Der Playboy strebt eine Revolution an

Früher machte Imran Khan als Cricketspieler und Playboy internationale Schlagzeilen. Jetzt strebt der attraktive 61-Jährige ganz grosse Pläne.

Imran Khan wirbt mit einem riesigen Plakat für seinen «Freiheitsmarsch». Foto: Akhtar Soomro (Reuters)

Imran Khan wirbt mit einem riesigen Plakat für seinen «Freiheitsmarsch». Foto: Akhtar Soomro (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Spinnefeind stehen sich die beiden Lager in Islamabad gegenüber. Nähern sie sich in Gesprächen an, oder beharren sie auf ihren Positionen – und nutzt das Militär die Situation am Ende gar für einen Putsch? Es wäre bereits der vierte, seit Pakistan 1947 die Unabhängigkeit erlangte. In den Medien der Islamischen Republik wird wild darüber spekuliert. Es herrscht Alarmstimmung: Imran Khan, der ehemalige Cricketstar und Playboy, der als frommer Muslim und traditionsbewusster Politiker wiedergeboren ist, hat einen langen Marsch und ein Sit-in gegen die gewählte Regierung organisiert. Er will sie stürzen, weil sie sich die Macht angeblich durch Wahlbetrug erschlichen hat im letzten Jahr.

Der «Löwe von Punjab», wie er als hinreissender Captain der Cricket-Natio­nal­mannschaft gerufen wurde, wird in Pakistan heiss verehrt, weit mehr als Franz Beckenbauer in Deutschland. Denn er sicherte seinem Land 1992 den Weltcup – mit spektakulären Siegen über den Erzfeind Indien und die frühere Kolonialmacht England. Der grösste Triumph in der pakistanischen Geschichte.

Dieser Nationalheld also drohte, die Hauptstadt mit einer Protestwelle von einer halben Million Menschen zu überziehen. Als «Tsunami Khan» werde er die Amtsträger hinwegfegen und eine neue Regierung mit ihm selbst als Premier etablieren, die den Terror und die Korruption innerhalb von 90 Tagen ausräumen werde. Was für ein Versprechen.

Mit Rückendeckung des Militärs

Am 14. August, dem pakistanischen Tag der Unabhängigkeit, machte er sich in Lahore, dem kulturellen Zentrum des Landes, auf den Weg. Die gut 300 Kilometer nach Islamabad legte der selbsternannte Volkstribun in einem speziell umgebauten, kugelsicheren Schiffs­container zurück. Die Regierung unternahm alles, ihn zu stoppen. Angriffe, richterliche Verbote, Strassenbarrikaden – es nützte alles nichts.

Der Gründer der Pakistanischen Gerechtigkeitsbewegung (Pakistan Teh­reek­-e-Insaf, PTI) zog mit 60 000 Demonstranten in der Hauptstadt ein. Mit Fräsen und Bolzenschneidern rückten sie letzte Woche ins Regierungsviertel vor; das mächtige Militär hielt sich auffällig zurück. In einem Tweet rief der Armeesprecher alle Seiten auf, den Konflikt «im Namen des nationalen Interesses» auf dem Verhandlungsweg zu lösen.

Die Protestbewegung ist zwar kleiner als verheissen, aber beein­druckend bunt und hartnäckig. Und sie – respektive Imran Khan – scheint Rücken­deckung durch die Generäle zu besitzen. Seit sieben Tagen campieren die Demonstranten nun schon auf der Constitution Avenue, der Paradestrasse von Islamabad, an der sich die Amtsgebäude reihen. Während sich drinnen die Krisensitzungen und Verhandlungsrunden jagen, treten draussen Musiker zur Unterstützung und Unterhaltung der Protestierenden auf. Und Anführer Khan lässt sich in fiebrigen Reden und Tweets bis weit nach Mitternacht über die Missstände im Lande aus.

Sein Vorwurf: Premierminister Nawaz Sharif habe in 15 Monaten an der Macht nicht viel mehr fertiggebracht als ein 178 Seiten umfassendes Papier, das angebliche Verdienste aufliste: Die «nationale Agenda für echten Wandel» sei reine Propaganda. Die Regierung agiere völlig inkompetent und intransparent. Nur eines verstünden die Minister von der Muslimliga wirklich: sich und ihre Gefolgsleute zu bereichern. So sei Pakistan noch tiefer in Terror und Hoffnungslosigkeit versunken als unter Bhutto­-Witwer Asif Ali Zardari, der das 190 Millionen Einwohner zählende Land zuvor regierte.

Das Gemeinwohl sträflich vernachlässigt

Diese Einschätzung teilen viele Pakistaner. Die städtische Mittelschicht, allen anderen voran, hat jedes Vertrauen in die zwei grossen Parteien verloren: Die Muslimliga und die Volkspartei funktionieren nach feudalen Prinzipien, als Organisationen zur Selbstbereicherung. Ihre Misswirtschaft ist notorisch. Der aus Pakistan stammende britische Autor und Historiker Tariq Ali bezeichnet sie denn auch als Gangs. Ihre wechselnden Regierungen vernachlässigen das Gemeinwohl – Bildung, Gesundheit, Strom- und Wasserversorgung – seit Jahrzehnten sträflich. Deshalb gleicht Pakistan zunehmend einem gescheiterten Staat, in dem Terror herrscht. Und deshalb bietet sich Imran Khan als neue Kraft an.

