Der Fluch von Agent Orange

40 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs warten Millionen Opfer des hochgiftigen Herbizids immer noch auf Gerechtigkeit. Die Wiedergutmachung der USA kommt nur langsam in Gang.

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Das Schicksal hat Nguyen Huu Hung mehrmals hart getroffen. Dass der 61-jährige Vietnamese bei einem Arbeitsunfall seinen rechten Arm verlor, empfindet er als kleines Übel im Vergleich zu anderen Schicksalsschlägen. Vor zehn Jahren starb seine Frau an Krebs. Und er hat drei Kinder, von denen zwei, die beiden Töchter, mit schweren Behinderungen zur Welt kamen. Sein Sohn ist gesund, nicht aber dessen Kind, das mit einem Wasserkopf geboren wurde. Die Familie von Nguyen Huu Hung lebt in einem Dorf in der Nähe der zentralvietnamesischen Millionenstadt Da Nang. Sie bewohnt ein kleines Haus, das nie fertig gebaut wurde. In der karg eingerichteten Wohnung hängt ein Bild von Ho Chi Minh, dem legendären Staatsgründer und Führer der Kommunisten Nordvietnams. Onkel Ho lächelt, ansonsten herrscht Tristesse.

Die jüngere Tochter von Nguyen Huu Hung ist geistig und körperlich behindert, sie braucht Rundumpflege. Sie hat spindeldürre Arme und Beine, ein knochiges Gesicht, ihr ungelenker Körper liegt in einer schrägen Position im Rollstuhl. Der Blick der 27-jährigen Frau, die wie ein Mädchen aussieht, starrt ins Leere. Sprechen kann sie nicht. Ihre 34-jährige Schwester kann aufrecht gehen und sich verbal äussern, aber auch sie hat den Gesichtsausdruck eines aus der Normalität gefallenen Menschen.

In Vietnam gilt die Geburt eines behinderten Kindes als Fluch, als Bestrafung der Eltern durch böse Geister für angebliches Fehlverhalten im vorherigen Leben. Tatsächlich aber heisst der böse Geist Agent Orange – ein Dioxin-haltiges Herbizid, das die Amerikaner in den 1960er-Jahren im Vietnamkrieg einsetzten. Bei der Operation mit dem scheinbar harmlosen Namen «Ranch Hand», zu Deutsch «Erntehelfer», ging es den USA darum, durch flächendeckende Entlaubungen den Dschungel als Versteck für den Vietcong unbrauchbar zu machen. Herbizide setzten sie auch ein, um dem Feind die Nahrungsgrundlage zu entziehen. Dabei besprühten sie Reisfelder und andere landwirtschaftliche Flächen, ebenso Bauerndörfer.

Die Herbizid-Angriffe trafen vor allem den umkämpften Süden Vietnams, aber auch das Zentrum des Landes sowie Grenzgebiete in Laos und Kambodscha, wo der Ho-Chi-Minh-Pfad hindurchführte. Schätzungsweise 4,8 Millionen Menschen waren den Herbiziden ausgesetzt, darunter auch über eine Million US-Soldaten. «Ranch Hand» entlaubte zwei Millionen Hektaren Mangroven und Wälder, zerstörte ausserdem 200'000 Hektaren Ernten. Jahrelang regnete es Gift auf Mensch und Natur. Für dieses Kriegsverbrechen prägte der vietnamesische Ökologe Vo Quy den Begriff Ökozid.

73 Millionen Liter Herbizid

Bei knapp 20'000 Sprüheinsätzen mit Transportflugzeugen vom Typ C-123 gingen zwischen 1961 und 1971 über 73 Millionen Liter Herbizid auf Vietnam nieder. Nicht nur Agent Orange, sondern auch Agent Purple, Agent Blue, Agent Green, Agent Yellow, Agent White oder Agent Pink. Die unterschiedlichen Entlaubungsmittel waren benannt nach der Farbe der Kennzeichnungsbanderolen auf den Giftfässern. Etwa 50 Millionen Liter der versprühten Herbizide waren Agent Orange. Die Entlaubungsmittel waren verunreinigt, mit insgesamt 366 Kilogramm Dioxin. Das Dioxin TCCD, auch als Seveso-Gift bekannt, ist hochgiftig und stark krebserregend. Und es kann das Erbgut des Menschen schädigen. Der amerikanische Krieg, wie er in Vietnam heisst, endete am 30. April 1975. Agent Orange vergiftet aber die Menschen in Vietnam bis heute.

