Porträt

Der Anarchist

Julian Assange kennt Paranoia seit seiner Kindheit, nun verbreitet der Wikileaks-Gründer sie unter den Mächtigen – über das unverhoffte Comeback eines längst abgeschriebenen Typus.

Ein Getriebener mit vielen Anhängern: Julian Assange.

Ein Getriebener mit vielen Anhängern: Julian Assange. Bild: ZVG

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Julian Assange, der erste Mann, dessen Karriere nur in diesem – im 21. Jahrhundert – so hätte stattfinden können, ist persönlich ein Mann ohne Humor, aber mit raffiniertem Auftritt; einer, der so leise spricht, dass man ihm zuhören muss; ein Mann fast ohne Gesten, mit der minimalistischen Geschmeidigkeit einer anschleichenden Katze. Offiziell ist er ein Mann ohne Adresse, er lebt in Flughäfen und in Wohnungen von Bekannten von Bekannten; niemand kennt seinen Beruf (die einzige Angabe, die er dazu je machte, war: «Ich habe Geld im Internet verdient»). Trotzdem haben ihn seine Freunde nie anders gesehen als an der Arbeit. Dinge wie Essen oder Schlaf sagen ihm nichts.

Julian Assange ist der Kopf von «Wikileaks», einer Organisation, die ausser ihm kaum einen bekannten Mitarbeiter hat und ausser einem Postfach in Australien keine Adresse. Und die fast über Nacht so viel Macht bekommen hat, dass sie nun die Aussenpolitik einer Supermacht lähmt.

Ein Leben auf der Flucht

Assanges Leben hat ihn so perfekt auf seine Rolle vorbereitet, dass es wie erfunden klingt. Seine Eltern, beide Künstler, zogen ihn in ihrem Wanderzirkus auf. Als er acht war, heiratete seine Mutter ein zweites Mal; einen Musiker, der sich als Sektenmitglied entpuppte. Deren Ziel war: Babys zeugen, entführen, aufziehen. Das Sektenmotto klang wie das eines Geheimdiensts: «Unsichtbar, unantastbar, unhörbar». Kaum war Assanges Halbbruder geboren, flüchtete die Mutter quer durch Australien. Die Flucht dauerte 10 Jahre. Mit 14 war Assange bereits 37 Mal umgezogen und hatte im australischen Outback «eine Jugend wie Tom Sawyer verbracht mit Jagen, Fischen, Höhlenforschung».

Mit 16 verliess er die Natur auf immer: Er bekam sein erstes Computermodem und hackte sich in die Netze von Telefongesellschaften. Mit 18 war er Vater. Mit 20 war er geschieden. Und paranoid: Er sah überall Polizisten. Assange lebte das Hackergefühl der Neunzigerjahre: einerseits den Rausch, dass ein einziges Gehirn fast jedes System knacken konnte. Anderseits die Panik dabei, die der Cyberautor Robert Wilson so beschrieb: «Dass du paranoid bist, heisst nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.»

Und Wilson hatte recht: Mit 21 schnappten sie Assange. Danach wartete er drei nervöse Jahre auf den Prozess. Die Strafe fiel zwar glimpflich aus, aber seine Nerven waren am Ende. Er begann einen endlosen Sorgerechtsstreit, weil er den Freund seiner ExFrau als Gefahr für seinen Sohn sah. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung gründete er eine NGO für bessere Kinderaufsicht, die wie ein Geheimdienst arbeitete: Man schnitt Verhandlungen mit Offiziellen heimlich mit und warb Informanten in der Erziehungsbehörde an. Als der Sorgerechtskampf endlich gütlich beigelegt war, war Assanges braunes Haar weiss geworden – noch vor seinem dreissigsten Geburtstag.

Der Staat, eine Verschwörung

Fast alles bei Assange schillert. Selbst Harmloses. Etwa, dass ein Mann, der seit der Kindheit gegen Verschwörungen kämpft, ein gefürchtet schlechter Organisator ist. Als er 2006 auf einem Kongress die Idee für die Geheimnisverrats-Website Wikileaks vorstellte, reiste er mit einem Seesack an, der neben Computergadgets keine Kleider, dafür aber Berge von Socken enthielt. Der Vielflieger vergisst regelmässig, seine Flüge zu buchen, zu bezahlen, zu bestätigen.