«Nur eine Kulturrevolution vermag das Land noch vor dem endgültigen Scheitern zu retten», ist Muhammad Tahir-ul-Qadri überzeugt. Der gemässigte Geistliche, der Hunderte von Bildungsstätten landesweit betreibt und auch schon das World Economic Forum in Davos besuchte, hat das Regierungsviertel letztes Jahr bereits belagert. Jetzt hat er sich Khans Aufstand angeschlossen.

Der alternde Salonlöwe mit dem geföhnten Haar und der muslimische Gelehrte mit dem weissen Bart bilden ein seltsames Gespann. Tahir-ul-Qadri, der sich lieber Doktor als Maulana nennen lässt, wie muslimische Geistliche in Pakistan normalerweise tituliert werden, hat sich durch eine Fatwa gegen Terrorismus international einen Namen gemacht. Er verurteilte Selbstmordattentate, blindwütiges Blutvergiessen und Racheakte gegen Andersgläubige klar.

Imran Khan, zum Volk der Paschtunen gehörend wie die Taliban, grenzt sich weniger deutlich von den Extremisten ab. Er geisselt vorzugsweise die USA und ihre Drohnenangriffe im Grenzgebiet zu Afghanistan. Die um sich greifende Gewalt in den pakistanischen Stammesgebieten begreift er als Reaktion auf die Luftattacken der Amerikaner: «Es handelt sich um einen Aufstand gegen eine Kolonialmacht. Dieselben Stämme haben bereits gegen die Briten gekämpft – und gewonnen», sagte er dem indischen Politmagazin «The Caravan». Und: «Der amerikanische Krieg gegen den Terror ist eigentlich ein Terrorkrieg. Davor hat es keine militanten Taliban in Pakistan gegeben.»

Aus dieser Überzeugung tritt Imran Khan entschieden für Verhandlungen mit den militanten Extremisten ein. Mit einem Trupp von Getreuen blockierte er zeitweise die Lastwagenkonvois, welche die US-Soldaten in Afghanistan versorgen sollten. Auch wenn er ansonsten ein sozialdemokratisches Programm verfolgt, wird er von manchen Landsleuten «Taliban Khan» geschimpft: wegen der Inbrunst, mit der er seine Meinung vertritt. Das Böse, daran lässt er wenig Zweifel, trägt den Namen USA.

Die Entwicklung seit dem 11. September 2001 hat sein Weltbild erschüttert. Imran Khan reagierte 2005 schockiert auf die Nachricht, der Koran sie bei einem Verhör in Guantánamo die Toilette heruntergespült worden. «Amerika entweiht das heilige Buch, auf dem unsere ganze Kultur beruht!», donnerte er über alle Kommunikationskanäle. Sein lautstarker Protest sorgte dafür, dass die gesamte islamische Welt vom Zwischenfall erfuhr. Ein Aufruhr, der 17 Tote und über 100 Verletzte forderte, war die Folge.

Verliebt in den Westen

Auch wenn er mittlerweile 61 Jahre alt ist und statt in Jeans und Lederjacke im traditionellen Salwar Kamiz auftritt, einem knielangen Hemd über einer Hose, ist seine legendäre Anziehungskraft noch zu spüren. Und doch könnte der Kontrast zu dem Imran Khan, der eine intensive Liebesbeziehung zum Westen unterhielt, kaum schärfer sein.

Seine erste Leidenschaft gilt dem Cricket, jenem höchst britischen Mannschaftssport, bei dem sich Werfer und Schlagmann – ähnlich wie beim Baseball – gegenüberstehen, ja duellieren. Der grosse Unterschied besteht darin, dass ein Cricketmatch traditionell fünf Tage dauert: gespielt in weissen Kleidern auf grünem Rasen. Ein Vergnügen, das im Pakistan seiner Jugend der Oberschicht vorbehalten ist. Der Sohn eines Bauingenieurs tut sich darin an der besten Mittelschule von Lahore hervor, dem Aitchinson College, wo pakistanischen Knaben beigebracht wird, britische Herren zu imitieren (so Imran Khan in seiner Autobiografie). Das aussergewöhnliche Talent verhilft ihm nach Oxford, wo er Politologie und Ökonomie studiert, macht ihn zum Star des Teams von Sussex und öffnet ihm die Türen zur High Society und zum Jetset in London.

15 Jahre lang lebt und spielt er in Grossbritannien, zählt Mick Jagger und Elton John zu seinen Freunden und Models, Designerinnen, Künstlerinnen zu seinen Freundinnen. Der Cricketspieler mit dem Sex-Appeal eines Rockstars lässt die Frauen reihenweise schwach werden. Seine Londoner Wohnung ist eine Mischung aus Kunstgalerie und Haremszelt. Ein gefundenes Fressen für die britische Boulevardpresse.