Von Agent Orange betroffen sind etwa 3 der insgesamt 91 Millionen Vietnamesen. Von den Menschen, die direkt dem Herbizid ausgesetzt waren, sind Hunderttausende an Krebs gestorben. Zu den Spätfolgen gehören unterschiedliche Krebserkrankungen, auch Parkinson, Unfruchtbarkeit, Lähmungen und psychische Störungen. In der dritten Generation nach dem Krieg sind etwa 150'000 Menschen von Agent Orange betroffen. Jedes Jahr kommen rund 3500 Kinder mit geistigen Behinderungen und körperlichen Missbildungen zur Welt. In schlimmen Fällen haben sie etwa verkrüppelte Hände und Füsse oder nicht alle Organe, offene Rücken oder riesige Köpfe. Der Fluch von Agent Orange hat bereits die vierte Generation erreicht.

Nguyen Huu Hung weiss erst seit 2002, dass er und seine Töchter Opfer von Agent Orange sind. Bevor ihn die Ärzte darüber aufgeklärt hätten, habe er nichts über Agent Orange gewusst, nie etwas von diesem gefährlichen Entlaubungsmittel gehört. Der 61-Jährige leistete seinen Militärdienst in der Nachkriegszeit. Von 1975 bis 1982 war er in der südvietnamesischen Provinz Dak Lak stationiert. Höchstwahrscheinlich kam er dort mit Agent Orange in Kontakt, vermutlich über den Verzehr von Dioxin-verseuchten Nahrungsmitteln. Seine verstorbene Frau gilt als Dioxin-Opfer, wie er betont. Agent Orange hat das Leben von Nguyen Huu Hung dramatisch verändert, vor allem seit er sich alleine um die beiden schwerbehinderten Töchter kümmern muss.

Immerhin erhält er im Gegensatz zu anderen Opfern finanzielle Unterstützung vom Staat. Von den drei Millionen Betroffenen sind nur 300'000 Personen als Agent-Orange-Opfer staatlich anerkannt. Für direktgeschädigte Menschen gibt es monatliche Zahlungen in der Höhe von 1'850'000 Dong. Das sind umgerechnet 85 Dollar. Deren Kinder erhalten je 55 Dollar, je nach Fall werden Zuschüsse von 14 Dollar ausbezahlt. Mit den staatlichen Zuwendungen kommt die Familie von Nguyen Huu Hung knapp über die Runden. Etwa 70 Prozent der Opfer leben unter der Armutsgrenze.

Opfer-Vereinigung plant neue Klagen in den USA

Hilfe leistet vor allem die Vereinigung der vietnamesischen Agent-Orange-Opfer (Vava). Seit ihrer Gründung vor elf Jahren hat sie rund 450 Millionen Dollar gesammelt. Mit dem Geld werden Betroffene direkt unterstützt sowie medizinische und soziale Einrichtungen aufgebaut. Die halbstaatliche Organisation betreibt zum Beispiel in Da Nang drei Zentren, wo 150 grösstenteils geistig behinderte Kinder und Jugendliche betreut und unterrichtet werden. Ein Teil von ihnen könne später einfachere Berufe wie Schneider erlernen und so in die Gesellschaft integriert werden, sagt Nguyen Thi Hien, Präsidentin der Vava Da Nang, die aufgrund ihres unermüdlichen Engagements den Spitznamen «Miss Dioxin» trägt. Der andere Teil werde jedoch das ganze Leben in einem betreuten Umfeld verbringen müssen. Gesellschaftliche Vorurteile erschweren zwar die Integration von Agent-Orange-Betroffenen in den normalen Alltag. Tatsache ist aber auch, dass längst nicht alle Opfer handlungsunfähige Menschen sind. Eine zunehmende Zahl von Betroffenen zeigt, dass sie trotz Behinderung den Alltag und das Leben zu meistern vermögen.

Die Vava kämpft auch für Gerechtigkeit. «Das US-Militär war relativ kurz hier. Aber wir müssen mit den Konsequenzen über Generationen leben», klagt Nguyen The Luc, Generalsekretär der Vava, die sich durch frühere juristische Misserfolge in den USA nicht entmutigen lässt. Wie Nguyen The Luc erklärt, arbeitet die Vava an neuen Klagen vietnamesischer Staatsbürger vor amerikanischen Gerichten. Die US-Firmen, die die Herbizide hergestellt hatten, haben bis heute den vietnamesischen Opfern keinen einzigen Dollar Entschädigung gezahlt. Die US-Regierung überwies 27,5 Millionen Dollar an einen Fonds, mit dem Behindertenprogramme in Vietnam unterstützt werden. Dagegen haben Agent-Orange-Betroffene in den USA, Vietnam-Kriegsveteranen und ihre Familien schon mehrere Hundert Millionen Dollar von US-Chemieunternehmen und über 4,5 Milliarden Dollar von der Regierung ausbezahlt bekommen – das ist ein Bruchteil des Betrags, der den Opfern in Vietnam zustünde.