Um so konzentrierter sind seine Texte. In seinem Blog denkt Assange nie über Privates, sondern strikt über das Allgemeine nach, meist über den Kampf zwischen Individuum und Staat. In einem Schlüsseltext Ende 2006 umreisst Assange die Wikileaksidee. Ihr zugrunde liegt die Einsicht: Die Regierung hat alle Daten ihrer Bürger, aber diese wissen nichts über deren wahre Pläne. Der Staat ist im Kern also eine Verschwörung («Jede Organisation basiert auf einem Berg von Geheimnissen»). Wie also ein Gleichgewicht zwischen Regierung und Bürgern schaffen? Assanges Lösung: Informationslecks. Diese tragen die Paranoia ins Zentrum der Verwaltung. Sobald Geheimnisse verraten werden, misstrauen sich Amtsträger, teure Geheimhaltungsmassnahmen werden ergriffen, die interne Information stockt, der ganze Apparat wird weniger effizient.

«Echt oder vom Geheimdienst gefälscht?»

Nicht das Aufdecken von Wahrheit ist das zentrale Ziel der neuen Website Wikileaks, sondern die Lähmung der politischen oder wirtschaftlichen Apparate. Assanges Projekt geht über Informationsfreiheit hinaus. Er vertritt ein zentrales politisches Projekt: «Leaking ist eine inhärent antiautoritäre Tat. Es ist eine anarchistische Tat.» Heute, da die Politik der USA praktisch gelähmt ist durch eine Flut von Tausenden Reporten aus dem Afghanistanund Irakkrieg und durch 250 000 vertrauliche diplomatische Depeschen, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Wikileaks eigentlich ein Werk von wenigen Amateuren ist. In den ersten Jahren blieben die Erfolge eher anekdotisch: Man schaltete das Yahoo-Mailkonto von Sarah Palin oder die OffShore-Steuervermeidungsvehikel der Bank Bär auf.

Das Problem dabei: Niemand wusste, wie echt die Daten waren. Schon das erste Dokument, das Wikileaks 2006 aufschaltete, ein Plan eines Scheichs aus Somalia, die Regierung durch Killer zu erledigen, stellte man ins Netz mit der zentralen Frage: «Echt oder vom Geheimdienst gefälscht?» Sie wurde bis heute nicht geklärt.

Das Neue ist da

Das alte Wikileaks verschwand unter dem Tsunami einer (wie es aussieht) einzigen Quelle: Den Sammlungen des dicken, unglücklichen, amerikanischen Informationssoldaten Bradley Manning. Um die Daten dieses einsamen Mannes aufzuarbeiten, spannte Assange mit den grössten Zeitungen der Welt zusammen: «New York Times», «Guardian», «Der Spiegel». Seither ist Wikileaks in den Weltschlagzeilen, die US-Regierung weltweit in der Defensive und der australische Anarchist Julian Assange ein Weltstar (der sich auch so verhält: «Ich bin das Herz und die Seele der Organisation, ihr Gründer, Philosoph, Sprecher, erster Programmierer, Organisator und Financier. Wenn du ein Problem mit mir hast, verpiss dich», schrieb er einem Mitarbeiter).

Assange ist zu Recht ein Weltstar: Denn mit Assange (und Manning) hat der Typus des Nerds nicht nur (wie Gates oder Zuckerberg) die Wirtschaft, sondern auch die Politik revolutioniert: Mit den richtigen Daten kann ein Einzelner Staaten angreifen. Diese Machtverschiebung ist beispiellos in der Geschichte. Und darum sind auch praktisch alle Fragen ungeklärt: Ist das ein Fortschritt? Eine Katastrophe? Braucht eine Gesellschaft nicht Vertraulichkeit? Wie viel? Gibt es das Recht auf Revolte? Wann? Wo? Wer darf veröffentlichen? Warum? Was ist echt? Was Fälschung? Soll man juristisch vorgehen? Oder alle Archive öffnen? Steigert Assange die Freiheit aller? Oder wird im Netz bald eine Welle der Repression anrollen?

Klar ist nichts. Nur, dass ein längst vergessener Spieler auf der Weltbühne zurück ist: der Anarchist. Seine Macht ist noch so ungeklärt wie die Frage, ob er zu Recht so handelt. Aber sie ist gross genug, dass Regierungen und Konzerne plötzlich ein Gefühl gegenüber ihren Untergebenen teilen, wie der junge Assange es hatte: «Dass du paranoid bist, heisst nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.» Das 21. Jahrhundert hat begonnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2010, 11:14 Uhr

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