuge zu den umstrittenen Senkaku- oder Diaoyu-Inseln nahe Taiwan, die sich unter japanischer Kontrolle befinden, aber auch von China beansprucht werden. (mw)

Erstellt: 06.05.2013, 13:02 Uhr

Bildstrecke

Chinas Waffensysteme – Kopie und Original

Chinas Waffensysteme – Kopie und Original Die von China als Eigenentwicklungen verkauften Waffensysteme ähneln laut Medienberichten westlichen Vorbildern.

Bildstrecke

Shi Lang: Der erste Flugzeugträger Chinas

Shi Lang: Der erste Flugzeugträger Chinas Während vielen Jahre hat China einen Flugzeugträger aus der Ukraine aufgerüstet. Nun geht das Schiff namens Shi Lang in Betrieb.

Artikel zum Thema

Indien und China einigen sich friedlich

Delhi und Peking ziehen ihre Truppen aus der umstrittenen Himalaja-Region ab. Das könnte das Ende des jahrzehntelangen Grenzstreits zwischen den zwei asiatischen Atommächten sein. Mehr...

Japans Ministerpräsident kritisiert China

Der Einsatz eines Feuerleitradars sei «ein einseitiges, provokatives Vorgehen» Chinas gewesen, sagte der japanische Premier Shinzo Abe. Der Inselstreit zwischen den zwei Staaten spitzt sich zu. Mehr...

China soll japanisches Schiff ins Visier genommen haben

Die chinesische Küstenwache soll mit einem «Radar zum gezielten Abschuss» operiert haben. Der Vorfall löst im Inselstreit neue Spannungen aus. Jetzt wurde der chinesische Botschafter einberufen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...