Im letzten Jahrzehnt verklagten die Vava und Dutzende vietnamesische Staatsangehörige in den USA insgesamt 37 amerikanische Chemiekonzerne, darunter Dow Chemical und Monsanto. Im erstinstanzlichen Urteil vom März 2005 befand jedoch ein New Yorker Gericht, dass den Klägern weder nach nationalem noch nach internationalem Recht ein Anspruch auf Entschädigung zustünde. Die Kläger aus Vietnam scheiterten auch vor dem Berufungsgericht und schliesslich 2009 vor dem U.S. Supreme Court. Den Klägern wurde unter anderem vorgehalten, dass sie Agent Orange nicht zweifelsfrei als Ursache ihrer Gesundheitsprobleme nachweisen könnten. Nach Ansicht vieler Rechtsexperten waren all diese Urteile politisch motiviert.

Dekontaminationsprojekt der USA in Da Nang

Der internationale Druck auf die US-Regierung und das zivilgesellschaftliche Engagement in den USA, nicht zuletzt vonseiten der US-Kriegsveteranen, brachten aber doch noch Bewegung in das Politikum Agent Orange. Ein amerikanisch-vietnamesischer Aktionsplan für die Jahre 2010 bis 2019 bildet die Grundlage für die Wiedergutmachungsbemühungen der US-Regierung. Die USA beteiligen sich mit bisher 87,5 Millionen Dollar an der Dekontamination des Militärflugplatzes von Da Nang, wo die Dioxinwerte die internationalen Standards um das 400-Fache übersteigen.

In Gebieten mit stark verseuchten Böden und Gewässern droht weiterhin die Gefahr, dass das Gift über den Verzehr von kontaminierten Fischen oder Geflügel in die Nahrungskette des Menschen gelangt. Umweltspezialisten der kanadischen Beratungsfirma Hatfield ermittelten in Vietnam in über zehnjähriger Arbeit 28 Gebiete mit zu hohen Dioxinwerten. «Die besprühten Wälder und Felder waren nicht mehr mit hohen Dioxin-Konzentrationen verseucht», sagt Hatfield-Biologe Thomas Boivin. «Aber rund um die einstigen US-Luftwaffenstützpunkte sieht es ganz anders aus.» Am schlimmsten sei die Bodenverseuchung in Phu Cat, Da Nang und Bien Hoa.

Der Militärflughafen von Da Nang ist nun der erste Dioxin-Hotspot, der dekontaminiert wird. In der ersten Phase des 2012 gestarteten Projekts baute eine Spezialfirma aus den USA ein meterhohes Betonbehältnis mit der Fläche eines Fussballfeldes. In der riesigen, militärisch beschützten Anlage wird die verseuchte Erde zur Reinigung während wenigstens 21 Tagen auf mindestens 335 Grad Celsius erhitzt. Nach dieser Prozedur sind die Erdabtragungen dioxinfrei. Die Dekontamination von 73'000 Kubikmetern ist inzwischen in Gang und sollte bis 2017 abgeschlossen sein.

«Die USA übernehmen Verantwortung», sagt Joakim Parker, Direktor der Vietnam-Mission von USAID. Die dem US-Aussenministerium angegliederte Organisation für Entwicklungshilfe überwacht das Dekontaminationsprojekt in Da Nang. Wann das zweite Projekt in Bien Hoa in Angriff genommen wird, ist noch unklar. Gewiss ist jedoch, dass die Dekontaminierung dieses Hotspots aufwendiger und teurer wird, weil es in diesem Fall um die Reinigung von 230'000 Kubikmetern verseuchter Erde geht. Klar ist auch, dass das einstige Ziel, alle Hotspots bis 2020 zu reinigen, unrealistisch ist.

