Der Dalai Lama wird 75

Seit Jahrzehnten kämpft das buddhistische Oberhaupt für eine echte Autonomie Tibets. Seine Politik stösst aber nicht bei allen Exiltibetern auf Zustimmung.

Sucht den Weg der Mitte: Der Dalai Lama bei einer Pressekonferenz in Dänemark.

Sucht den Weg der Mitte: Der Dalai Lama bei einer Pressekonferenz in Dänemark. Bild: Keystone

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Die kleine Propellermaschine von Neu Delhi nach Dharamsala ist startbereit. Aber die Passagiere müssen sich gedulden. Man erwarte noch Gäste, entschuldigen sich die Stewardessen, als die Minuten verrinnen. Plötzlich Unruhe. Auf dem Rollfeld bremsen dunkle Limousinen. Türen werden aufgerissen. Ein orangefarbenes Gewand wird sichtbar. «Er ist es!», ruft jemand.

Und Augenblicke später steht «er» leibhaftig zwischen den Sitzreihen und grüsst freundlich in die Runde - der Dalai Lama, gerade von einer seiner vielen Auslandsreisen zurückgekehrt und nun auf dem Rückweg in sein nordindisches Exil.

Mehr als zwei Drittel seines Lebens hat der buddhistische Gelehrte und geistliche Führer der Tibeter, der am Dienstag 75 Jahre alt wird, bereits in der Kleinstadt am Fusse des Himalaja verbracht. Zehntausende Landsleute folgten ihm im Laufe der Jahrzehnte.

Die Flucht nach Indien

Durch sie wurde Dharamsala zu «Little Lhasa». Und zu einem Zentrum des friedlichen Widerstands gegen die chinesische Besatzung Tibets. Beim Einmarsch der Chinesen in das tibetische Hochland 1950 war Tenzin Gyatso, so sein Mönchsname, noch ein Teenager. Gleichwohl lasteten auf ihm - der 14. Reinkarnation des Dalai Lama - die Hoffnungen seines Volkes.

Als deren spirituelles und politisches Oberhaupt suchte er das Gespräch mit der Führung in Peking, die Tibets Anschluss an China längst beschlossen hatte. Neun Jahre später, auf dem Höhepunkt des Tibet-Aufstands, floh der Dalai Lama nach Indien und ist seitdem nicht in seine Heimat zurückgekehrt.

Gewaltfreier «Weg der Mitte»

Der Flüchtling machte Dharamsala zum Sitz der von keinem Land der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung. Hier entwickelte er seine Politik, die er als «Weg der Mitte» beschreibt und deren Botschaften Gewaltfreiheit und Aussöhnung sind.

Das Ziel: Durch Dialog mit der chinesischen Regierung soll eine «echte Autonomie» mit kulturellen und religiösen Freiheiten für die Tibeter innerhalb der Volksrepublik herbeigeführt werden. Bereits 1989 erhielt der Dalai Lama dafür den Friedensnobelpreis, durch den der Kampf der Tibeter weltweit bekannt und zu einem Synonym für gewaltlosen Widerstand wurde.

Die Ungeduld der tibetischen Jugend

Bei vielen Exiltibetern ist diese Politik inzwischen jedoch umstritten. Vor allem junge Aktivisten glauben, dass die Forderung nach Autonomie nach dem Scheitern zahlreicher Verhandlungsrunden mit Peking keinen Sinn mehr habe. Sie wünschen sich die Unabhängigkeit Tibets und sind auch bereit, dafür zu kämpfen.

Der Dalai Lama weiss um die Ungeduld der tibetischen Jugend, hält aber am gewaltfreien «Weg der Mitte» fest. Nach Jahrzehnten im Exil sei es bereits eine «grosse Errungenschaft», dass das Tibet-Problem nach wie vor lebendig sei und auch die internationale Gemeinschaft grossen Anteil daran nehme, sagte er im vergangenen Jahr. «Von diesem Standpunkt gesehen, habe ich keinen Zweifel, dass die Gerechtigkeit eines Tages die Oberhand gewinnen wird.»

Anhänger rund um den Globus

Mit dieser Beharrlichkeit fasziniert der Dalai Lama rund um den Globus seine Anhänger. In Europa und Nordamerika strömen regelmässig Zehntausende zu Vorträgen und religiösen Unterweisungen. Eine halbe Million Menschen folgen ihm bei Twitter.

Auch sein Geburtstag soll weltweit gefeiert werden. Unter anderem ist in London ein Konzert geplant. Dass der Dalai Lama auch charmant und witzig ist, erleben meist Gäste kleinerer Veranstaltungen. So wurde er vor einiger Zeit in Neu Delhi gefragt, was er denn in seinem Leben am meisten bereue. Die Antwort vom Podium kam prompt: «Nicht geheiratet zu haben.» (jak/sda)

Erstellt: 05.07.2010, 21:47 Uhr

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