Einflussreicher Captain des Nationalteams

Der «King of Swing», wie er wegen seiner Fähigkeit genannt wird, schnelle Bälle mit unberechenbarem Drall zu werfen, avanciert mit 30 zum Captain des pakistanischen Nationalteams. Eine desolate Mannschaft, die unter Missmanagement und Vetternwirtschaft leidet. Imran Khan überzeugt als gewiefter Taktiker nicht nur auf dem Feld, er sorgt mit seinem Prestige auch dafür, dass wirklich die Besten aufgeboten werden. Junge Talente, die Cricket auf der Stras­­se gelernt haben, erhalten erstmals eine Chance. Es demokratisiert den Sport und verändert die Spielweise.

Als er nach einem Schienbeinbruch seinen Abschied geben will, verwahrt sich General Zia ul-Haq, der Diktator, persönlich dagegen. Imran Khan spielt unter Schmerzen weiter, konzentriert sich nun aufs Schlagen, entwickelt sich zum vortrefflichen Allrounder und führt Pakistan zum Weltcupsieg. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere tritt er zurück und geht als vielleicht bester Cricketspieler in die Geschichte ein.

Seine Mutter stirbt derweil an Krebs; in ganz Pakistan hat sich kein Arzt auf der Höhe der Medizin gefunden. Die erschütternde Erfahrung macht Imran Khan zum Wohltäter. Er spendet und sammelt 25 Millionen Dollar für das Shaukat Khanum Medical Centre, ein nach seiner Mutter benanntes Spitzenspital, das Bedürftige kostenlos behandelt.

Er plant einen Neubeginn in der Heimat, als er Jemima Goldsmith kennen lernt, die Tochter eines schillernden, von der Queen geadelten Milliardärs. Sie lernt Urdu und konvertiert zum Islam. Die beiden – sie 21, er 42 – heiraten 1995, zu den Hochzeitsgästen zählen Prinzessin Diana und Margaret Thatcher, und ziehen, wie es Usus in Pakistan ist, in sein Elternhaus in Lahore. Sie bewohnen drei schäbige Räume, wie sie im Hochglanzmagazin «Vanity Fair» klagt, die oft ohne Strom und Wasser sind. Während er sich als Politiker neu erfindet und eine eigene Partei aufbaut, bleibt sie mit den beiden Söhnen oft allein. Die Ehe scheitert, wird 2004 geschieden. Jemima Khan feiert ein Comeback im britischen Jetset: an der Seite von Hugh Grant.

Ein Mann erfindet sich neu

Imran Khan bleibt allein mit seinen Hirtenhunden und einem in Bau befindlichen Landgut bei Islamabad zurück: ein Luxusanwesen für seine Familie mit schmiedeeisernem Tor und mehr als 20 Zimmern. Er nutzt nur einen Teil davon, betet fünfmal täglich und betreibt die Politik fast wie ein Prediger. Lange wird er als Aussenseiter belächelt. Er lässt sich davon nicht beirren.

«Wenn du den Ball richtig treffen willst, musst du nach innen schauen», hat ihm ein Trainer einmal gesagt. Es ist eine der wichtigsten Lehren seiner Sportkarriere: auf die eigenen Werte kommt es an. Es braucht eine Rückbesinnung, wenn Pakistan seine Seele nicht verlieren will. Das vertritt Imran Khan als Politiker mit zunehmenden Erfolg. Bei den letzten Wahlen wurde seine Partei drittstärkste Kraft. Und nun reitet er auf einer Protestwelle, welche der Regierung stark zusetzt. Ob ihn dies bereits an die Macht bringt, ist fraglich. Aber eine andere seiner Maximen lautet: «Wenn du nicht aufgibst, bist du nicht zu schlagen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2014, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Ex-Cricketstar führt Massendemo in Pakistan an

Trotz Regen und Dunkelheit zogen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad zehntausende Menschen durch die Strassen. Sie fordern den Rücktritt des Regierungschefs, der erst ein Jahr im Amt ist. Mehr...

Sharif erklärt sich in Pakistan zum Sieger

Noch vor Bekanntwerden offizieller Wahlergebnisse hat sich Pakistans Ex-Premier Nawaz Sharif zum Sieger erklärt. Auch Ex-Cricket-Star Khan dürfte laut ersten Auszählungen gut abgeschnitten haben. Mehr...

Pakistans Ex-Präsident soll hinter Gitter

Ein pakistanisches Gericht hat einen Haftbefehl gegen den früheren Militärmachthaber Pervez Musharraf erlassen – im Zusammenhang mit der Ermordung der ehemaligen Ministerpräsidentin Benazir Bhutto. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Blogs

Mamablog Die Diktatur der Frühaufsteher

Tingler Das Alter als Wahl

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...