Chinesen sollen Kartoffelesser werden

Chinas kommunistische Führung will das Volk umerziehen – aus Angst vor einer Nahrungsknappheit. Auf dem Teller sollen kein Reis und Nudeln mehr landen, sondern Kartoffeln.

Süsskartoffeln für das Volk: Ein Händler arrangiert auf einem Markt in Peking seine Ware. Foto: Sheng Li (Reuters)

Süsskartoffeln für das Volk: Ein Händler arrangiert auf einem Markt in Peking seine Ware. Foto: Sheng Li (Reuters)

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Es ist nicht so, dass die Chinesen nur Reis essen. Im Gegenteil. Dieses Volk ist in seinen nördlichen Gefilden nicht nur ein grosser Liebhaber, sondern auch ein noch grösserer Meister der Nudelküche. In Provinzen wie Shanxi und Shaanxi, und überhaupt in sämtlichen Gegenden Richtung Seidenstrasse wird der Nudelteig mit einer solchen Leidenschaft geschlagen, geknetet, gezogen und gewirbelt, dass einem schwindlig wird und selbst durchreisenden Italienern das Gerücht einleuchtet, wonach Marco Polo die Nudel einst den Chinesen raubte und den seinen zur Nachahmung servierte. Nur mit der Kartoffel wollten sich die Chinesen nie so richtig anfreunden. Da fremdeln sie bis heute.

An der fehlenden Neugier kann es nicht liegen. Dass der Bauer nicht frisst, was er nicht kennt, mag für die Schweiz gelten – die chinesischen Bauern empfingen meist mit offenen Armen, was der Zeitgeist und der Weltenwind bei ihnen auf dem Acker abluden. Das gebot allein schon der Hunger, der sie über die Jahrtausende regelmässig heimsuchte, dass sie dankbar alles assen, was sie in die Finger bekamen. Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts die beginnende Globalisierung in Gestalt portugiesischer Handelsschiffe die Früchte der Neuen Welt nach China trugen, da fanden mit der gewöhnlichen Speisekartoffel auch die Süsskartoffel, der Mais, die Erdnuss und der Chili Eingang in die chinesische Küche. Bemerkenswerterweise machten sie dort alle eine solch steile Karriere, dass sie in vielen Regionen bald kaum mehr aus dem Speiseplan wegzudenken waren. Bis auf die Kartoffel.

Die beschied sich mit einer Randexistenz. Mancherorts brachte sie es zu einer gewissen Lokalprominenz – in jenen rauen Gegenden des Nordens etwa, in deren Böden einfach nichts anderes wuchs. Oder in den Randprovinzen Sichuan und Yunnan, wo französische Missionare im 18. und 19. Jahrhundert den katholischen Glauben einzupflanzen suchten, am Ende aber vor allem die Kartoffel hinterliessen. Dort findet man noch heute einige der interessantesten Kartoffelgerichte: fantastievoll zubereiteten Kartoffelbrei, mal gemischt mit Tomate, Knoblauch und Chili, mal gewürzt mit dem Eigelb eines gesalzenen Enteneis. Oder jene im Wok kunstvoll zum knusprigen Fladen gebratenen Kartoffelschnitze, von Rösti kaum zu unterscheiden. Im Rest des Landes aber ist sie eher der Farbtupfer auf der Speisekarte, den auch keiner vermisst, wenn er fehlt.

Strategische Knolle

Vor allem ist die Kartoffel in China eines nicht: Sättigungsbeilage und Grundnahrungsmittel. Überall in China trägt sie einen anderen Namen – etwa «Erdei» in Shandong oder «Überseeknolle» im Nordwesten. Landesweit durchgesetzt haben sich die Begriffe «Erdbohne», «tudou», und «Pferdeglockenknolle», «malingshu». Aber wie auch immer sie heisst: Für Chinesen ist sie bis heute eine Gemüsebeilage. Und egal, ob als Rösti oder Brei – es wird natürlich stets noch Reis dazu gegessen. Die Kartoffel spielt also bislang in einer völlig anderen Liga als der Reis, die Nudel und auch der Mais, der vielerorts zu gedämpften Brötchen verarbeitet wird.

Genau das soll sich nun ändern: Chinas Regierung hat die Kartoffel als strategische Knolle entdeckt und vor ein paar Tagen – nicht zum ersten Mal – eine Kartoffeloffensive ausgerufen. Das Ziel ist ehrgeizig: Die Chinesen sollen Kartoffelesser werden. Die Kartoffel soll diesem Volk endlich Grundnahrungsmittel werden. Und egal, ob man diesen Schritt nun aus kulinarischer Sicht als Beförderung oder als Degradierung wertet: Es wäre nicht weniger als eine kleine kulturelle Revolution. Eine Umsetzung der Regierungspläne hiesse, dass die Anbaufläche für Kartoffeln in China sich von momentan 5,3 Millionen Hektaren demnächst verdoppelte. Gleichzeitig soll sich der Ertrag pro Hektar ebenfalls verdoppeln: auf dann 30 Tonnen.