Wie Parker betont, unterstützt die US-Entwicklungshilfe in Vietnam soziale Projekte, die auch Menschen mit Behinderungen zugutekommen. Dabei spielt es bei der Verwendung der jährlich fünf Millionen Dollar keine Rolle, ob es sich um Agent-Orange-Betroffene handelt oder nicht. In der offiziellen Sprachregelung der USA gibt es ohnehin keine vietnamesischen Agent-Orange-Opfer. Die Hilfen in Vietnam wollen die USA keinesfalls als Schuldeingeständnis verstanden wissen, weil sie eine Kaskade von Klagen mit unabschätzbaren Entschädigungsforderungen befürchten. Bei ihrem Engagement in Vietnam handle es sich um ausschliesslich humanitäre Akte.

Vietnamesisch-amerikanische Freundschaft

Die zunehmende Kooperationsbereitschaft der USA in Sachen Agent Orange hat auch geopolitische Gründe. Die Beziehungen zu südostasiatischen Staaten zu stärken, gehört zur Agenda der Obama-Regierung. Hintergrund ist der wachsende Einfluss der Grossmacht China. Im Südchinesischen Meer streiten China und Anrainerstaaten wie Vietnam um Inselgruppen und Ausbeutungsrechte. Vietnam hat, auch aus historischen Gründen, ein ambivalentes Verhältnis zum grossen kommunistischen Bruderstaat. Dagegen pflegt Vietnam mit dem einstigen Kriegsfeind USA, zwei Jahrzehnte nach der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen, ein auffallend freundschaftliches Verhältnis, inklusive gemeinsamer Militärmanöver.

Ein Motor der neuen vietnamesisch-amerikanischen Freundschaft sind auch wirtschaftliche Interessen. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt für Vietnam, das immer mehr amerikanische Investoren und Touristen anzuziehen versucht. Beide sind auch Partner eines geplanten Freihandelsabkommens von Pazifik-Ländern. Nach chinesischem Vorbild behält die kommunistische Partei Vietnams zwar die politische Macht, sie öffnet aber schrittweise die Märkte. Das einst sehr arme Vietnam hat inzwischen eine boomende Wirtschaft, die jährlich um 5 bis 6 Prozent wächst. Der Wohlstand ist sehr ungleich verteilt. Es ist aber eine Mittelschicht entstanden, die Lust hat auf die Segnungen moderner Konsumgesellschaften. Heute gibt es Kaffee von Starbucks, Motorroller statt Fahrräder verstopfen die Strassen. Gucci-Accessoires und das neueste iPhone sind Statussymbole der jüngeren Generation, die den Vietnamkrieg nur aus Schulbüchern und Fernsehdokumentationen kennt.

Neben den Metropolen Hanoi und Ho Chi Minh City, dem früheren Saigon, boomen in Vietnam auch kleinere Städte wie Da Nang. Die einstige China Beach, wo 1965 die ersten amerikanischen Bodentruppen an Land gegangen waren, ist heute ein beliebter Strand für Touristen aus aller Welt. In der zentralvietnamesischen Stadt fliessen Milliarden Dollar in den Bau von Luxus-Suiten, Edel-Restaurants und Wellness-Anlagen. Schicke Einkaufsstrassen und glitzernde Bürotürme prägen das Stadtbild. Da Nang gilt mittlerweile als touristische Top-Destination. Dort, wo sich noch der verseuchte Militärflugplatz befindet, soll dereinst der zivile Flughafen ausgebaut werden: Das wird Da Nang einen weiteren Wachstumsschub bescheren. Das moderne Vietnam ist gierig nach Erfolg und Geld, die Geschichte möchte es hinter sich lassen. Doch das schwere Erbe von Agent Orange lässt sich nicht aus der Realität verbannen.

Für Nguyen Huu Hung ist das der Alltag, der ihn oft an seine Grenzen gebracht hat. Im Gespräch erzählt der 61-Jährige in ruhigem Ton von Momenten der Verzweiflung, von Selbstmordgedanken, aber auch vom Willen, weiter da zu sein für seine beiden Töchter. «In ihren Augen sehe ich, dass sie meine Liebe spüren», erklärt Nguyen Huu Hung, während er das Gesicht seiner kleineren Tochter streichelt. Ist er denn nicht wütend auf die Amerikaner? «Nein, ich verspüre keinen Hass, gegen niemanden», sagt er. «Das war ein schrecklicher Krieg mit schrecklichen Folgen, einfach Schicksal.»

