Der Täter steht mit seiner Haltung nicht allein da

In Südkorea gibt es eine neue Welle der Wut gegen die USA. Mitauslöser war eine Bemerkung der US-Vizeaussenministerin Wendy Sherman.

Der Täter hatte 2010 den japanischen Botschafter mit Betonklötzen beworfen. Im Bild der verletzte US-Botschafter Mark Lippert.

Der Täter hatte 2010 den japanischen Botschafter mit Betonklötzen beworfen. Im Bild der verletzte US-Botschafter Mark Lippert. Bild: Reuters

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Kim Ki-jong, der am Donnerstag in Seoul bei einer Frühstücksveranstaltung auf US-Botschafter Mark Lippert einstach, war als extremer Nationalist bekannt. Er brüstete sich, die USA hätten den Sicherheitszaun um ihre Botschaft in Seoul 1985 seinetwegen gebaut, nachdem er ihre Flagge angezündet hätte. 2010 hatte er den japanischen Botschafter mit Betonklötzen beworfen. Und erhielt dafür eine bedingte Gefängnisstrafe. 2014 schlug er bei einer Veranstaltung einen Geschäftsmann ins Gesicht. Die Polizei nannte den 55-Jährigen nach seiner Verhaftung einen Nordkorea-Anhänger.

Botschafter Lippert erlitt tiefe Schnittwunden im Gesicht und am Handgelenk, er musste zweieinhalb Stunden operiert werden. Nerven oder wichtige Blutgefässe seien im Gesicht nicht verletzt, gaben die Ärzte bekannt.

Kim rief während seiner Tat Anti-Kriegs-Slogans. Er wehre sich mit der Attacke gegen die gemeinsamen Manöver Südkoreas mit den USA, die diese Woche begonnen haben und jedes Jahr Spannungen mit Nordkorea verursachen. In seinem Blog schimpfte Kim, Korea sei wegen «der amerikanischen und japanischen Bastarde» geteilt. In einem Buch über seine Attacke auf Japans Botschafter heisst es, Kim verherrliche den Terrorismus.

Ein rabiater Nationalismus

Bis vor 25 Jahren gehörte Gewalt zur Auseinandersetzung um Südkoreas Zukunft, Polizei und Geheimdienst verprügelten und folterten Demonstranten und Gewerkschafter. Und die Studenten schlugen zurück. Heute ist Kim als Gewalttäter ein Einzelgänger. Mit seiner Haltung jedoch steht er nicht allein da. Durch Südkorea geht ein tiefer Riss, nicht nur wenn es um die Nordkoreapolitik geht, auch in sozialen und Wirtschaftsfragen. Die Linke fordert Nachsicht gegenüber dem Norden, die Konservativen und Älteren stehen für eine harte Linie. Beiden Lagern gemein ist ein rabiater Nationalismus, den Präsidentin Park Geun-hye und ihr Vorgänger Lee Myung-bak noch geschürt haben. Für die Opposition bedeutet der Nationalismus auch, die Stationierung amerikanischer Truppen in Korea abzulehnen. Und auch den Einfluss Washingtons auf Seouls Politik. Die konservative Elite dagegen und die grossen Unternehmen haben von den USA stets profitiert. Und damit, wie sie betonen, das ganze Land.

Vorigen Freitag sagte US-Vizeaussenministerin Wendy Sherman über die Politiker Nordostasiens: «Sie bespielen einen billigen Nationalismus und verhindern mit solchen Provokationen jeden Fortschritt» – also jede Aussöhnung. In Seoul deutete man das als Parteinahme für Japans Premier Shinzo Abe, der nicht mehr auf die japanischen Gräuel im Zweiten Weltkrieg eingehen will, sondern sie zum Teil sogar leugnet, während Park auf eine neuerliche Entschuldigung pocht. Das US-Aussenministerium sagt inzwischen, so habe es Sherman nicht gemeint. Aber in Südkorea ist diese neueste Welle der Wut gegen die USA nicht mehr aufzuhalten.

Präsidentin Park nannte den Anschlag auch «einen Angriff auf die Beziehungen zwischen den USA und Südkorea». Das hat der Attentäter durchaus beabsichtigt.

Erstellt: 05.03.2015, 18:24 Uhr

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