Wenig Ackerland, wenig Wasser

Peking hat seine Gründe. China muss ein Fünftel der Weltbevölkerung ernähren mit nur einem Zehntel des weltweit verfügbaren Ackerlandes. Und die Bevölkerung wächst. Schätzungen zufolge muss China bis 2030 – dann soll es 1,5 Milliarden Chinesen geben – 100 Millionen Tonnen Nahrung zusätzlich im Jahr produzieren. Gleichzeitig lässt die rasante Urbanisierung des Landes das Ackerland schrumpfen. Und Wasser hat China schon heute viel zu wenig. Reis und Weizen aber brauchen Wasser, viel mehr als die Kartoffel, die gleichzeitig noch mehr Kalorien pro Hektar abwirft.

Das Landwirtschaftsministerium schwärmt dem Land nun vor von der Knolle, die auch in den kärgsten Böden des Nordens wachse und die sich in den Reisfeldern des Südens zwischen zwei Pflanzzyklen als Zusatzernte einschieben lasse. Die Staatsmedien flankieren die Offensive mit farbiger Kartoffelpropaganda: leicht anzubauen, gut zu lagern, wohlschmeckend und ein Schlankmacher dazu. Der Staatssender CCTV wartete mit neuen Rezepten auf, statt «Gongbao-Hühnchen» gabs dort diese Woche «Gongbao-Kartoffel», ansonsten wie gewohnt mit getrockneten Chilis und Erdnüssen. Die Pekinger Morgenzeitung liess sich von einer Kartoffel die Überschrift diktieren: «Als Grundnahrungsmittel bin ich echt toll.» Und die Chengduer Abendzeitung wartete mit der guten Nachricht auf: Der regelmässige Genuss der Kartoffel beuge nicht nur dem Bluthochdruck vor, man könne sich mit gekochten Kartoffelscheiben sogar seine Tränensäcke schönschmirgeln.

Produziert zu viele Gase

Obs klappt? Mit der Einstufung als Grundnahrungsmittel durch die Regierung käme die Kartoffel in den Vorzug diverser Marktprivilegien. Trotzdem bleiben einige skeptisch. Erstaunlicherweise sogar die Kartoffelbauern selbst. In Hebei im Kreis Wenchang sagt Kartoffelbauer Qu gar, wenn der Staat wirklich den Kartoffelanbau wie geplant ausweite, dann werde er aussteigen: «Die Preise sind am Boden. Es gibt jetzt schon ein Überangebot. Wir verdienen kaum etwas», sagte er Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Es fehlt also noch an der Nachfrage. In Chinas sozialen Medien machen sich viele lustig über den Vorstoss. Ein Nutzer argumentierte, die Kartoffel sei schlecht zu verdauen und produziere zu viele Gase. Seine Schlussfolgerung: «Verhindert die Eroberung der Menschheit durch die Kartoffel.»

Auch die Regierung selbst hat so ihre Zweifel, ob sie ihre Bürger wirklich zum «direkten» Kartoffelkonsum verführen kann. Der Direktor der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Xu Shaoshi, erklärte deshalb, man werde all die zusätzlichen Kartoffeln wohl weiterverarbeiten – zu gedämpften Brötchen und Nudeln etwa, sie also erst einmal quasi in Verkleidung dem Volk unterschieben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2015, 23:26 Uhr

Rösti Chinoise

Zwei Kartoffelgerichte aus China

In der Küche der Südwestprovinz Yunnan sind Kartoffelgerichte weiter verbreitet als im Rest des Landes. Dort findet man auch die «Yunnan-Rösti» (Ganbei yangyusi), die einfach zu machen ist: Zwei mittelgrosse Kartoffeln werden mit dem Messer in feine Streifen geschnitten, dann in einer Schüssel mit etwas Salz und zwei oder drei klein gehackten getrockneten Chilischoten vermengt. Im Wok erhitzt man ein paar Esslöffel Öl, dann gibt man die Kartoffelstreifen dazu und presst sie zu einem dünnen Kuchen. Bei nicht zu grosser Hitze auf der einen Seite knusprig bräunen, dann umdrehen und die andere Seite bräunen. Kann man mit Frühlingszwiebeln und Sojasosse servieren.

Etwas aufwendiger sind die «Oma-Kartoffeln» (Laonai yangyu), ein pikantes Zwischending zwischen Bratkartoffeln und Kartoffelstock. Sie heissen so, weil man eigentlich keine Zähne mehr braucht, um sie zu essen.

Zutaten (für 2 bis 3 Personen)

1 Pfund Kartoffeln
4 Knoblauchzehen, zerquetscht
3–4 ganze getrocknete Chilischoten,
2 Frühlingszwiebeln, in Rädchen geschnitten
wenn greifbar ein Büschel Fenchelkraut
Salz sowie zwei Teelöffel chinesische Chilipaste (z.B. Doubanjiang)

Kartoffeln in Stückchen schneiden, 10 Min. in Wasser kochen, abtropfen lassen. Mit einem Stampfer die Kartoffeln je nach Wunsch zermatschen, bis es von der Konsistenz her ein Zwischending zwischen Bratkartoffeln und Kartoffelbrei ist. Es sollten noch feste Stückchen spürbar sein. Öl im Wok erhitzen, Knoblauch und Chilis kurz darin schwenken, der Knoblauch soll nicht braun werden. Frühlingszwiebeln, Fenchelkraut, Chilipaste und Salz dazu, vermischen. Kartoffeln rein, rühren, bis alles vermengt und heiss ist. (kas)

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