Erstellt: 29.04.2015, 21:04 Uhr

Flächendeckende Entlaubungen des Dschungels im Kampf gegen den Vietcong: Die US-Operation «Ranch Hand», bei der über 73 Millionen Liter Herbizid auf Vietnam niedergingen. (Bild: Reuters )

«Ranch Hand» entlaubte zwei Millionen Hektaren Mangroven und Wälder: Eine zerstörte Landschaft im Süden von Vietnam, wo ein Viertel des Landes mit Agent Orange überzogen wurde. (Bild: www.agentorangerecord.com)

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The Dark Shadow of Agent Orange. (Quelle: Youtube/New York Times)

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Reinigung des Dioxin-Hotspots Da Nang

Reinigung des Dioxin-Hotspots Da Nang Die frühere US-Luftwaffenbasis ist stark mit Agent Orange verseucht. Derzeit läuft in Da Nang ein Dekontaminationsprojekt.

40 Jahre nach dem Kriegsende gibt es in Vietnam immer noch Gebiete, die stark von Agent Orange verseucht sind. Insgesamt sind es 28 Dioxin-Hotspots. (Bild: TA-Grafik)

Green Cross Schweiz in Vietnam

Prothesen/Orthesen für 3000 Kinder und Jugendliche sowie Integrationsprojekte

Hilfsorganisationen aus aller Welt engagieren sich in Vietnam für die von Agent Orange betroffenen Menschen. Unterstützung leistet auch Green Cross Schweiz, seit 1998 laufen verschiedene sozialmedizinische Programme. Green Cross finanziert insbesondere die orthopädietechnische Versorgung von körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen sowie die Ausbildung von Orthopädiefachkräften im Bildungs- und Behandlungszentrum Vietcot in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams. Bislang konnten mehr als 3000 Personen mit Prothesen oder Orthesen versorgt werden. Bei Kindern in der Wachstumsphase werden bis zum 15. Lebensjahr die Gehhilfen jährlich angepasst, danach braucht es alle ein bis drei Jahre eine Nachsorge. Dank der orthopädietechnischen Versorgung sollen Betroffene in den normalen Alltag integriert werden. Ausserdem erhöhen sich die Chancen, eine Ausbildung zu absolvieren oder eine Arbeit zu finden.

Gemäss dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe führt Green Cross seit 2011 auch ein Projekt, bei dem Mikrokredite vergeben werden. Familien mit körperbehinderten Jugendlichen und Kindern erhalten einen Kredit in Form einer trächtigen Kuh. Durch den Verkauf der Milch und der Kälber soll der Kredit zurückgezahlt werden, sodass die Familie langfristig immerhin eine bescheidene Einkommensquelle erhält. Die Resultate dieses Integrationsprojekts, an dem bislang 155 Familien teilnahmen, werden als positiv beurteilt. Die sozialmedizinischen Programme finanziert Green Cross über die Einnahme von Spendengeldern. Die Kosten für das Engagement in Vietnam lagen 2013 bei rund 150'000 Franken. (vin)

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Vietnam War 40 years after: Children of Agent Orange. (Quelle: Youtube/DocsOnlineTV)

Kriege in Vietnam

Zuerst gegen Frankreich, dann gegen die USA

Mit der Eroberung Saigons am 30. April 1975 endeten drei Jahrzehnte Krieg in Vietnam. Die vietnamesischen Kommunisten hatten erst die französische Kolonialmacht vertrieben, dann die USA. Nach Schätzungen wurden bis zu vier Millionen Menschen getötet, darunter rund 58'000 Amerikaner.

1945, 2. September: Der kommunistische Partisanenführer Ho Chi Minh erklärt nach Abzug der japanischen Besatzer die Unabhängigkeit Vietnams von Frankreich.

1946: Frankreich entsendet Truppen, der Krieg beginnt.

1954, 7. Mai: Der Fall der Dschungelfestung Dien Bien Phu nördlich von Hanoi besiegelt die Niederlage der Franzosen.

1954, 21. Juni: Die Genfer Indochina-Konferenz vereinbart die Teilung in zwei unabhängige Staaten. Der Süden kommt unter US-Einfluss.

1960: Widerstandsgruppen schliessen sich zur kommunistisch dominierten Nationalen Befreiungsfront Südvietnams zusammen (Vietcong).

1961: Die USA entsenden «Militärberater»; bis 1963 sind es 16'300.

1964, 4. August: Beim «Zwischenfall im Golf von Tonkin» werden US-Zerstörer angeblich grundlos von nordvietnamesischen Patrouillenbooten angegriffen. Der US-Kongress stimmt der Bombardierung Nordvietnams zu.

1965: Im Februar beginnt der systematische Bombenkrieg gegen Nordvietnam, im März landen erste US-Bodentruppen bei Danang.

