«Das letzte Fährunglück geschah ganz in der Nähe»

Ein Fährunglück, bei dem immer noch 291 Menschen vermisst werden, erschüttert Südkorea. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Korrespondent Christoph Neidhart mit neuen Einzelheiten und einer Einschätzung der Lage.

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Beim Fährunglück in Südkorea sind noch 290 Menschen vermisst, viele Schüler sind betroffen. Wie reagieren die Südkoreaner?
Es ist eine nationale Tragödie. Die Südkoreaner erwarten ähnlich wie die Schweizer, dass die Technik funktioniert. Sie sind deshalb immer schockiert, wenn etwas schiefgeht, und schalten schnell in den Katastrophen-Modus. Jetzt ist das Land total im Katastrophen-Modus. Das Fernsehen, das ich sehe, berichtet permanent von dem Unglück.

Was weiss man über die Unfallursache?
Die See war recht rau und es herrschte dichter Nebel. Am Südwestzipfel der koreanischen Halbinsel gibt es viele kleine Inseln und starke Gezeitenströme. Einige Zeugen sprechen von einem lauten Knall. Die erste Vermutung ist deshalb, dass das Schiff in schwerem Fahrwasser in einen Felsen gefahren ist. Sehr wahrscheinlich ist es auch wirklich ein Unfall und nicht wie bei der Costa Concordia ein Verschulden des Kapitäns.

Was ist über die Fährverbindung bekannt?
Es ist keine Ferienkreuzfahrt, sondern eine Routineverbindung, die zweimal wöchentlich von der Grossstadt Incheon südwestlich der Hauptstadt Seoul auf die Ferieninsel Jeju verkehrt. Das ist eine beliebte Destination für Hochzeitsreisen. Ich nehme deshalb an, dass auch einige frisch verheiratete Paare auf der Fähre waren. Viele Südkoreaner haben eine starke emotionale Verbindung zu der Insel.

Wie seriös ist das Fährunternehmen?
Ein Schiff desselben Unternehmens war vor einem Monat bereits in einen Unfall involviert. Es kollidierte mit einem Fischerboot. Niemand kam zu Schaden. Daraus kann man aber meiner Meinung nach keine Verbindung der beiden Vorfälle konstruieren. In Südkorea gab es seit 1993 kein Fährunglück; damals ging eine Fähre ganz in der Nähe der Unfallstelle unter.

Ähnlich wie bei der Costa Concordia lag das Schiff zunächst mit starker Schieflage im Wasser. Es hat zwei Stunden gedauert, bis es fast ganz gesunken ist. Dennoch werden noch 290 Menschen vermisst. Weshalb so viele?
Das weiss man nicht. Es ist offenbar auch nicht klar, wie viele gerettet wurden. Zuerst hat beispielsweise die Schule, aus der die Kinder kommen, gemeldet, alle Schüler seien gerettet. Später sprach man doch von weiteren Vermissten. Jetzt, um 5 Uhr Lokalzeit, wollen erstmals Suchmannschaften ins Innere des Schiffes. Vielleicht gibt es Luftblasen, in denen einige Menschen überlebt haben. Das weiss man nicht, und es ist noch zu früh, um abzuschätzen, wie viele Menschen bei dem Unglück den Tod fanden.

Gab es genügend Rettungsboote, genügend Westen an Bord?
Etwa 60 Boote, auch Fischerboote, waren um das Wrack. Es sind 31 Helikopter im Einsatz. Die Retter waren auch sofort vor Ort. Es ist anzunehmen, dass niemand mehr im Wasser schwimmt. Die Passagiere wurden entweder gerettet oder sind noch im Schiff. Es ist wahrscheinlich, dass sich viele verletzt haben oder eingeklemmt sind und die Fähre deshalb nicht verlassen konnten. Aber man befürchtet das Schlimmste.

Erstellt: 16.04.2014, 13:45 Uhr

Christoph Neidhart ist Fernost-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er lebt in Tokio.

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