«Das ist absolut utopisch»

Sebastian Pflugbeil ist Physiker, war DDR-Minister und stand einst im Tschernobyl-Sarkophag. Mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht er über «Sprachmanöver» der japanischen AKW-Betreiberin. Und über die Angst, Klartext zu reden.

Sagt nicht die ganze Wahrheit: Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata.

Sagt nicht die ganze Wahrheit: Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata. Bild: Reuters

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Herr Pflugbeil, die Betreiberin des AKW Fukushima erklärt, «einige» der Evakuierten könnten nie mehr in ihre Häuser zurückkehren. Kann man daraus schliessen, dass von den 80'000 die meisten irgendwann zurückkehren können?
Nach den Erfahrungen von Tschernobyl ist das absolut utopisch. Und auch die jüngsten Messwerte der IAEA lassen eine Rückkehr dieser 80'000 Menschen als wenig wahrscheinlich erscheinen.

Warum denn diese Wortwahl?
Ich befürchte, dass das ein Sprachmanöver ist, um die Leute über Monate hinweg ruhig zu halten. Nein, die Rückkehr der Evakuierten in ihre Häuser halte ich für wenig wahrscheinlich.

Greenpeace hat schon vor drei Wochen eine Ausweitung der Evakuierungszone auf 40 Kilometer vorgeschlagen. Muss der Kreis weiter gezogen werden?
Ich würde das schon so sehen. Amerikanische Experten hatten gar von einer Ausweitung auf 80 Kilometer gesprochen. In diese Richtung müsste man eigentlich gehen.

Was spricht dafür?
Die IAEA hat bis zu 60 Kilometern Distanz zu Fukushima Strahlenwerte gemessen, die den mittleren Werten in der Sperrzone von Tschernobyl entsprechen. Und bis jetzt hat die Organisation dies nicht zurückgenommen.

Warum wird die Evakuierungszone nicht erweitert?
Das ist ein riesiges logistisches, humanitäres und psychologisches Problem. Wenn man den Evakuierungskreis erweitert, kommt man schnell in einen Bereich, wo eine Million Menschen betroffen ist. Diese Leute müssten untergebracht und verpflegt werden. Das ist praktisch nicht machbar, weil man schlicht nicht weiss, wie das geschehen soll. Zumindest mit Kindern würde ich da sofort wegziehen. Aber das kann man ja nicht gleichzeitig einer Million Menschen sagen.

Sie glauben, die Regierung hat Angst, Klartext zu reden?
Alle haben Angst, Klartext zu reden. Aber daran führt kein Weg vorbei. Die Leute müssen wissen, was dort passiert.

Viele Menschen werden sich dagegen wehren, umgesiedelt zu werden.
Da liegt ein grosses Problem. Hierzu gibt es keine demokratische Entscheidung. Wenn man einen Beschluss gefasst hat, muss das militärisch durchgezogen werden. Das war natürlich in Staaten wie der Ukraine und Weissrussland einfacher, wo die Menschen in streng hierarchischen Strukturen lebten. Damals fuhren die Busse vor, packten die Leute rein und fuhren weg.

In Tschernobyl musste es wegen des Brandes im Atomkraftwerk auch besonders schnell gehen.
Ja, die Geschwindigkeit ist ein entscheidender Unterschied. In Japan passiert das stückweise. Aber nochmals: Was jetzt schon an Wissen vorliegt, genügt, das etwas getan werden muss. Dass man die Sache in Fukushima in einigen Monaten im Griff haben wird, das ist ein frommer Wunsch. Mit den vier Blöcken ist viel mehr radioaktives Potenzial vorhanden als in Tschernobyl. Und nach Lehrbuch wird sich die Freisetzung noch verstärken.

Zurück zu den evakuierten Menschen. 25 Jahre sind nun seit der Katastrophe in Tschernobyl vergangen. Gibt es Bestrebungen, das umliegende Gebiet wieder zu besiedeln?
Die Regierungen der betroffenen Länder Ukraine und Weissrussland streben das an. Sie möchten den Sperrring um das zerstörte AKW verkleinern, das Gebiet wieder wirtschaftlich nutzen. Zum Beispiel touristisch. Ich halte das für schwachsinnige Projekte.

Es leben jetzt schon Leute innerhalb dieser Sperrzone.
Ja, vor allem ältere Menschen. Auch Afghanistan-Veteranen sind dahingezogen, weil sie sahen, dass dort massenhaft Häuser und Wohnungen frei waren. Inzwischen wird das hingenommen, die Kontrollen sind erlahmt. Die Regierungen wollen auch nicht mehr über die Angelegenheiten sprechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.04.2011, 13:43 Uhr

Der Physiker Sebastian Pflugbeil (63) ist seit 1999 Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz. Er äussert sich seit Jahren kritisch zur Kernkraft. Pflugbeil gehörte 1990 als Minister ohne Geschäftsbereich der letzten SED-geführten DDR-Regierung an. Er war einer der wenigen Menschen, welche das Innere des Sarkophags von Tschernobyl gesehen haben. (Bild: Gesellschaft für Strahlenschutz)

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