1968: Das buddhistische Neujahr beginnt mit der «Tet-Offensive». 230'000 Vietkong und 50'000 nordvietnamesische Soldaten kämpfen gegen mehr als 500'000 Amerikaner und 200'000 Südvietnamesen.

1968, 13. März: Erste Sondierungsgespräche zwischen den USA und Nordvietnam.

1968, 16. März: US-Soldaten erschiessen im Dorf Son Mai (auf US-Karten My Lai genannt) 504 Frauen, Männer und Kinder. Nach Enthüllung des mehr als ein Jahr vertuschten Massakers gibt es weltweit Proteste, in den USA kippt die öffentliche Meinung zum Krieg.

1969, 18. Januar: In Paris beginnen Friedensverhandlungen, ab August zunehmende «Vietnamisierung» des Krieges durch Aufrüstung Südvietnams.

1972: Nach dem Abbruch der Verhandlungen durch die USA neue Grossoffensive Nordvietnams und Angriffe von US-Bombern auf nordvietnamesische Städte.

1973, 27. Januar: Neue Friedensverhandlungen in Paris und Vereinbarung eines Waffenstillstands. US-Aussenminister Henry Kissinger und Nordvietnams Politbüromitglied Le Duc Tho als Unterhändler erhalten den Friedensnobelpreis.

1974: Verletzungen des Waffenstillstands durch beide Seiten.

1975: Kommunistische Truppen nehmen eine Provinz Südvietnams nach der anderen ein. Nach heftigen Angriffen auf den Flughafen Saigons beginnen die Amerikaner am 29. April mit der abschliessenden Evakuierung. Einen Tag später kapituliert Südvietnam.

1976: 2. Juli: Vereinigung von Nord- und Südvietnam in einem Staat. (vin/sda)

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Die Wahrheit über den Vietnamkrieg: Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere. (Quelle: Youtube/ArteTV)

Der Vietnamkrieg im Film

Von «Apocalypse Now» bis «Rambo»

Vietcong, Saigon, Hanoi – auch Menschen, die sich nicht in Südostasien auskennen, haben davon gehört. Einer der Gründe: Über wenige Kriege wurden so viele Spielfilme gedreht wie über den Vietnamkrieg. Eine kleine Auswahl:

APOCALYPSE NOW (1979): «Pate»-Regisseur Francis Ford Coppola zeigt den Vietnamkrieg als aufwendiges Schreckensgemälde. Captain Willard (Martin Sheen) soll den abtrünnigen Colonel Kurtz (Marlon Brando) finden – so die Geschichte in Kurzform. Bebildert wird sie mit Szenen, die dem Zuschauer den Wahn des Krieges vor Augen führen – nicht nur weil Helikopterflüge mit Wagners «Walkürenritt» unterlegt werden.

PLATOON (1986): Regisseur Oliver Stone schickt Charlie Sheen als jungen Soldaten Chris Taylor in den Vietnamkrieg. Er kommt aus der Mittelschicht, hat sich freiwillig gemeldet und landet in einem Konflikt, der sich als brutales Chaos herausstellt. Viele Szenen werden aus zahlreichen Perspektiven gezeigt – auch der Zuschauer weiss nicht, woher die nächste Attacke kommen könnte.

FULL METAL JACKET (1987): Der Film beginnt mit Schreien – allerdings nicht auf dem Schlachtfeld. Der drakonische Ausbilder Hartman soll Rekruten auf den Krieg vorbereiten und brüllt sie in Grund und Boden. Stanley Kubricks Film zeigt die Erlebnisse von Private Joker (Matthew Modine). Er ist eine Abrechnung mit dem Vietnamkrieg, in dem viele verrückte, aber auch gefährliche Menschen zu sehen sind.

GOOD MORNING, VIETNAM (1987): Robin Williams darf als Discjockey Adrian Cronauer bei einem Soldatensender in Saigon drauflos plappern. Der Film von Regisseur Barry Levinson ist eine Militär-Satire und zeigt dabei auch eine andere Seite des Vietnamkriegs – ohne weniger nachdenklich zu sein.

RAMBO: Auch in den Filmen der krachenden «Rambo»-Reihe spielt der Vietnamkrieg eine grössere Rolle – wenn auch auf ganz andere Art als bei «Apocalypse Now» oder «Platoon». Sylvester Stallone spielt darin den Vietnamveteranen Rambo und gewinnt den Krieg quasi nachträglich noch mal im Alleingang. Die Figur wurde zum Symbol gedankenloser militaristischer Interventionspolitik. (vin/sda)

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